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Günter Pappenheim lebt den Schwur von Buchenwald

Zeitzeuge aus dem KZ Buchenwald Günter Pappenheim lebt den Schwur von Buchenwald

Einer der letzten Überlebenden des KZ Buchenwald, der Zeuthener Günter Pappenheim, wird am 3. August 90 Jahre alt. Er, der heutige Vorsitzende der Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora, geriet als 17-Jähriger in die „Schutzhaft“ der Nazis, weil er französischen Zwangsarbeitern die Marseillaise vorspielte.

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Margot und Günter Pappenheim in ihrem Zeuthener Zuhause. Das Paar ist seit 63 Jahren verheiratet.

Quelle: Franziska Mohr

Zeuthen . Noch immer lebensbejahend und mit wachen Augen sitzt Günter Pappenheim vor der Bücherwand seines Wohnzimmers in Zeuthen, in der die Bände von Karl Marx‘ „Kapital“ einen Ehrenplatz einzunehmen scheinen. Am 3. August feiert er, der Vorsitzende der Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora und Erste Vizepräsident des dortigen Internationalen Komitees, 90. Geburtstag.

Das Erstaunlichste aber ist, dass Pappenheim angesichts eines Lebens, das ihn durch fast alle Stürme des 20. Jahrhunderts führte, auf die Frage nach dem bewegendsten Moment nicht einen Augenblick zögert. „Das war der 11. April 1945. An diesem Tag haben wir Häftlinge uns angesichts der nahenden 3. US-Armee selbst befreit.“ Als durch die sonst von qualvollen Zählappellen so verhassten Lautsprecher die Durchsage ertönte „Kameraden, wir sind frei!“ wurde aus dem Häftling mit der Nummer 22514 wieder Günter Pappenheim.

In die „Schutzhaft“ der Nazis geriet der gelernte Schlosser durch seine streng verbotenen Kontakte zu französischen Zwangsarbeitern in einer Schmalkaldener Werkzeugfabrik. Um ihnen ein wenig Zuversicht zu vermitteln, spielte er auf seiner Ziehharmonika an ihrem Nationalfeiertag, dem 14. Juli, die Marseillaise. Ein damals unglaubliches Ereignis, an das exakt 70 Jahre später 50 Rosen erinnerten, die ein Bote völlig überraschend am 14. Juli 2013 mit einem „Dankesgruß aus Frankreich“ bei den Pappenheims in Zeuthen abgab.

Dem damals 17-Jährigen brachte die französische Nationalhymne aufgrund einer Denunziation die Verhaftung und im Oktober 1943 die Einlieferung in das KZ Buchenwald ein. Dort tauchten nach drei Tagen plötzlich Walter Wolf und Eduard Marschall, ehemalige Kampfgefährten seines Vaters, in seiner Baracke auf. Sie versicherten ihm, dass sie alles versuchen würden, damit wenigstens er überlebt. Seinen Vater, Ludwig Pappenheim, SPD-Landtagsabgeordneter und Redakteur der „Volksstimme“ in Schmalkalden, hatten die Nazis schon 1934 im KZ Börgermoor ermordet.

Zur Person

Günter Pappenheim wurde 1925 in Schmalkalden in Thüringen geboren. Seinen Vater, Ludwig Pappenheim, Redakteur und SPD-Landtagsabgeordneter, ermordeten die Nazis schon 1934.

In seiner Schlosserlehre nahm er auch Kontakt zu französischen Zwangsarbeitern auf. Am 14. Juli 1943 spielte er ihnen die Marseillaise vor und wurde denunziert. Die Nazis verschleppten ihn in das KZ Buchenwald, wo er am 11. April 1945 die Selbstbefreiung der Häftlinge miterlebte.

Wieder in seiner Heimatstadt, arbeitete er anfangs als Hausmeister im Landratsamt und setzte sich für die Vereinigung von SPD und KPD ein. Er trat 1946 in die SED ein. Bis 1964 übernahm er in SED-Kreis- und Bezirksleitungen in Thüringen diverse Funktionen. Von 1957 bis 1960 wurde er zum Studium an die Parteihochschule der KPdSU nach Moskau delegiert.

