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Er ist ein Macher der Wendezeit

Arno Reich aus Jüterbog Er ist ein Macher der Wendezeit

Arno Reich hat 1990 mit einer Fahrschule in Jüterbog angefangen und betreibt nun ein Fuhrunternehmen mit Bussen und Lkws. Er hat im wahrsten Wortsinn in Jüterbog und Umgebung viel bewegt – so war er beispielsweise auch als Stadtverordneter aktiv. Im Rückblick auf die turbulente Wendezeit steht für ihn fest: „Ich würde es jederzeit wieder genauso machen.“

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Seit 1990 ist er Unternehmer, und das mit vollem Einsatz: Arno Reich aus Jüterbog.

Quelle: Martina Burghardt

Jüterbog. Das Böckchen ist weit herumgekommen. Als Wappentier der Stadt Jüterbog auf den Bussen und Lkws von Arno Reich begegnet es einem im In- und Ausland. Die Jüterboger freut das, auch wenn es so nicht immer bei dem Unternehmer ankommt. Was die wenigsten wissen: Unter dem Bock schlummert eigentlich ein Löwe. Es handelt sich um ein fremdes Logo, das auf einem gebraucht gekauften Bus überklebt werden musste: mit „A. Reich“ und eben dem Böckchen.

Der Erfolg des Geschäftsmanns geht auf das Wendejahr 1990 zurück. Die Motivation war jedoch lange vorher da. Als Durchschnittsschüler habe er vor allem Mopeds und Mädchen im Kopf gehabt, das Lernen eher nicht. „In der Lehre bin ich wach geworden“, sagt er. Die Aussicht, sein ganzes Leben als Berufskraftfahrer im Lkw zu sitzen oder als Schlosser in der Werkstatt zu verbringen, reichte ihm nicht. Über den Betrieb konnte er die Ausbildung als Fahrlehrer und Kfz-Meister machen, wurde Leiter der Fahrschule und Fahrerlaubnisprüfer.

Und dann kam der Bruch. „Zur Wende wurden wir entlassen“, sagt Arno Reich, atmet einmal tief durch und lacht dann kurz auf. „Das war das Dümmste, was der Kraftverkehr damals machen konnte.“ Die vier Fahrlehrer wurden entlassen. „Ich habe ,hier’ gerufen, ich stelle sie ein“, sagt Arno Reich. „Ich wollte schon immer selbstständig sein, war immer unglücklich, unter der Fuchtel von jemand anderem zu arbeiten.“

In der DDR gab es nur zwei private Fahrschulen. Mit 6,70 Mark, die damals eine Unterrichtsstunde kostete, wäre man als Privater nicht weit gekommen. Trotzdem: Am 1. Juni gründete Arno Reich seine Fahrschule, „mit vier hoch qualifizierten Leuten“ – und mit DDR-Mark. Im damaligen Kreis Jüterbog war es die zweite, „nur jemand aus Treuenbrietzen war schneller“. Vier Wochen später trat die Währungsunion in Kraft. „So eine schöne, aufregende Zeit“, sagt Arno Reich, „ich möchte nicht eine Stunde missen. Es war alles okay.“ Sicher, es war auch schwer. „Das Wasser stand manchmal Unterkante Oberlippe.“ Das Problem, das damals viele Unternehmer belastete, blieb auch Reich nicht erspart. Es gab viele Aufträge, doch nicht selten blieb das Geld aus, und nicht etwa, weil man schlecht gearbeitet hätte. „Man musste eben improvisieren“, sagt er, „selber viel arbeiten.“

Die erste Investition war der Kauf des Fahrschulplatzes, Unterrichtsräume mussten gebaut werden, Büros kamen dazu. „Mit den ersten 55 000 Mark Schulden konnte ich kaum schlafen“, verrät Arno Reich. Doch der Bedarf war da. Bis zu zwei Jahre musste ein DDR-Bürger früher warten, um seinen Führerschein zu machen. Das Geschäft lief und das Geld für die ersten Investitionen war bald zusammen.

1991 dann gab es den ersten Vertrag für den Schulbusverkehr, kurz darauf eine Linienkonzession, schließlich die Lkws. 1998 kaufte Arno Reich das Gelände am Grünaer Weg, baute es mit eigenen Leuten aus. Fliesenleger, Maurer, Maler, Heizungsbauer wurden dafür eingestellt. Ein Jahr später beteiligte er sich an der Ausschreibung des benachbarten Lok-Stadions, baute auch dort das Vereinsgebäude aus, schuf Stellflächen für die Fahrzeuge. Für Arno Reich war das eine Art persönliche Wende. „Wir haben klein angefangen, uns hochgearbeitet und hatten nun richtig Eigentum.“

Dazu gehört auch das ehemalige Stasi-Gebäude in der Jüterboger Schlossstraße, das er vor 13 Jahren gekauft und mit seinen Mitarbeitern ausgebaut hat. Ein wenig Genugtuung habe er dabei schon verspürt. „Früher, als Kind und Jugendlicher, habe ich ängstlich die Straßenseite gewechselt, wenn ich ins Kino ging“, erinnert sich Arno Reich. Er wurde bespitzelt, seine Frau bekam Schwierigkeiten wegen seiner Westkontakte und durfte nicht mehr in ihrem Beruf arbeiten. Nun dieses Gebäude zu besitzen und darin zu wohnen, ist für ihn immer noch ein „innerer Vorbeimarsch“.

