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„Ein Auto muss Charakter haben“

MAZ-Serie: Das Fachgespräch „Ein Auto muss Charakter haben“

Thorsten Erich arbeitet seit 1999 im Familienbetrieb für englische Automobile in Königs Wusterhausen. Im MAZ-Interview spricht der 58-Jährige über seine Liebe zu alten englischen Autos und die Angst, ob nach einer Reparatur auch alles funktioniert.

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Thorsten Erich hat sich als Kfz-Meister auf die Arbeit mit Oldtimern spezialisiert.

Quelle: Danilo Hafer

Königs Wusterhausen. Thorsten Erich (58) ist Kfz-Meister. Seit 1999 ist er im Familienbetrieb – einer Werkstatt für englische Fahrzeuge in Königs Wusterhausen - tätig.

Herr Erich, Sie haben sich auf englische Autos und Oldtimer spezialisiert. Macht es einen Unterschied, ob Sie einen billigen Opel oder einen Rolls-Royce reparieren sollen?

Thorsten Erich: Man sollte eigentlich jeden Wagen mit dem nötigen Respekt behandeln. Da ist es erst einmal egal, welchen materiellen Wert das Fahrzeug hat. Aber natürlich – mein Herz schlägt für die Klassiker unter den Fahrzeugen, für die alte Technik, das Design und die Historie dahinter. Mir macht es einfach mehr Freude, an diesen Fahrzeugen zu arbeiten und es ist auch eine besondere handwerkliche Herausforderung für mich.

Was müssen Sie bei Oldtimern beachten?

Erich: Bei einfachen Instandsetzungs- und Wartungsarbeiten verhält es sich ähnlich wie bei neueren Fahrzeugen. Die Teilebeschaffung ist allerdings immer noch etwas schwieriger, wobei der Markt sich schon ganz gut auf die Oldtimerei eingestellt hat. Und es gibt keine oder wenig Elektronik – die Fehlerdiagnose übernimmt also nicht der Tester, sondern der Mechaniker. In neueren Fahrzeugen gibt es zum Beispiel auch keinen Vergaser mehr.

Müssen Sie auch anders mit den Kunden umgehen?

Erich: Werden die Arbeiten umfangreicher – also bis hin zur Restauration, ist die Kommunikation mit dem Kunden sehr wichtig. Gemeinsam wird ein Konzept erarbeitet. Es werden Wünsche und Ziele der Kunden, der finanzielle Rahmen und die technischen Möglichkeiten besprochen. Klassische Fahrzeuge sind ein Kulturgut – es geht also auch um Originalität und Authentizität, um Werterhalt und Wertsteigerung. Mir geht es darum, dem Kunden, aber auch dem Fahrzeug gerecht zu werden. Das ist ein Prozess über die gesamte Restaurationszeit.

Bedarf eine Restauration besonderer Vorbereitung?

Erich: Wird das Fahrzeug dann zerlegt, muss jede Baugruppe, jedes Teil begutachtet und entschieden werden, ob Weiterverwendung, Aufarbeitung oder Ersatz notwendig ist. Die Demontage und Einlagerung der Einzelteile sollte schon sehr systematisch erfolgen und gut dokumentiert werden, damit es bei der späteren Montage keine Probleme gibt. Dann geht es an die Projektplanung – was beschaffe ich wo und wann, mit welchen Partnern arbeite ich zusammen, zum Beispiel bei Lackierung und Sattlerarbeiten, und in welchem Zeitrahmen bewegen wir uns. Absolut wichtig für mich ist der sorgfältige Umgang mit den Fahrzeugen und Materialien.

Verzweifeln Sie manchmal, wenn Sie einen Fehler nicht sofort finden oder etwas nicht so funktioniert, wie Sie es sich vorgestellt haben?

Erich: Das gibt es natürlich schon. Manchmal ist der Weg zur Lösung eines Problems schwierig und man braucht einen langen Atem. Da hilft es nur, die Ruhe zu bewahren oder auch mal einen „emotionalen Abstand“ zu schaffen, indem man das Problem einfach eine kurze Zeit ruhen lässt. Manchmal kann es auch nerven, wenn man über Monate Tag für Tag am gleichen Fahrzeug arbeitet. Es gibt dann einfach zu wenig Abwechslung.

Was war die umfangreichste Reparatur, die Sie durchgeführt haben?

Erich: Das war eine Restauration über circa zwei Jahre.

Warum sind Sie überhaupt Kfz-Mechaniker geworden?

Erich: Also Technik interessierte mich schon seit meiner Jugend. Ich wollte schon immer wissen, wie etwas funktioniert. Autobegeistert war ich, seit ich denken kann. Ernsthaft angefangen hatte es, als ich mir nach Erwerb meiner Fahrerlaubnis mein erstes Auto kaufte. Das war ein Oldtimer, ein Wartburg Sport 313, mein damaliger Traumwagen. Seitdem habe ich das Schrauben als Hobby betrieben.

Haben Sie damals gleich eine Ausbildung gemacht?

Erich: Da es nicht so einfach war, eine Lehrstelle als Kfz-Mechaniker zu bekommen, habe ich eine Berufsausbildung zum Elektromechaniker gemacht. Doch sofort nach der Wende habe mich in einer Kfz-Werkstatt im ehemaligen West-Berlin beworben. Dort habe ich erst mal zwei Jahre gearbeitet. Dann wurde glücklicherweise meine Bewerbung in einer Oldtimerwerkstatt angenommen. Dort erwachte meine Liebe zu den englischen Fahrzeugen. Durch meine langjährige Tätigkeit in dem Berufsfeld durfte ich aufgrund der „Altgesellenregelung“ den Meistertitel erwerben und war dann endlich ganz offiziell ein Kfz-Mechaniker-Meister.

