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„Die Vertriebenen waren für die Polen ein Schatz“

Flucht und Vertreibung „Die Vertriebenen waren für die Polen ein Schatz“

Der polnische Historiker und Autor Jan Piskorsi untersucht seit mehr als 15 Jahren Flucht und Vertreibung von Deutschen, Polen und Europäern zwischen 1938 und 1948. Im MAZ-Interview spricht er über die polnische Seite der deutschen Vertreibung, das Leben im „Wilden Westen“ und die schwierige Annäherung beider Seiten nach der Wende.

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Der polnische Historiker Jan Piskorski.

Quelle: Privat

Dahmeland-Fläming. Vertreibung und Zweiter Weltkrieg – das ist nicht allein ein deutsches Thema. Der polnische Historiker Jan Piskorski hat sich damit seit langem befasst und auch dazu veröffentlicht.

MAZ: Herr Piskorski, die ehemaligen deutschen Ostgebiete wurden nach 1945 von Polen besiedelt. Wo kamen diese Polen her? Waren sie auch zwangsumgesiedelt?

Jan Piskorski: Das war verschieden. Die ersten polnischen Ansiedler waren Gefangene und Zwangsarbeiter, die seit 1939 dort lebten. Ein Großteil blieb nach 1945, oft mit deutschen Frauen. Dann kamen Polen aus Deutschland, Frankreich, China und vor allem aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten. Aus der Ukraine etwa mussten sie weg, es hatte um 1943 Massaker an der polnischen Bevölkerung gegeben. Auch aus Litauen mussten viele verschwinden, vor allem aus den Städten. In Weißrussland hätten die meisten bleiben können. Sie wollten aber nicht unter Stalin leben.

Hatten diese Menschen bei ihrer Umsiedlung nach Westpolen mit ähnlichen Problemen zu kämpfen wie die deutschen Vertriebenen in ihren neuen Wohnorten?

Piskorski: Zum Teil. Viele Polen sind beim Transport gestorben, und es gab auch Integrationsprobleme. Oft haben in gemischten Dörfern auch in den Sechzigerjahren noch Ostpolen nur Ostpolen und Westpolen und Westpolen geheiratet. Ostpolen durften auch nicht in den Polizeidienst, weil man nicht zu unrecht annahm, dass sie russenfeindlich sind. Zum Teil gab es auch große Wohnungsnot, im zerstörten Breslau etwa. Stettin dagegen stand nach Kriegsende fast komplett leer.

War der Umzug in den Westen für die Ostpolen ein sozialer Aufstieg?

Piskorski Ich glaube es nicht. In den ehemals deutschen Gebieten war die Atmosphäre rau. Wie schon gesagt waren die ersten Siedler junge Zwangsarbeiter, die in Gefangenschaft gelernt hatten, dass Gewalt vor Recht geht. Sie blieben gewalttätig, auch gegen die eigenen Familien und Kinder. Die Städte des polnischen Westens unterschieden sich daher sozial sehr von Krakau oder Warschau. Niemand wollte wirklich dorthin. Wir nannten die Gebiete den „Wilden Westen“.

In der DDR war das Thema Vertreibung den 50er Jahren tabu. Wie verhielt es sich in Polen?

Piskorski: Es wurde in Etappen diskutiert. Ähnlich wie in der DDR sprach man lange nicht darüber. Während der Solidarnosc-Zeit in den frühen 80er-Jahren flammte kurzzeitig eine Debatte um die vertriebenen Polen und Deutschen sowie das Schicksal der polnischen Juden auf. Nach der Wende entdeckte man die Themen erneut, und als man dachte, man sei damit durch, folgte Ende der Neunziger die Kontroverse um Erika Steinbach (siehe Infokasten). Sie war wie ein Elefant im Porzellanladen aufgetreten, hatte nur über deutsches Leid gesprochen und viel kaputt gemacht. Aber rückblickend verdanken wir ihr viel. Der folgende Diskurs hat uns alle – ohne dass sie das wollte – weitergebracht.

Sie leben derzeit in Schloss Wiepersdorf und forschen in der Region über Vertreibung. Was machen Sie genau?

