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Flüchtlingskinder fordern Schulen heraus

Asylsuchende in der Region Flüchtlingskinder fordern Schulen heraus

Unter den Asylbewerbern in der Region sind auch viele schulpflichtige Kinder, die unterrichtet werden. Wie die Schulen damit umgehen, obliegt ihnen selbst. Einige bilden Willkommensklassen, andere richten Förderstunden ein. Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft beklagt fehlende Lehrer und Sozialarbeiter für traumatisierte Kinder.

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Flüchtlingskinder erhalten in einer Schule extra Deutsch-Unterricht von freiwilligen Helfern.

Quelle: Foto: Peter Geisler

Dahmeland-Fläming. Am Donnerstag hat Jeannette Hüdepohl, Schulleiterin der Anne-Frank-Grundschule in Sperenberg, erfahren, was für rund 50 Schulen in der Region schon Realität ist: In den kommenden 14 Tagen werden drei Flüchtlingskinder, die am Dienstagabend in die neu hergerichtete Rehagener Asylunterkunft gezogen sind, an ihrer Grundschule eingeschult. Die stetig wachsende Zahl an Asylsuchenden stellt somit auch die Schulen in der Region vor eine große Herausforderung.

Laut einer Blitzumfrage des Brandenburger Bildungsministeriums besuchen aktuell 507 Schüler, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, Schulen in der Region. 254 von ihnen werden in Teltow-Fläming unterrichtet, 252 in Dahme-Spreewald – ein Großteil in Grundschulen. „Wir können nicht sagen, wie viele dieser Kinder Asylsuchende sind, weil das in der Statistik nicht auftaucht“, sagt die stellvertretende Ministeriumssprecherin Antje Grabley. Im Kreis Dahme-Spreewald ist die Zahl der einzugliedernden Schüler von 178 Kindern vor den Ferien auf 252 nach den Ferien gestiegen. Wie Schulrat Gerald Boese mutmaßt, sind die meisten der 74 zusätzlichen Schüler Flüchtlinge.

Hintergrund

In Brandenburg beginnt die Schulpflicht für Flüchtlingskinder mit der Anmeldung an dem Ort, der der Familie durch die Erstaufnahmeeinrichtung zugewiesen wurde.

Für jedes einzugliedernde Kind bekommt die Schule eine zusätzliche Lehrer-Wochenstunde.

Die Schule entscheidet selbstständig, wie sie diese Stunden umsetzt. Möglich sind zum Beispiel Willkommensklassen, einzelne Kurse oder zusätzlicher Unterricht.

Schulleiterin Hüdepohl hat sich darauf eingestellt, dass an ihrer Schule bald Kinder unterrichtet werden, die noch kein Deutsch sprechen und von der Flucht traumatisiert sind. Sie weiß auch, dass sie selbst nur kurzfristig informiert werden kann. Der Ankunft der ersten Flüchtlingskinder an ihrer Schule blickt sie optimistisch entgegen: „Drei Kinder werden wir noch gut händeln können“, sagt sie. Sie wisse aber auch, dass es schnell mehr werden könnten. Beim zuständigen Schulamt in Brandenburg an der Havel will sie für jedes fremdsprachige Kind Personal für eine zusätzliche Wochenstunde Deutsch beantragen. Bei mehr Flüchtlingskindern kann sie sich vorstellen, dann eine Willkommensklasse einzurichten.

An der Elisabeth-von-Schlieben-Grundschule in Halbe gibt es solch eine Vorbereitungsklasse schon. „In der vergangenen Woche hatten wir zehn Flüchtlingskinder, in dieser Woche sind es wieder 14“, sagt Schulleiterin Iris Meier. Das ändere sich von Woche zu Woche. Um die Schüler speziell zu fördern, hat Iris Meier eine Willkommensklasse eingerichtet, in der Kinder von der zweiten bis zur sechsten Klasse jeden Tag vier Stunden in den Fächern Deutsch, Mathe, Kunst und Musik unterrichtet werden. Anschließend gehen sie wieder in ihre jeweiligen Regelklassen.

Die neuen Schüler der Halber Grundschule wohnen mit ihren Familien in der Asylunterkunft in Massow. Auf Initiative von Meier hat das Jugendamt dort in Kooperation mit der Volkshochschule einen Ferien-Deutschkurs angeboten. „Der Kurs hat die Kinder noch einmal richtig weitergebracht“, erzählt Meier. Eine Fünftklässlerin spreche mittlerweile so gut Deutsch, dass sie komplett in eine Regelklasse gehen kann.

Das Modell Willkommensklasse hat auch in Luckenwalde Schule gemacht. 45 Flüchtlingskinder leben zurzeit in der Stadt, die meisten von ihnen besuchen die gemeinsame Willkommensklasse der Jahn-Grundschule und der benachbarten Jahn-Oberschule. Dort lernen Kinder der Klassenstufen zwei bis acht gemeinsam Deutsch. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Kinder schneller die Hemmung verlieren, Deutsch zu sprechen, wenn sie gemeinsam mit anderen Neuankömmlingen lernen“, sagt Klaus-Ulrich Seifert, der zuständige Hauptamtsleiter. Gleichzeitig sind alle Flüchtlingskinder in einem festen Klassenverband, in dem sie etwa Sport, Kunst oder Musikunterricht haben.

Für die Willkommensklasse hat die Jahn-Oberschule zwei neue Lehrer eingestellt, die zuvor schon als Sozialarbeiter mit Flüchtlingskindern zu tun hatten. „Es war gar nicht so einfach, beide Schulformen unter einen Hut zu bringen“, sagt Schulleiterin Ines Schwerdt. Aber das Konzept habe sich zum Beispiel dank individueller Stundenpläne bewährt. Auch von Konflikten unter den Schülern – in der Klasse gibt es neun verschiedene Nationalitäten – hat Schwerdt bislang nichts gehört. „Die Kollegen berichten, dass die Kinder die Klasse gut annehmen und wissen, welche Chancen wir ihnen bieten“, sagt sie. Aber das Schuljahr sei auch erst zwei Wochen alt.

An der Erich-Kästner-Grundschule in Königs Wusterhausen gehört der Unterricht mit fremdsprachigen Schülern längst zum Alltag. „Jedes fünfte Kind hat einen Migrationshintergrund“, sagt Schulleiterin Marion Bethge. Für sie und ihre Kollegen hat es sich bewährt, die Schüler zweimal pro Woche in Deutsch-Förderstunden zu unterrichten.

Günther Fuchs, Vorsitzender der Brandenburger Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW), lobt das große Engagement der Schulen und vieler Eltern. Dennoch warnt er: „Die Schulen sind an ihrer Kapazitätsgrenze.“ Er fordert feste Strukturen für die Integration von Flüchtlingskindern – dazu zählen vor allem zusätzliche Stellen für Lehrer und Sozialarbeiter. „Wir dürfen nicht vergessen, dass viele Kinder traumatisiert sind und psychologische Hilfe benötigen“, sagt Fuchs.

Er schätzt die Lage an Brandenburger Schulen als schwierig ein: „Das Land hat vor Jahren aufgehört, Lehrer mit der Qualifikation Deutsch als Fremdsprache einzustellen“, so Fuchs. Die würden jetzt dringend benötigt und müssen nach und nach qualifiziert werden.

Von Anja Meyer

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