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Dahme-Spreewald „Es war ein knallhartes Geschäft“
Lokales Dahme-Spreewald „Es war ein knallhartes Geschäft“
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07:05 04.11.2014
Ludwig Rehlinger in seinem Haus in Eichwalde. Quelle: Franziska Mohr

MAZ: Der Fall der Mauer jährt sich am Wochenende zum 25. Mal. Wie haben Sie diesen Tag erlebt?
Ludwig A. Rehlinger: Als die Bilder über meinen Fernseher in Bonn flatterten, war ich so ergriffen, dass ich geheult habe. Während der Blockade 1948/49 studierte ich in Berlin. 1962 sah meine Frau von ihrem Berliner Büro in der Lindenstraße den 18-jährigen Peter Fechter verbluten. Ich habe immer an die Wiedervereinigung geglaubt, aber nicht gedacht, dass ich sie noch erleben werde.

Sie leben in Eichwalde. Stammt dieser Tipp von ihrem einstigen Verhandlungspartner bei den Häftlingsfreikäufen, Anwalt Wolfgang Vogel, der ein Haus in Dahme-Spreewald, in Schwerin, besaß?
Rehlinger: Keineswegs. Als Kind war ich gern bei meinen Großeltern am Dämeritzsee bei Erkner. Ich liebe diese Nähe von Wald und Wasser, sodass für mich nach dem Mauerfall sofort klar war, dass ich zurück in die Heimat will. Letztere haben meine Frau und ich nun in Eichwalde gefunden, wo wir auf viele sehr aufgeschlossene Menschen gestoßen sind.

Lebenslauf

  • 1927 wurde Ludwig A. Rehlinger in Berlin geboren. Die Nazis pressten ihn sowie fast alle seine Mitschüler mit knapp 16 Jahren in eine Flak-Verteidigungs-Gruppe in Großziethen im heutigen Landkreis Dahme-Spreewald.
  • 1947begann er nach Dienst in der Wehrmacht und englischer Gefangenschaft sein Jura-Studium an Humboldt-Universität und Freier Universität in Berlin.
  • 1957 bis 1969 war er als Ministerialbeamter im Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen tätig. 1972 arbeitete er kurzzeitig als Rainer Barzels Wahlkampfmanager. 1975 wechselte er als Geschäftsführer in ein Wirtschaftsunternehmen.
  • 1982 wurde er zum Staatssekretär im Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen ernannt. 1988/89 war er Justizsenator in Berlin, ehe er in Pension ging.

Vor mehr als 50 Jahren, 1963, kaufte die BRD die ersten acht Häftlinge frei. Erinnern Sie sich noch daran, wie dieser Deal begann?
Rehlinger: Selbstverständlich. Ich bin schließlich der Begründer dieser Häftlingsfreikäufe, die übrigens in der Weltgeschichte nichts Neues sind. Nach den Ereignissen in der Schweinebucht kauften die Amerikaner von Castro auch Exil-Kubaner gegen Getreidelieferungen frei. Schon seit 1951 unterhielt die BRD in Westberlin eine Rechtsschutzstelle, über die mit Hilfe von DDR-Vertragsanwälten politischen Häftlingen in der DDR Rechtsbeistand gewährt wurde. Die Informationen dazu stammten unter anderem von den Ostbüros der Parteien, den Vertriebenen- und Flüchtlingsverbänden, dem DRK sowie dem Untersuchungsausschuss Freiheitlicher Juristen. Einer dieser DDR-Vertragsanwälte war Wolfgang Vogel, der uns aus Kirchenkreisen empfohlen worden war. In jener Rechtsschutzstelle traf 1963 die Nachricht ein, dass die DDR bereit sei, 1000 politische Häftlinge gegen eine wirtschaftliche Gegenleistung zu entlassen.

Spezialseite zur Wende

Am 9. November jährt sich die Wende zum 25. Mal.

Die MAZ hat dazu eine Sonderseite eingerichtet. Auf ihr können Sie persönliche Erinnerungen von Bürgern nachlesen, außerdem haben wir historische Zeitungsauschnitte zusammengestellt.

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Unser Spezial finden Sie hier: www.MAZ-online.de/wende

In der Rechtsschutzstelle lagen 1963 aber rund 12.000 Akten von politischen Häftlingen vor. Wer traf die Auswahl?
Rehlinger: Ich. Eine Herkulesaufgabe, um die mich niemand beneidete. Ich ließ mir ausnahmslos alle Akten kommen. Drei Anwälte stellten mir die Fälle vor. Kriterien waren unter anderem Länge der Strafe, Gesundheitszustand und Familienverhältnisse. Dann entschied ich nach dem Motto: Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Beim ersten Freikauf kamen letztlich aber nur acht Häftlinge frei.