Piskorski: Ich habe schon vor 15 Jahren mit Studenten Krieg, Flucht, Vertreibung und Versöhnung in Polen und Deutschland untersucht und Zeitzeugen interviewt. Inzwischen sind die meisten Vertriebenen gestorben. Deshalb suche ich nach Tagebüchern.

Mit welchen Erkenntnissen?

Piskorski : Die Gedankenwelt, die man in den Schriften findet, unterscheidet sich sehr von unser heutigen. Die Menschen auf der Flucht beschäftigten sich nur mit Kleinigkeiten wie: Ich habe keine Mütze, keine Schuhe, keine Töpfe. Das waren die wirklichen Probleme, die heute, wenn wir klug über Flucht und Vertreibung reden, oft übersehen werden. Diese Probleme sind überall gleich. Genau wie die Folgen, die sich in ganz Europa nach der Dekade von Mord und Vertreibung 1938 bis 1948 beobachten lassen. Wenn junge Leute nur Gewalt kennen lernen, dann bleibt die Gewalt. In Polen änderte sich das erst mit der Solidarnosc-Generation, die keine Angst mehr hatte. Auch nicht davor, dass die Deutschen ihnen ihre Heimat wieder wegnehmen.

Wie lange war die Angst präsent?

Piskorski : Mindestens bis zum Kniefall von Willy Brandt 1970 in Warschau. Das war meines Erachtens das wichtigste Ereignis im deutsch-polnischen Verhältnis bis 1989. Sie werden wohl bis heute keinen Polen finden, der das Foto nicht kennt. Diese Geste hat alles verändert. Die Angst war weg.

Wie bewerten Sie das Verhältnis zwischen den Einwohnern der polnischen Westgebiete und den deutschen Vertriebenen heute?

Piskorski: Auch wenn es überraschend klingen mag: Die Vertriebenen waren für die Polen ein Schatz. Es war die einzige deutsche Gruppe, die sich überhaupt für sie interessierte. Sie kamen sofort und wollten Beziehungen aufbauen. Die Generation der Vertriebenen auf beiden Seiten fand auch gleich eine gemeinsame Sprache. Sie haben zwar erst aneinander vorbeigeredet, aber sie tranken zusammen Bier. Und nach ein paar Jahren verstanden sie, dass man auch zuhören und miteinander sprechen muss. Das war Ende der Neunziger. Dann kam Frau Steinbach. Aber wenn man 200 Jahre lang eine Beziehung kaputt gemacht hat, kann man sie auch nicht innerhalb von zwei Jahren reparieren. Man muss 200 Jahre daran arbeiten. 70 Jahre sind inzwischen vorüber, und was wir errungen haben, ist fast unglaublich. Die letzten Jahre haben das beschleunigt, weil globale Probleme wie Kriege und Flüchtlingskrisen uns zur Zusammenarbeit gezwungen haben.

Wo stehen Deutsche und Polen heute in der Vertriebenenfrage?

Piskorski: Meines Erachtens ist das kein Thema mehr, unsere historischen Probleme erscheinen fast unwichtig bei den großen Problemen der Gegenwart. Außerdem sieht man immer öfter die Gemeinsamkeiten. Die Polen gelten in Deutschland heute als Vorzugsmigranten, und deutsche Arbeitgeber in Polen als sehr gut und sozial. Gegenseitige Stereotypen lösen sich auf – wobei dieser Prozess in Polen schneller voranschreitet. Wichtig ist, dass wir weiter lernen, dem anderen zuzuhören. Es wäre gut, wenn mehr Deutsche nach Polen kämen, sich ein Bild von dem Staat machen und versuchen, die Polen besser zu verstehen.

Was zum Beispiel?

Piskorski: Jede Nation ist besessen von bestimmten Themen. Für die Polen ist das die Unabhängigkeit, um die sie immer noch fürchten. Die deutsche Obsession der letzten Jahre dagegen ist Flucht und Vertreibung. Das wiederum müssen die Polen verstehen – und gemeinsam müssten wir dann daraus Dinge ableiten, um den heutigen Opfern von Flucht und Vertreibung besser zu helfen. Das wäre das Beste, was wir gemeinsam für die Zukunft Europas tun können.

Von Oliver Fischer

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