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Ein halbes Jahr im Birkengrund

MAZ-Serie: „In der neuen Heimat“ Ein halbes Jahr im Birkengrund

Als die Yassins in der Ludwigsfelder Flüchtlingsunterkunft im Birkengrund eintrafen, fanden sie ein wintergraues Gelände vor, von dem sie nicht wussten, wie lange sie dort bleiben würden. Inzwischen leben sie dort seit einem halben Jahr. Die MAZ hat sie über den ganzen Weg begleitet. Ein Zwischenfazit.

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Die Yassins leben seit Februar in Ludwigsfelde.

Quelle: Anja Meyer

Ludwigsfelde. Manchmal kommt es vor, dass Rabiha Ghomeira sich nachmittags ihre kleine Tochter Meis schnappt, mit ihr in den Park geht, das Kind dort auf den Rasen setzt und es einfach spielen lässt. Sie selbst sitzt dann daneben und schaut die Bäume an, die Büsche, das Gras und den Himmel. Sie will an diesen Tagen niemanden um sich haben, weder ihren Mann Mohammed noch ihre großen Kinder.

Eine Stunde für sich, vielleicht auch zwei, wenn Meis so lange durchhält, das muss drin sein. In dieser Zeit verbietet sie sich auch das Nachdenken. Sie blendet die Gedanken aus an ihre Eltern in Syrien, den Bruder in der Türkei, an die zerschossenen Städte ihres Heimatlandes und die verlorenen Jahre auf der Flucht. Zumindest versucht sie es. Sie versucht auch, nicht an die Papiere zu denken, die die Familie noch braucht, und die Antragsverfahren die in ihrem Namen laufen, nicht an Chancen und Möglichkeiten, nicht an Termine und Verpflichtungen und auch nicht an die Briefe, die sie von allen möglichen Ämtern bekommen. Sie schaut nur ihrem Kind zu, damit sie wenigstens für eine kurze Zeit die Ruhe findet, die jeder hin und wieder braucht. Allein: Als Flüchtling hat man diese innere Ruhe nicht, sagt Rabiha. In Syrien habe es sie zuletzt nicht mehr gegeben, während ihrer Jahre in der Türkei nicht, und auch in Deutschland suche sie sie immer noch oft vergebens.

Küche ist Wohnzimmer-Ersatz geworden

Seit einem halben Jahr leben Rabiha (40), ihr Mann Mohammed Yassin (46) und ihre Kinder Rabi (12), Hala (8) und Meis (1) jetzt im Ludwigsfelder Flüchtlingsheim am Birkengrund. Sie haben dort eine kleine Wohnung für sich, zwei Zimmer, ein Bad und die Küche, in der Rabiha auch an diesem Tag wieder seit Stunden Teig geknetet, Backwaren gerollt, Obst geschnitten und zwischendurch Vokabeln gelernt hat. Jetzt ist die Pizza für die Familie im Ofen, Rabiha sitzt am Küchentisch, zündet eine Zigarette an und lässt die vergangenen sechs Monate Revue passieren. Es sei trotz der ganzen Erschöpfung grundsätzlich eine gute Zeit in Deutschland, sagt sie. Es gebe viel Positives. Und es gebe immer noch Hoffnung. Das ist schon mal was.

Die Küche ist für die Yassins zum Ersatz für ein Wohnzimmer geworden, das die Familie nicht hat. Sie ist der einzige Raum, in dem ein Tisch steht und in den mehr als drei Stühle passen. Immer öfter sitzt Rabiha abends dort, liest oder lernt.

Etwas Farbe macht die Räume wohnlich

Mohammed hat dort Küchenregale angedübelt, damit der Raum wohnlicher aussieht, so, wie sie auch den Flur geweißt und das Schlafzimmer in einem hellen Braun getüncht haben. „Meine Freundin hat mich gefragt, ob ich verrückt bin. Es sei doch nicht unsere Wohnung und wir wüssten doch gar nicht, wie lange wir noch im Heim wohnen“, erzählt Rabiha.

Aber vorher hing die Tapete teilweise in Fetzen an der Wand. Sie hätten den Anblick einfach nicht mehr ertragen. Und weil nicht absehbar ist, wann ihr Asylverfahren durch ist und sie eine eigene Wohnung beziehen können, haben sie ein paar Euro in Farbe und einen Tag Arbeit investiert. „Hat sich doch gelohnt“, sagt Rabiha.