Was war für Sie in all den Jahren der bewegendste Moment?
Rehlinger: Als 1963 in der Hochzeit des Kalten Krieges der erste Häftling in Westberlin eintraf. Ich sage jetzt erstmals seinen Namen: Kurt Schulz, geboren 1913. Nach dem 17. Juni 1953 zum Tode verurteilt, später zu 25 Jahren Haft begnadigt. Nach zehn Jahren Einzelhaft holte ihn Vogel im Gefängnis ab und übergab ihn am Bahnhof Friedrichstraße einem Anwalt. Als man ihm in der Rechtsschutzstelle eine Tasse Kaffee anbot, sagte er nur: „Dass einer an mich gedacht hat!“ und brach zusammen. Als ich davon am Telefon hörte, liefen mir die Tränen.

Wollten Sie nicht persönlich dabei sein?
Rehlinger: Das habe ich mir versagt. Offen gesagt, hatte ich Hemmungen. Dieser Freikauf war ein knallhartes Geschäft. Da sind Emotionen nur hinderlich. Ich kannte in all den Jahren nur die Akten der Häftlinge und keinen einzigen persönlich.

Zahllose Papierfotos, die für die Märkische Volksstimme entwickelt wurden, lagern im Zeitungsarchiv. Eine kleine Auswahl mit Motiven aus dem Vorwende-Alltag und von der Arbeit in Potsdam haben wir in dieser Galerie gesammelt. Erinnern Sie sich?

Später wurde der Freikauf zu einer festen politischen Größe. Wie war das Prozedere?
Rehlinger: Zu Jahresbeginn erhielt Vogel eine Liste mit den Namen der Häftlinge, die wir gern freikaufen wollten. Dann begann das Pokern, das beinahe jährlich bis zum Knackpunkt ausgereizt wurde. Dabei haben wir nicht alle bekommen, die wir haben wollten. Die ständige Vertretung spielte dabei übrigens keine Rolle.

Wer hat bestimmte Häftlinge gestrichen?
Rehlinger: Das weiß ich nicht. Vogel hat mir immer gesagt, dass dienstags das Politbüro tagt und anschließend „verharksen“ das Honecker und Mielke. Vogels Führungsoffiziere bei der Stasi, zuerst Heinz Volpert bis zu seinem mysteriösen Tod in der Sauna und später Gerhard Niebling, dürften dabei zumindest ein Mitspracherecht gehabt haben.

Gab es Menschen, die Ihnen nach der Wende persönlich dankten? Oder andere, die Sie beschimpften, weil es bei ihnen nicht geklappt hat?
Rehlinger: Beschimpft hat mich niemand. Aber vor etwa vier Jahren fuhr ich mit dem Fahrrad durch den Grünauer Forst, als mich plötzlich ein Mann rief: Herr Rehlinger, Herr Rehlinger. Es war Harry Seidel, ein in den 60er Jahren in der DDR fast so bekannter Radsportler wie Täve Schur. Ihm wurden über 100 Fluchthilfen nachgewiesen, wofür er 1962 lebenslänglich bekam. Seidel stand 1964 auf der Liste. Das war schriftlich vereinbart, als Vogel plötzlich sagte, dass der Seidel nicht kommen würde. Als junger Regierungsrat überlegte ich: Was machst du jetzt? Kurzerhand teilte ich Vogel mit, dass ich das Schiff mit der Maislieferung auf dem Weg nach Greifswald sofort stoppe, wenn der Seidel nicht kommt. Seidel kam. Und nun stand ausgerechnet dieser Mann vor mir im Grünauer Forst, umarmte mich und küsste meine Frau. Wir besuchen uns ab und an.

Der Freikauf war über Jahrzehnte streng geheim. Wie haben Sie es geschafft, dass auch die Medien darüber weitgehend Stillschweigen bewahrt haben?
Rehlinger: Der Verleger Axel Springer war von Beginn an involviert. Ansonsten habe ich fast alle Chefredakteure persönlich über die Freikäufe informiert und ihnen gesagt, dass dieses Unternehmen sofort platzt, wenn sie darüber berichten. Sie hielten sich weitgehend daran. Lediglich der Minister Erich Mende hat dem „Spiegel“ mal etwas gesteckt. Und Vogel instruierte die Häftlinge spätestens auf dem Weg zur Grenze, dass sie im Interesse ihrer Haftkameraden den Mund halten sollen.

