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Dieses Paar schrieb in Brandenburg Geschichte

15 Jahre Homo-Ehe Dieses Paar schrieb in Brandenburg Geschichte

Wenn sich schwule und lesbische Paare in Deutschland das Versprechen der ewigen Liebe geben, heißt das nicht heiraten, sondern ganz offiziell „verpartnern“. Christian und Andreas Günther waren die ersten – und schrieben damit Geschichte. Sie gaben sich am 1. August 2001 in Diedersdorf das Ja-Wort – vor genau 15 Jahren.

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Andreas und Christian Günter bei ihrer Verpartnerung 2001.

Quelle: privat

Dahmeland-Fläming. Den 1. August 2001 wird Christian Günther nie vergessen. Es ist nicht nur sein Hochzeitstag, der Tag, an dem er seinem Mann Andreas auf Schloss Diedersdorf nach sieben Jahren Beziehung unter dem Applaus von Freunden und Familie einen silbernen Ring über den Finger schob. Es war auch der Tag, an dem er und Andreas Geschichte schrieben.

Seit genau 15 Jahren ist in Deutschland das Lebenspartnerschaftsgesetz in Kraft – ein spröder Begriff für eine romantische Sache. Seither können Schwule und Lesben zwar – rein rechtlich gesehen – immer noch nicht heiraten, aber sie können eine Lebenspartnerschaft eintragen lassen, was dem Status einer Ehe zwischen Mann und Frau inzwischen ziemlich nahekommt. Christian und Andreas Günther, die damals in Diedersdorf wohnten, waren das erste schwule Paar, das diesen Schritt in Brandenburg vollzog.

Am 1

Am 1. August 2001 gab sich das erste schwule Paar in Deutschland das Ja-Wort.

Quelle: dpa

Das Fernsehen war dabei

Es war wunderbares Wetter, erinnert sich Christian Günther. Rund 80 Hochzeitsgäste waren ins Schloss Diedersdorf gekommen, das erste „Homo“-Ehepaar stand im Partnerlook mit Janker und Binder zwischen Antikmöbeln und Leuchtern. Die Standesbeamtin war fast so aufgeregt wie das Paar selbst – immerhin war das Fernsehen da, sie musste die üblichen Formulierungen über Mann und Frau umschiffen und auch eine andere Frage stellen. „Wollen Sie diese Lebenspartnerschaft begründen?“, fragte sie am Ende ihrer 20-minütigen Rede. Christian sagte „ja“, Andreas sagte „ja“, es folgten Kuss, Ringtausch und die Unterschriften. Weil Brandenburg noch keine eigenen Formulare hatte, benutzte die Standesbeamtin die aus Hessen.

Wie viele schwule und lesbische Paare sich seither in der Region das Ja-Wort gegeben haben, lässt sich schwer sagen. Beim statistischen Landesamt wurden die Zahlen erst Jahre nach der Einführung gesondert erfasst, ein kreisweites Register gibt es nicht. Was greifbar ist: Im vergangenen Jahr wurden brandenburgweit 217 Lebenspartnerschaften geschlossen. In der Region Dahmeland-Fläming bewegten sich die Zahlen zuletzt stets zwischen 20 und 30. Sowohl in Dahme-Spreewald als auch in Teltow-Fläming dürften damit also bisher mindestens 100 homosexuelle Paare den Bund fürs Leben besiegelt haben. In den großen Standesämtern wie Königs Wusterhausen oder Blankenfelde-Mahlow sind es oft mehrere im Jahr, im ländlichen Raum gibt es alle paar Jahre mal eine.

Drei bis vier Verpartnerungen pro Jahr in Blankenfelde-Mahlow

Allzu groß sei der Unterschied zu herkömmlichen Eheschließungen dabei nicht, sagt Eveline Hofmann, Standesbeamtin in Blankenfelde-Mahlow. „Der Text weicht ein bisschen ab, aber darüber hinaus sind die Gesellschaften wie andere Gesellschaften auch.“ Anfangs habe es in Blankenfelde mehr schwule Hochzeiten gegeben. Inzwischen seien es mehr lesbische, sagt Eveline Hofmann. Diese Beobachtung dürfte statistisch gesehen allerdings wenig aussagekräftig sein. Im Schnitt traut Eveline Hofmann drei bis vier homosexuelle Paare im Jahr, es gab auch schon Jahre ohne. In diesem Jahr hat sich für Oktober das erste Paar angemeldet. Es sind Frauen.

Der Moment, in dem das Glück der Liebe besiegelt wurde

Der Moment, in dem das Glück der Liebe besiegelt wurde.