Sein Ausflug in die Kommunalpolitik hat damit allerdings nichts zu tun. „Als ich das Lok-Stadion ersteigert hatte und plötzlich gegen mich geschossen wurde, habe ich gemerkt, dass die Abgeordneten ein Stück Macht hatten“, erinnert er sich. Deshalb wollte er selbst dabei sein und „Bewegung reinbringen“. Dass die Stadt sich nicht selbst das Stadion, in dem Schul- und Vereinssport stattfand, sicherte, bezeichnet er heute noch als großen Fehler.

„Sozial und ehrlich“, die Maximen, die er aufzählt, gelten für ihn nicht nur im Geschäft, sondern auch in der Politik. Irgendwann sei nur noch dreckige Wäsche gewaschen worden, das war nicht sein Ding. „Ich mache drei Kreuze, dass das vorbei ist“, so Arno Reich. Er kehrte nicht nur der Stadtverordnetenversammlung, sondern auch der CDU den Rücken. Was ihn nicht davon abhält, Kontakte zu pflegen, auch bei Veranstaltungen der Parteien auf seinem Gelände.

Erst jüngst hat er auf dem SPD-Sommerfest für Außenminister Steinmeier Bier gezapft. „Ich meine es gut“, sagt er. „Die es ehrlich meinen, sind immer willkommen. Miteinander klappt es.“ Arno Reich pflegt die Freundschaften, die auch aus Geschäftsbeziehungen hervorgegangen sind. „Wir haben uns gegenseitig geholfen und machen es immer noch. So kommt man weiter.“ Das ist etwas, was auch der langjährige Bürgermeister Bernd Rüdiger (FDP) an Reich schätzt. Er erinnert sich gern an die Mai-Feiern, zu denen Arno Reich einige Jahre alle Stadtverordneten einlud, unabhängig von deren Parteizugehörigkeit. Als Schützenbruder ist auf ihn ebenfalls Verlass. „Wenn Hilfe gebraucht wird, lässt sich Arno Reich nicht lumpen“, sagt Rüdiger. „Ich hoffe doch, dass er am 14. November beim Arbeitseinsatz auf dem Schießgelände am Damm wieder mit der Gulaschkanone dabei ist.“

„Offen und ehrlich“ sind Charaktereigenschaften, die er Arno Reich zuschreibt. „Bei Verhandlungen wusste man immer, woran man ist.“ Und er habe etwas bewirkt, damals als Stadtverordneter. So war der Verkehrsbeirat Reichs Idee.

Mittlerweile hat die Firma Reich 45 Mitarbeiter, zehn Busse, drei davon im Reiseverkehr, 25 Lkws. Der geschäftliche Erfolg hat dem Jüterboger nicht nur Freunde eingebracht. Der Spruch, dass man sich Neid erarbeiten muss, hängt gerahmt an der Wand seines Büros, in dem immer noch die Möbel im Eichenschick aus der Nachwendezeit stehen. „Die Leute kennen mich mit der Zigarre, dem kleinen Hund und einem großen Auto“, weiß er. Was sie nicht sehen, sind die 365 Arbeitstage im Jahr. „Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht in der Firma bin.“ Auch sonnabends und sonntags sieht er nach dem Rechten. Jeden Sonnabend ist Berufskraftfahrerschulung.

Den letzten großen Urlaub hat sich Arno Reich Anfang der 1990er Jahre gegönnt. Nicht selten sitzt er nachts hinterm Lenkrad im Schienenersatzverkehr. „Bevor ich irgendwo einen Busfahrer herhole, fahre ich selber“, sagt er. Das bekommen manchmal nicht einmal seine Leute mit. Bedauert hat er das alles aber nie. Obwohl er nie etwas geschenkt bekam, würde er es „jederzeit genauso machen“.

Mit seinen 60 Jahren denkt Arno Reich zwar noch nicht an den Ruhestand, hat aber vorgesorgt. Sein Wunsch, dass seine Söhne den Betrieb weiterführen, hat sich quasi schon erfüllt. Er freut sich, dass Marco Dammmüller die Fahrschule übernommen hat. Dass Arno Reich in der Geschäftsführung bereits in die zweite Reihe getreten ist, quittiert sein Sohn Udo mit einem Lachen. Sie wissen wohl beide, wie das gemeint ist. „Loslassen will ich gar nicht, aber es ist schon gut, dass man nicht jeden Morgen hier sein muss“, sagt Arno Reich und legt die Betonung auf das Muss. Denn zu tun ist noch genug. Viel Kraft, Zeit, Nerven und Geld hat ihn das Projekt Lok-Stadion gekostet. Der Ärger, die Verhandlungen mit der Stadt und den Vereinen über die Sportstätte, „der Gegenwind“, wie Arno Reich es bezeichnet, sind Geschichte. Die Planung hat lange gedauert, doch dieser Tage soll mit dem Bau der ersten Einfamilienhäuser begonnen werden. Mehr als 40 Familien werden sich dort ein neues Zuhause schaffen. Die Busse und Lkws müssen dann woanders parken.

Von Martina Burghardt

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