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Flugzeuge im Bauch

Zuhause in Selchow Flugzeuge im Bauch

Selchow ist ein Ortsteil von Schönefeld und liegt zwischen südlicher und nördlicher Start- und Landebahn des BER. Über 30 Leute aus dem Ort mussten ihm weichen. Manche Häuser stehen leer. Doch das Leben geht weiter. Die, die blieben, investieren in ihre Höfe. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Sie wollen bleiben. So wie Familie Mette, auf deren Hof vier Generationen zu Hause sind.

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Die Bewahrer

Sabine Mette mit ihrer Enkelin Minea (r.) und deren Freundin Luisa auf dem Hof mit insgesamt vier Generationen. An die Flugzeuge hat sich die Familie gewöhnt.

Quelle: Andrea Müller

Selchow. Hof und Hofladen von Kai Sauerwald sind durch die Bahntrasse zum BER getrennt. Wo die Gänse im Gras liegen, findet die Arbeit statt. Wo die Gäste in den Liegestühlen bei Kaffee oder einer Weinschorle in den Himmel schauen, befindet sich der Hofladen. Begehrt sind mittags Falscher Hase, Bockwurst und Bulette. Auch der Möhreneintopf schmeckt den Gästen. Jedes Mal, wenn sie den Löffel zum Mund führen, startet direkt über ihren Köpfen eine Maschine: Flugzeuge im Bauch. Stören tut das hier niemanden. Im Gegenteil. Viele kommen gerade wegen der Giganten da oben; besonders Familien mit Kindern.

Der Hofladen  von Kai Sauerwald am Ortseingang von Selchow zieht viele Besucher an

Der Hofladen von Kai Sauerwald am Ortseingang von Selchow zieht viele Besucher an. Flugzeuge stören hier niemanden. Viele kommen gerade wegen ihnen.

Quelle: Andrea Müller

Selchow liegt zwischen der südlichen und der nördlichen Start- und Landebahn des künftigen Großflughafens. Damit der gebaut werden konnte, mussten 35 Frauen, Männer und Kinder aus 13 Haushalten ihre Häuser und Gehöfte verlassen. Doch nicht alles, was verlassen wurde, riss man auch ab. Fenster ohne Gardinen haben einen leeren Blick. Gras und Blumen wuchern über Treppenstufen. Ein grünes Netz bewahrt das Dach eines Stallgebäudes davor, dass Ziegel abstürzen. Auf herrschaftlichen Pfosten an einem großen Grundstück in der Alt-Selchower Straße thronen Pferdeköpfe. Die Wildheit in ihren Gesichtern ist mit der Farbe abgeblättert. Man könnte meinen, der Ort stirbt. Doch weit gefehlt. Noch leben fast 200 Leute in dem Schönefelder Ortsteil. Viele Firmen haben hier nach wie vor ihren Sitz. Es wird gebaut, saniert, renoviert. Wenn die Tore offen stehen, eröffnen sich dem Besucher wunderschöne Blicke auf alte Gehöfte.

Altes Gehöft in Selchows Mitte

Altes Gehöft in Selchows Mitte. Es strahlt eine morbide Schönheit aus. Am Rande des BER geht es in Selchow ums Überleben

Quelle: Andrea Müller

Eine, die mit ihrer Familie die Hoffnung für Selchow nie aufgegeben hat, ist Sabine Mette. Auf dem Gehöft leben vier Generationen. Gerade wird für den Sohn Sebastian ein neues Bad eingebaut. Auch der Kartoffelkeller ist kürzlich aufgeräumt worden, damit die neue Ernte hier wieder Platz findet. Der Hof ist eine blühende Landschaft. In der Mitte des Hofes aber – und das ist typisch hier für die Gehöfte – steht ein kleines Gebäude. Bei Mettes ist es neu gedeckt. Aus Ziegeln formen sich die Buchstaben A wie Alfred und M wie Mette. So heißt der Großvater auf dem Hof. Aber diesen Namen trug auch Sabine Mettes Mann. Ganz plötzlich ist er Anfang des Jahres gestorben. Sabine Mette kann es bis heute nicht fassen. Ihr „Fredi“ fehlt ihr einfach überall. Doch aufgeben wird sie nicht. „Die Familie hält zusammen“, sagt sie. Besonders Sohn und Tochter helfen ihr. Und Enkelin Minea sei ihr Sonnenschein. Auf Socken hüpft die Achtjährige über den Kies im Hof. „Für sie soll der Hof einmal sein“, sagt Sabine Mette. Minea hat eine Freundin zu Besuch: Luisa. Die beiden Mädchen spielen mit dem Katzenkind und dem Hundebaby. Auf dem Hof gibt es aber auch Hühner und Gänse. „Es ist unser Zuhause hier“, meint die Mittfünfzigerin.

Die alte Eiche ist ein Treffpunkt im Ort

Die alte Eiche ist ein Treffpunkt im Ort. Die Bank rund um ihren Stamm ist bestens geeignet für ein Päuschen mit Schwätzchen. Das dichte Blätterdach sorgt für Schatten.

Quelle: Andrea Müller

Gerade überfliegt wieder eine große Maschine das Grundstück. Unbeeindruckt redet die Frau weiter. „Wir haben uns daran gewöhnt“, erklärt sie. Den Flughafen gebe es ja schon länger, wenn auch nicht in den Ausmaßen. Was ihr Sorge macht, ist dessen Hunger. Im Dorf heißt es, dass er weitere Grundstücke schlucken möchte. Dies, obwohl er ja noch nicht einmal eröffnet ist. „Vielleicht kommen wir dann irgendwann auch noch dran und müssen weg“, meint sie. Die Familie lebt hier seit Jahrzehnten. Viel Geld wurde investiert, damit sich alle wohl fühlen können. So geht es den meisten, die in Selchow wohnen und geblieben sind. Der Ort ist schon sehr alt, hat über die Jahrhunderte seit seiner Ersterwähnung 1373 viel erlebt – und immer überlebt. Die Selchower hoffen, dass dies so bleibt – BER hin oder her. Sabine Mette muss in die Küche, Mittagessen kochen. Es gibt Spaghetti mit Tomatensoße.

An den Fluglärm von oben haben sich die, die in Selchow geblieben sind, gewöhnt

An den Fluglärm von oben haben sich die, die in Selchow geblieben sind, gewöhnt. Man lebt mit den Giganten der Luft.

Quelle: Andrea Müller

Von Andrea Müller

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