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„Engagement lohnt sich in jedem Fall“

Neue MAZ-Serie: Bürgerinitiativen „Engagement lohnt sich in jedem Fall“

Kay-Uwe Kärsten von der Potsdamer „WerkStadt für Beteiligung“ sieht Initiativen als Bereicherung der Gesellschaft an. Im MAZ-Interview spricht er über die Rolle von Bürgerinitiativen als Interessenvertretungen engagierter Menschen.

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Kay-Uwe Kärsten

Quelle: privat

Potsdam. Kay-Uwe Kärsten arbeitet seit November 2013 im Büro der Potsdamer „WerkStadt für Beteiligung“. Die Einrichtung soll faire Bedingungen im Spannungsdreieck Initiativen, Verwaltung und Politik schaffen. Schon vor dieser Tätigkeit hat Kärsten Erfahrungen mit Vereinen und Bürgerinitiativen gesammelt – als Moderator und Prozessbegleiter unterstützte er unterschiedliche Initiativen in ihrer Arbeit. Auch privat engagierte er sich in Initiativen. Er spricht über Merkmale, Organisationsformen und die Rolle von Bürgerinitiativen.


MAZ:
Herr Kärsten, wie genau definiert man eine Bürgerinitiative?

Kay Kärsten: Das ist eine gute Frage, auf die es keine genaue Antwort gibt. Eine klassische, konkret definierte Bürgerinitiative gibt es nicht. Aber es gibt einige Merkmale, die viele dieser Initiativen verbinden. Im Übrigen störe ich mich schon am Begriff Bürgerinitiative.

Was stört Sie daran?

Kärsten: Das Wort Bürger, denn es schließt bereits sprachlich bestimmte Personengruppen aus. Ein Bürger ist im staatsrechtlichen Sinne jemand, der volljährig ist und zum Staat gehört. Somit würden Ausländer, Kinder und Jugendliche ja aus Bürgerinitiativen ausgeschlossen werden. Auch Frauen wären ausgeschlossen, sonst hieße es Bürgerinneninitiative. Doch auch sie engagieren sich in Initiativen – und das ist wichtig.

Wie würden Sie Bürgerinitiativen dann benennen?

Kärsten: Einfach nur Initiativen.

Nun gut, dann sprechen wir von Initiativen. Was sind denn typische Merkmale einer Initiative?

Kärsten: Allen gemein ist das Thema, meistens ist es ein sehr konkretes, das die Menschen an einem bestimmten Ort bewegt. Das kann im Bereich Umweltschutz, Stadtentwicklung oder Kultur liegen, da kennt zivilgesellschaftliches Engagement keine Grenzen. Häufig richten sich Initiativen gegen gefällte Beschlüsse der Gemeindevertretungen, dem Parlament oder der Verwaltung. Aber es gibt auch solche, die selbst Themen setzen. Dabei haben die Initiativen auch unterschiedliche Aktionsformen – einige sammeln Unterschriften, andere organisieren Demonstrationen und wieder andere starten ein Begehren.

Wie ist eine Initiative denn organisiert?

Kärsten: Initiativen haben keine festgelegte Organisationsform, auch das ist ein typisches Merkmal. Es kommt ganz auf das Thema an: Bewegt es viele Menschen, dann kommen auch viele Menschen zusammen und haben deutlich mehr Möglichkeiten. Wenn 100 Leute in einer Initiative vernetzt sind, bündeln sie genug Zeit und Geld, um auf sich aufmerksam zu machen. Sie können Demonstrationen oder Flashmobs auf die Beine stellen. Aber auch Initiativen mit nur fünf Leuten geben oft schon regelmäßig Presseinformationen heraus und schaffen es, für Aufmerksamkeit zu sorgen. Meistens haben es die Kleinen aber schwerer.

Unterscheiden sich Initiativen auf dem Land und in der Stadt?

Kärsten: Ja, Initiativen bekommen in der Stadt schnell eine ganz andere Dynamik. Es ist viel einfacher, viele Menschen in einer Stadt zusammenzubekommen als auf dem Land. Große Distanzen blockieren diese Kraft. Wenn es um ein konkretes Thema in nur einer Gemeinde geht, ist das sicher etwas anderes. Da kennen sich die Menschen schon gut und dann kann auch eine ländliche Initiative sehr dynamisch werden.

Gibt es denn eigentlich so etwas wie den typischen Akteur einer Initiative?

Kärsten: Auch das hängt vom Thema ab. Studien und Erfahrung zeigen, dass häufig ältere, akademisch gebildete, weiße Männer in Initiativen organisiert sind. Im kulturellen Bereich sind Initiativen oft jünger und auch im Hinblick auf Herkunft und Bildungsgrad bunter gemischt.

Welche Rolle übernimmt eine Initiative Ihrer Erfahrung nach letztlich?

Kärsten: Sie hat vor allem eine kritische Funktion, zeigt Probleme in Systemen auf und ergänzt die klassische Politik und Verwaltung. Damit ist sie eine Bereicherung für unsere demokratische Gesellschaft. Zumindest kurzfristig übernimmt sie auch die Rolle von Interessenvertretungen. Es gibt Initiativen, die es schaffen, dass Beschlüsse zurückgenommen oder unterbelichtete Themen überhaupt bearbeitet werden. Zumindest erreicht sie aber immer, dass ein Thema noch einmal kritisch diskutiert wird. Und auch wenn das Engagement nicht immer zum Erfolg führt: Wer sich engagiert, lernt viel über Funktionsweise von Politik und Verwaltung und gewinnt wichtige Fähigkeiten, die sich auch für andere Themen einsetzen lassen. Engagement lohnt sich in jedem Fall.


Von Anja Meyer

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