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Dahme-Spreewald „Es gab hier einst einen Riesenbruch “
Lokales Dahme-Spreewald „Es gab hier einst einen Riesenbruch “
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14:25 10.05.2016
Dmitri Belkin ist promovierter Historiker. Quelle: Kevin Mertens
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Königs Wusterhausen

Dmitri Belkin (44) ist promovierter Historiker und arbeitet als Referent für jüdische Begabtenförderung am Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk in Berlin. Im Dezember 1993 kam er als jüdischer Kontingentflüchtling nach Deutschland und kennt die Situation jüdischer Einwanderer aus privater und wissenschaftlicher Perspektive.

Herr Belkin, in Brandenburg stammt ein Großteil der Mitglieder in den jüdischen Gemeinden aus der ehemaligen Sowjetunion. Leben hier in der Region keine herkunftsdeutschen Juden mehr?

Dmitri Belkin: Sicherlich sind in der Region auch einige deutsche Juden zuhause. Aber die wenigsten haben sich religiösen Gemeinden angeschlossen. Es gab hier einst einen Riesenbruch im Judentum: Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten überwiegend bürgerliche Juden in den Städten und Landjuden in den Gemeinden Brandenburgs – oft waren sie von Beruf Händler. Während des Holocaust wurden sie fast alle deportiert und ermordet. Jüdische Gemeinden entwickelten sich in den kleineren Städten erst seit 1990 mit den Einwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion.

Welchen Stellenwert haben die jüdischen Gemeinden in der religiösen Landschaft Brandenburgs?

Belkin: Heute haben sie einen guten Stand, auch wenn sie wegen einer Angriffsgefahr leider immer noch bewacht werden müssen. Es gibt Kooperationen mit anderen religiösen Gemeinden und viele Kulturprojekte, die von ihnen ausgehen. Zu Beginn ihrer Gründungen sah das noch anders aus. Da wurden Gemeindemitglieder angefeindet – es entstand eine neue Form von Antisemitismus. Wobei ich vermute, dass es sich dabei eher um allgemeinen Fremdenhass handelte. Es ist ein kleines Wunder, dass die Gemeinden entstanden sind. Und dass sie bis heute existieren.

Warum?

Belkin: Weil alles um die Gemeinden herum im Umbruch war, weil die Menschen noch vollkommen fremd und unerfahren waren. Sie sprachen kein Deutsch, hatten keine Ahnung von Finanzierungsplänen und Verwaltung und so weiter. Es ist schwierig, unter diesen Bedingungen eine religiöse Gemeinde aufzubauen. Aber wenn plötzlich 150 jüdische Zuwanderer in eine Region kommen, passiert da natürlich etwas. Vor allem weil der Zentralrat der Juden die Entwicklung förderte, Gastrabbiner schickte und beim Aufbau der Gemeindeinfrastruktur half.

Weshalb war es so wichtig, ausgerechnet eine religiöse Gemeinde zu etablieren? Immerhin haben die meisten Zuwanderer ihre Religion zuvor gar nicht praktiziert.

Belkin: Das ist ein komplexes Thema. In der Sowjetunion war das Judentum als eine Ethnie definiert – nicht als Religion. Im Pass stand unter nationaler Zugehörigkeit: Jude. Diese Definition gehörte zum Selbstverständnis der etwa 230 000 Juden, die als Kontingentflüchtlinge kamen. In Deutschland hatte die Zugehörigkeit zum Judentum völlig unerwartet für sie eine radikal andere Bedeutung – nämlich eine religiöse. Damit standen die Migranten vor einem massiven Identitätsproblem.

Sie wollten dann also religiös werden, um der hiesigen Definition von Judentum zu entsprechen?

Belkin: Ja, bei vielen hat sich das so entwickelt. Die Menschen suchten damals eine Anlaufstelle, an die sie sich wenden können. Und dann haben sie natürlich an die Türen der bereits existierenden jüdischen Gemeinden, zum Beispiel in Berlin und Potsdam, geklopft. Da wurden gar nicht alle angenommen, denn aus religiöser Sicht ist man nur Jude, wenn man eine jüdische Mutter hat oder konvertiert ist. Das war in der Sowjetunion anders – die nationale Zugehörigkeit ging da meistens vom Vater aus. Wieder andere wollten auch gar keine Religion praktizieren, weil sie ihnen vollkommen fremd war. Ich schätze, weit mehr als die Hälfte der Einwanderer hat heute nichts mehr mit dem institutionellen Judentum zu tun. Für diejenigen, die sich klar dazu bekannten, wurde die religiöse oder zumindest die traditionelle Identität wichtig.

Ist es nicht ein komisches Gefühl, plötzlich nach religiösen Regeln zu leben, die man nie kannte?

Belkin: So mag es vielleicht im ersten Moment klingen. Aber religiöse Rituale und Traditionen sind ja nicht nur einschränkend, sondern haben eine wichtige soziale Komponente. Eine Gemeinschaft entwickelt sich, die Menschen beten und feiern zusammen, tauschen sich miteinander aus. Sie lernen andere Menschen kennen, die eine ähnliche Geschichte haben, das gibt Halt. Vielleicht ist es auch die Krisensituation der Migration, die bei den Menschen religiöse Gefühle entstehen lässt. Sie haben die Schönheit der jüdischen Religion für sich entdeckt. Mir geht es genauso.



Von x

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