Haben Sie manchmal Angst, wenn Kunden ihr Auto abholen, ob auch alles funktioniert?

Erich: Angst ist vielleicht das falsche Wort, man hat seine Arbeit ja nach bestem Wissen und Gewissen gemacht. Aber besorgt ist man manchmal schon. Denn der Oldtimer ist und bleibt ja ein altes Fahrzeug, bei dem immer wieder etwas kaputtgehen kann. Wenn ein Fahrzeug unmittelbar nach einer größeren Reparatur auf Reisen geht – mit der Familie in den Urlaub oder zu einer Oldtimerveranstaltung –, dann hoffe ich schon sehr, dass alles gut läuft. Wenn nun am Sonntag das Telefon klingelt, bekommt man erst mal einen Schreck. Zum Glück ist es meistens so, dass sich die Kunden einfach nur bedanken wollen, sagen, dass alles gut läuft und sie eine Menge Fahrspaß haben. Das ist eine schöne Anerkennung für unsere Arbeit und motiviert ungemein.

Blutet Ihnen das Herz, wenn Sie ein völlig runtergekommenes Auto sehen?

Erich: Das Herz blutet nicht unbedingt, wenn das Auto ein alter Scheunenfund ist, dann hüpft es eher vor Freude und Aufregung. Aber wenn das Fahrzeug einfach schlecht gepflegt oder repariert wurde, dann tut das schon wirklich weh.

Was ist besser? Waschanlage oder Autowäsche von Hand?

Erich: Für die Oldtimer auf jeden Fall Handwäsche. Es ist die schonendere Methode, man kommt wirklich in jede „Ecke“ und es ist doch einfach schön, über Flächen und Kurven zu streichen.

Mittlerweile werden in vielen Werkstätten ja nur noch Teile ausgetauscht, wird nicht mehr wirklich repariert. Wie ist bei Ihnen?

Erich: Hier wird meistens noch repariert, das Handwerk im besten Sinne steht hier absolut im Vordergrund. Schweißen, Drehen, Bohren, Löten, Gewindeschneiden, Kleben. Man kann seine handwerklichen Fähigkeiten ausleben und ständig dazulernen. Wir arbeiten mit Metallen, Holz, Leder, Lacken, Kunststoffen. Das ist anspruchsvoll, vielseitig und sehr interessant. Wenn man seine Arbeit wirklich gut machen will, muss man eine Leidenschaft für die Sache entwickeln und ganz klar mit dem Herz dabei sein.

Muss ein Auto unbedingt immer schnell fahren?

Erich: Nein – es muss „Charakter“ haben. Das ist viel wichtiger.

Welche Autos mögen Sie besonders?

Erich: Jaguar ist schon meine Lieblingsmarke. Da sind es dann vor allem die Modelle der 60er und 70er Jahre. Die XK-Baureihe dieser Zeit reizt mich eigentlich am meisten. Diese Fahrzeuge besitzen den herrlichen Sechs-Zylinder Motor mit einem Hubraum über drei Liter und die späteren Modelle haben die ersten hydraulisch betätigten Scheibenbremsen. Das Design ist für mich überzeugend – die Seitenlinie dieser Fahrzeuge zeigt die Silhouette eines springenden Jaguar. Und die XK´s sind schnell. Aber mir gefallen auch Mini MKI, Maserati GT, amerikanische Pick-Ups, frühe Landrover-Modelle und viele andere Fahrzeuge.

Was unterscheidet denn einen Oldtimer von einem normalen Auto?

Erich: Technik, Design, Idee, Material, Handling, Fahrgefühl, Gebrauchswert, Historie. Machen Sie doch mal eine Motorhaube auf oder eine Tür – es riecht nach Öl, Holz und Leder. Drehen Sie eine Proberunde – es ist ein völlig anderes Fahrgefühl. Der Motor hört sich anders an, die Technik ist robuster und „ehrlicher“. Das Auto hat eine Geschichte zu erzählen und als Liebhaber klassischer Fahrzeuge interessiert man sich auch für die Zeitepoche, in der es gebaut wurde – Wirtschaft, Mode, Musik, Politik. Ein Oldtimer ist eben mehr als ein Auto.

Ein Auto ist für Sie also weniger ein Transportmittel, als vielmehr ein Lebensgefühl?

Erich: Auch wenn das Auto als Transportmittel erfunden wurde, so war es doch seit jeher auch ein „Kultobjekt“. Ja, es ist Ausdruck eines Lebensgefühls. Ich denke, das geht vielen Menschen so, auch mit modernen Fahrzeugen. Das hat also nicht unbedingt mit den Oldtimern zu tun. Ein Auto spiegelt neben dem Zeitgeist in gewisser Hinsicht auch die Persönlichkeit des Fahrers und eben dessen Lebensgefühl wieder. Trotzdem ist ein Auto – auch ein Oldtimer - vor allem zum Fahren da. Das tut Mensch und auch Technik gut.

Sie besitzen selbst einen Jaguar MK2 aus den 1960er Jahren. Wie oft holen Sie den Wagen aus Ihrer Garage?

Erich: Viel zu selten. Das ist ja das Problem, wenn man sein Hobby zum Beruf macht – es bleibt zu wenig Zeit. Manchmal hat man auch keine Lust, das eigene Auto am Wochenende aus der Garage zu holen, wenn man die ganze Woche über schon so schöne Autos fahren darf. Aber zu Familienfeiern ist es gerne im Einsatz – erst kürzlich als Hochzeitslimousine. Das ist dann eine besondere Freude.


Von Danilo Hafer

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