Von 1966 bis 1971 arbeitete er als Erster Sekretär der SED-Kreisleitung Luckenwalde und anschließend bis 1974 als Vorsitzender des Rates des Bezirkes Potsdam. Von 1974 bis 1989 war er Mitglied der Zentralen Parteikontrollkommission der SED.

Ab 2001 ist Pappenheim Erster Vizepräsident des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und seit 2005 Vorsitzender der Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora. Er gehört dem Bundesausschuss der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten – an.

Und tatsächlich sorgte der Kapo Walter Wolf dafür, dass der 18-Jährige aus dem den sicheren Tod bedeutenden Straßenbautrupp in das im KZ befindliche Gustloff-Werk wechseln konnte. Damit hatte er wenigstens ein Dach über dem Kopf. Als Pappenheim dort aber Gewehrteile so „ungenau“ fertigte, dass die Nazis aufmerksam wurden, ließen ihn Mithäftlinge in der Krankenbaracke und später in der Gerätekammer „verschwinden“. „Ohne diese Solidarität hätte ich die Befreiung und damit den Schwur von Buchenwald nie erlebt“, ist Pappenheim noch heute dankbar.

Am 19. April 1945 gedachten die Überlebenden von Buchenwald aus fast allen Ländern Europas, darunter auch der nur noch knapp 60 Kilogramm wiegende Pappenheim, ihrer ermordeten 56000 Kameraden. Darunter waren Christen, Kommunisten, Homosexuelle, Sozialdemokraten, Bibelforscher sowie Sinti und Roma. Sie alle schworen auf dem Appellplatz: „Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“ Dieser Schwur treibt den fast 90-Jährigen noch heute an und lässt ihn als einen der letzten Zeitzeugen vor allem in Schulen, aber auch in anderen Veranstaltungen gegen Faschismus und Krieg auftreten.

Häftlinge in einer Baracke im Konzentrationslager Buchenwald kurz nach der Befreiung im April 1945

Häftlinge in einer Baracke im Konzentrationslager Buchenwald kurz nach der Befreiung im April 1945.

Quelle: epd

„Das alljährliche Treffen in Buchenwald würde er nie versäumen“, sagt seine Frau Margot, mit der er seit 63 Jahren verheiratet ist. Anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung im April dieses Jahres kam es auch zu Gesprächen mit dem Präsidenten des EU-Parlaments, Martin Schulz (SPD). Er bestärkte Pappenheim darin, die seit sechs Jahren stattfindenden Treffen der Nachkommen fortzusetzen, um dem Schwur von Buchenwald immer wieder aktuelle Impulse zu verleihen.

„Zum ersten Treffen der Nachkommen hatten wir 100 eingeladen, gekommen aber sind über 250 aus aller Welt“, freut sich der Veteran. Dabei betont er immer wieder, dass Antifa für ihn eine breite Front der Andersdenkenden und Andershandelnden bedeutet. In seiner eigenen Familie, sein Vater war Jude, kamen während der Nazibarbarei 21 Angehörige ums Leben.

Die Ziehharmonika hat wie durch ein Wunder die Nazizeit überdauert. Auf ihr gespielt hat Pappenheim allerdings nie wieder. Sie befindet sich heute im Museum des Widerstandes in Paris.

Als Thüringer und politisch engagierter Mensch wusste Pappenheim natürlich schon bald, dass die „Infrastruktur“ Buchenwalds nach dem Krieg als „Speziallager Nr. 2“ des NKWD weiter betrieben wurde. Die Aufnahme einer Verbindung zu den Häftlingen von Buchenwald II lehnt der Vorsitzende der Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora aber ab. „Dort saßen viele Unschuldige, aber auch aktive Nazi-Verbrecher“, sagt Pappenheim. Und solange sich diejenigen, die für die Verbrechen an seinen Kameraden verantwortlich seien, dafür nicht entschuldigen, komme dies nicht in Frage. „Ein gemeinsames Komitee wird es nicht geben.“ Auch wenn selbst sein Freund Robert Zeiler, ein Bekannter Willy Brandts und Vorsitzender der Kommission verfolgter Sozialdemokraten, in Buchenwald sowohl unter den Nazis als auch unter dem russischen NKWD inhaftiert war.