Vogel stellte sich nach der Wende als Wanderer zwischen zwei Welten dar. Was sagen Sie?
Rehlinger: Vogel war ein hochintelligenter Mann, der auch im Westen Karriere gemacht hätte. Die Interessen der DDR hat er nachdrücklich und gut vertreten, wobei er mir immer gesagt hat, dass er überzeugter Katholik und überzeugter Sozialist sei. Er betonte auch, dass er Honecker und Wehner verehre. Über Politik haben wir nie gesprochen. Wir wussten, dass unsere Gespräche von beiden Seiten abgehört werden. Mit seiner Frau Helga, die übrigens aus Essen stammt und jahrelang ihre Eltern nicht besuchen durfte, telefoniere ich noch heute gelegentlich.

Verband Sie mit Vogel eine Männerfreundschaft? Wie empfanden Sie seinen Lebensstil als Sozialist?
Rehlinger: Wir waren beide Profis in unserem Geschäft und blieben immer beim Sie. Eine Männerfreundschaft war das nicht. Als er bei einer Fahrt über die DDR-Autobahn in seinem goldenen Mercedes viel zu schnell fuhr, meinte er, dass ich mal das Handschuhfach öffnen solle. Darin befand sich ein Schild: „Freie Durchfahrt. Ministerrat“. Wo dieses Auto auftauchte, da wusste jeder Polizist und jeder Stasi-Mann, das ist ein Bonze. Dessen war sich Vogel bewusst. Unser Ministerium hat ihm neben dem offiziellen Anwalts-Honorar für jeden einzelnen Häftling ab 1984 zusätzlich eine Pauschale von jährlich 340.000 DM gezahlt, mit der alle noch in der DDR zu regelnden Formalitäten der Freigekauften abgegolten wurden: von Wohnungsauflösungen bis zur Grabpflege von Angehörigen.

Im Anwaltsbüro von Wolfgang Vogel erschienen nicht wenige, die ihm alles angeboten haben, nur um die DDR verlassen zu können. Inwiefern hat das die Verhandlungen beeinflusst?
Rehlinger: Ich habe Vogel öfter gewarnt, dass er keine Privatgeschäfte machen soll, damit der ganze Deal nicht platzt. Wenn es nicht anders gehe, solle er zu mir kommen. In zwei Fällen habe ich dann auch zugestimmt, dass Ausreisen außerhalb der offiziellen Liste gegen Barzahlungen erfolgten. In einem Fall handelte es sich um einen Familienangehörigen eines Bundestagsabgeordneten. Aber ich weiß, dass in Vogels Büro mehr, viel mehr lief. Allerdings glaube ich nicht, dass sich Vogel daran persönlich bereichert hat.

Liefen Sie nicht Gefahr, dass sich unter den Freigekauften auch Kriminelle oder Agenten befanden?
Rehlinger: Die Urteilsbegründung und der Schriftverkehr mit Angehörigen bot uns schon eine gewisse Sicherheit. Mir ist nicht ein einziger Fall bekannt, wonach ein aus der DDR freigekaufter Häftling später wegen Spionage in der Bundesrepublik verurteilt wurde. Kriminelle hat uns die DDR schon untergejubelt. Das fiel meist im Zentralen Aufnahmelager in Gießen auf, wo die einstigen Häftlinge von den Diensten – BND, Verfassungsschutz, MAD sowie den Alliierten – in Empfang genommen wurden. Zurückschicken aber ging nicht, sie waren im Sinne des Grundgesetzes Deutsche. Es blieb nur eines: Für die Kriminellen haben wir nicht gezahlt.

Wie hoch war diese Kopfprämie?
Rehlinger: Im Durchschnitt zahlte die Bundesrepublik pro Häftling etwa 85000 DM. Insgesamt wurden exakt 31774 Häftlinge freigekauft und etwa eine Viertelmillion Familien zusammengeführt. Das kostete die Bundesrepublik in gut 25 Jahren knapp 3,4 Milliarden DM, die meist in Waren geliefert wurden, die von der DDR aber sofort wieder verkauft wurden. Das Geld wurde auf das Konto 0526 der Deutschen Außenhandelsbank der DDR gutgeschrieben, ab 1974 war es das Konto 0528. Das war das Honecker/Mielke-Konto, bei dem auch Schalck-Golodkowski verfügungsberechtigt war.

Wissen Sie, was mit diesem Geld geschah?
Rehlinger: Weder Honecker noch Mielke haben es für ihren persönlichen Konsum verwandt. Einige Millionen flossen nach Chile, um den damaligen sozialistischen Präsidenten Allende zu unterstützen. Ironie der Geschichte: Auch für die Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR wurden dort 30 Millionen DM abgehoben. Mit der Wiedervereinigung 1990 befand sich auf diesem Konto noch ein Restguthaben von 2,3 Milliarden DM. Das ist ein Betrag, der noch nie veröffentlicht wurde. Er wurde dem Finanzminister der Regierung de Maiziere, Walter Romberg, übergeben und für den Aufbau in den ostdeutschen Ländern verwandt.

Interview: Franziska Mohr

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