Quelle: privat

Dass er und sein Mann Andreas damals das erste homosexuelle Hochzeitspaar in Brandenburg waren, sei Zufall gewesen, sagt Christian Günther. Sie hatten einfach nicht länger warten wollen. Nachdem sie sich 1994 in Berlin-Schöneberg kennengelernt hatten, waren sie schnell zusammengezogen, nach zwei Jahren Beziehung hatten sie sich ein Haus in Diedersdorf gekauft. „Das war ja schon wie eine Eheschließung“, sagt Christian Günter. Sie fühlten sich zusammengehörig und hätten die Verbindung auch früher offiziell gemacht, wenn es denn gegangen wäre. Zumal eine Beziehung ohne Trauschein auch viele rechtliche Unsicherheiten mit sich bringt. „Als das Gesetz vor der Verabschiedung stand, haben wir uns gleich angemeldet“, erzählt Christian Günther. Dann gab es aber noch einiges Gezerre um das Thema. Bayern, Thüringen und Sachsen klagten gegen das Gesetz. Christian und Andreas luden ihre Gäste wieder aus. Dann lehnte das Bundesverfassungsgericht die Klage der unionsregierten Länder ab, ebnete den Weg für das Gesetz und damit auch für die weiße Kutsche und den Konfettiregen der Günthers.

Viele Rechte und Pflichten, die Ehepartner auch haben

Was Christian und Andreas Günther damals mit der Unterschrift bekamen, waren zahlreiche Rechte und Pflichten, die Ehepartner auch haben. Die Verpflichtung zur gemeinsamen Lebensführung, zum Unterhalt, zur güterrechtlichen Einigung etwa. Das Recht zu erben, das Recht, den Namen des Partners anzunehmen. Sie mussten keine doppelten Rundfunkgebühren mehr zahlen, hinzu kamen später mit den verschiedenen Novellierungen weitere Rechte. Seit 2013 werden Lebenspartner bei der Einkommensteuer wie Ehepartner behandelt. Seit 2014 sind sie auch bei der Kirchensteuer gleichgestellt. Es gab Anpassungen im Arbeitsrecht, im Versorgungsrecht und beim Rentenanspruch.

Das glückliche Paar auf dem Christopher Street Day in Berlin

Das glückliche Paar auf dem Christopher Street Day in Berlin.

Quelle: privater Screenshot / Heinrich v. Schimmer

Und auch gesellschaftlich wurden die Lebenspartnerschaften aufgewertet. „Am Anfang war es vom Gesetzgeber noch gar nicht wirklich vorgesehen, dass man da ein großes Theater drum macht, die Verpartnerung war eher als Verwaltungsakt gedacht“, erinnert sich Anja Schmolke, Standesbeamtin in Niedergörsdorf. Viele Bürgermeister verwahrten sich sogar gegen eine Zeremonie im Standesamt. Es sei damals auch lediglich eine Niederschrift gefertigt worden, die in einer Akte abgelegt wurde. Anders als bei der Eheschließung gab es kein Register. „Als das Register dann eingeführt wurde, haben wir alle Akten wieder rausgeholt, jedes Paar hat eine neue Nummer bekommen, es wurden noch einmal neue Urkunden ausgestellt, und die haben wir dann allen Paare zugeschickt“, erinnert sich Anja Schmolke.

Verfassungsmäßige Recht auf Lebenspartnerschaft fehlt

Es ist also inzwischen fast alles wie bei der Ehe. Selbst eine „Homo“-Scheidung hat Anja Schmolke unlängst in die Bücher eingetragen. Was Schwulen und Lesben aber noch immer fehlt, ist ein verfassungsmäßiges Recht auf eine Lebenspartnerschaft. Gleichgeschlechtliche Paare dürfen auch bis heute noch nicht gemeinsam ein Kind adoptieren. Und streng genommen dürfen sie auch nicht sagen, dass sie verheiratet sind.

Christian und Andreas Günther leben auch 15 Jahre nach ihrer Verpartnerung immer noch glücklich zusammen als Mann und Mann. Ganz zufrieden sind sie mit ihrem Status aber nicht. „Es fühlt sich an wie Ehe light, wir sind eben nur verpartnert“, sagt Christian Günther. Sollten sich die Parteien im Bund irgendwann doch auf die echte Homo-Ehe einigen, dann werden sie deshalb noch einmal vors Standesamt treten. Möglicherweise in Berlin, wo sie heute leben. Vielleicht aber auch noch einmal in Diedersdorf.

Von Oliver Fischer

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