Nach dem Krieg machte Pappenheim in der SED schnell Karriere. Er eckte aber immer wieder an, weil er nach der SED-Gründung die Ungleichbehandlung von Sozialdemokraten und Kommunisten anprangerte. Zur Eröffnung einer Kreisdelegiertenkonferenz erschien 1954 im SED-Bezirksorgan „Freies Wort“ ein Artikel unter der Überschrift „Pappenheim der Verräter“. Darin wurde seinem Vater vorgeworfen, Anfang der 1930er Jahre als Redakteur der „Volksstimme“ die Sowjetunion verunglimpft zu haben, indem er schrieb, dass Stalin seine eigenen Genossen wie Kamenew und Sinowjew ermorden ließ.

Günter Pappenheim sollte sich auf der Konferenz von seinem Vater distanzieren. Stattdessen aber sprach er von der Ermordung seines Vaters und von dessen Kampfgefährten, die ihm in Buchenwald das Überleben ermöglichten. „Es wurde still im Saal, ehe die ersten riefen: Macht Schluss mit diesem Unsinn“, erinnert sich der Zeuthener noch heute an dieses Tribunal.

In Ungnade fiel Pappenheim in den 1950er Jahren aber auch, weil er die Machenschaften des einstigen Instrukteurs von Ernst Thälmann, Adolf Riedel, in einem Brief an die Parteikontrollkommission anprangerte. Dieser hatte sich Pappenheim zufolge alle möglichen Sonderrechte genehmigt und gleich diverse Dienstwagen für Privatzwecke genutzt. „Am meisten hat mich immer geärgert, wenn andere Parteimitglieder ihre eigene Feigheit dahinter versteckten, dass ich es mir ja erlauben könne, den Mund aufzumachen. Ich hätte ja im KZ gesessen“, sagt Pappenheim noch heute mit Zorn in der Stimme.

Die Auswirkungen des XX. Parteitags der KPdSU, auf dem Chruschtschow die millionenfachen Verbrechen Stalins anprangerte, erlebte Pappenheim hautnah, als er 1957 sein Studium an der Parteihochschule der KPdSU in Moskau begann. „Nach ihrer Rückkehr aus der Emigration in Russland hatten führende Genossen bis dato nie gewagt, offen über die dortigen Vorgänge zu reden.“ Jetzt aber kam die Wahrheit ans Licht und beschädigte sein Ideal von dem in Buchenwald beschworenen Aufbau einer Welt des Friedens und der Freiheit erheblich.

Doch Pappenheim hatte gelernt, dass eine Gesellschaft immer von Menschen gemacht wird. Er kann Niederlagen verkraften. Aufgesteckt hat er aber nie. Er wurde 1974 Vorsitzender des Rates des Bezirkes Potsdam und blieb bis 1989 Mitglied der Zentralen Parteikontrollkommission der SED. Mit dem Zusammenbruch der DDR hätte er nie gerechnet, obwohl er, wie er sagt, „die Spannungen in der Bevölkerung“ wahrnommen hat. „In der DDR wurden elementare ökonomische Gesetze verletzt“,weiß der fast 90-Jährige. Dabei denkt er nur an die Intershops und die damit in der DDR fest etablierten zwei Währungen, die fehlende Reisefreiheit oder die Eingriffe in kulturelle Belange. „Was wäre passiert, wenn Udo Lindenberg in der DDR seinen Sonderzug nach Pankow gesungen hätte?“, fragt er, um gleich darauf selbst die Antwort zu geben: „Nichts.“

„Wer aufhört zu träumen, lebt nicht mehr“, sagt Pappenheim. Sein größter Wunsch wäre daher, „dass die Bundesrepublik Deutschland eines Tages bereit ist, die DDR als einen antifaschistischen Staat zu begreifen, der nicht nur auf Fackelzüge und Staatssicherheit reduziert werden darf.“ Den Veteranen schmerzt auch, dass vielerorts wieder die Waffen sprechen und Deutschland dafür Ausrüstung und Munition liefert. „Der Schwur von Buchenwald ist längst nicht erfüllt, aber ich werde bis zu meinem letzten Atemzug dafür einstehen“, sagt Günter Pappenheim und freut sich darauf, am Montag auch Weggefährten aus Frankreich wiederzusehen.

Von Franziska Mohr

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