Der Alltag verschlang Kraft

Als sie im Februar in Ludwigsfelde ankamen, fanden sie am Birkengrund eine wintergraue Flüchtlingsunterkunft vor. Ein paar Wohnblöcke, ein Sandplatz, auf dem Kinder spielten, zwei Leichtbauhallen, die der Landkreis kurz zuvor noch in aller Eile aufgestellt hatte. Der Heimleiter meinte es damals gut mit ihnen und wies ihnen die einzige freie Wohnung zu.

Das war Glück. Schwieriger wurde dann der Alltag, der Kraft und Nerven verschlang. Vor allem wegen des Abschiebeverfahrens, das nach drei Monaten gegen Rabiha und Mohammed eingeleitet wurde. Sie hatten kurz nach ihrer Ankunft in Deutschland einen Abstecher zu Mohammeds Bruder in Belgien gemacht und waren dort registriert worden. Beim Bundesamt sah man deshalb Belgien für die Yassins zuständig. Sie wollen aber in Deutschland bleiben, und ihre Chancen stehen inzwischen auch recht gut, sagt ihr Anwalt, aber entscheiden werden das letztlich Verwaltungsrichter. Bis dahin bekommen sie, anders als die meisten anderen Syrer, keine Anerkennung. Und weil sie die nicht haben, hagelte es immer wieder Absagen.

Bürokratie bringt Frust

Hinzu kämen die täglichen Rückschläge, die mit der Bürokratie zu tun haben, aber auch mit dem fehlenden Sprach zu tun haben, sagt Rabiha. „Wir wollten ein Konto mit zwei EC-Karten für uns eröffnen. Aber es ging nicht, weil wir unterschiedliche Nachnamen haben“, erzählt sie. Auf Englisch ließ sich das Missverständnis offenbar nicht ausräumen. Nach langen Diskussionen haben Sie jetzt zwei Konten, was alles komplizierter macht. Es ist keine große Sache – aber vergleichbare Dinge erleben Sie auch auf Ämtern. Die meisten Leute seien nett, aber die Abläufe und der Papierkram können einen Asylbewerber schon mal verzweifeln lassen. Natürlich sei sie deshalb zwischendurch frustriert gewesen, sagt Rabiha. „Wir müssen aber weiterkämpfen, auch wenn es schwer fällt.“

Und es gebe ja viel Positives. „Ich hätte nicht erwartet, dass meine Kinder nach einem halben Jahr schon so gut Deutsch sprechen können. Sie verstehen alles, übersetzen und helfen der Familie“, sagt sie. Außerdem habe sie deutsche Freunde gefunden. Leute, die der Familie helfen, wo immer es geht. Rabi spielt Fußball im Verein, Hala tanzt – und seit dieser Woche ist auch klar, dass Rabiha und Mohammed einen Deutschkurs machen dürfen. „Ich hatte Angst, dass wir wieder keine Zulassung bekommen, aber jetzt bin ich glücklich“, sagt Rabiha.

Rabiha möchte als Krankenschwester arbeiten

Wie es für sie in Deutschland weiter gehen wird, das wissen sie noch immer nicht. Der Kurs dauert erst einmal acht Monate. Was danach sein wird, sei nicht absehbar.

Mohammed träumt davon, nach Hamburg zu gehen. Dort gibt es große Werften, wo er womöglich wieder als Schiffsingenieur arbeiten könnte. Bewerben wolle er sich auf jeden Fall, sagt er. „Wir werden sehen, ob das klappt und was die Familie dann macht“, antwortet Rabiha. Sie hat sich inzwischen an Ludwigsfelde gewöhnt. Die Stadt ist nicht so groß und lebendig wie ihre Heimatstadt Latakia, aber sie kennt die Wege inzwischen, sie ist vernetzt, die Kinder gehen zur Schule und haben Freunde gefunden. „Es hängt vom Angebot ab“, sagt Rabiha. Und auch davon, was für sie noch möglich ist.

Ihr Plan sieht derzeit vor, als Krankenschwester zu arbeiten. Für später könne sie sich auch vorstellen, noch einmal zu studieren, sagt sie. Zwar hatten sie den Weg nach Europa anfangs vor allem für die Kinder unternommen. Aber mittlerweile ist Rabiha klar, dass auch sie eine Perspektive braucht. „Ich kann schließlich nicht immer nur für die Kinder da sein.“

Von Oliver Fischer

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