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Heimleiterin schämt sich für Flüchtlingsheim

Einrichtung in Waßmannsdorf ist eine bauliche Katastrophe Heimleiterin schämt sich für Flüchtlingsheim

Das Asylbewerberheim in Waßmannsdorf (Dahme-Spreewald) ist eine bauliche Katastrophe. Selbst die Heimleiterin schämt sich für den Zustand der Einrichtung, in der derzeit rund 290 Flüchtlinge leben. Die miserablen Zustände sind bekannt, nur ändern ließ sich daran bislang noch nichts.

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Alte Kasernen, neue Container: das Asylbewerberheim in Waßmannsdorf.

Quelle: Oliver Fischer

Waßmannsdorf. Letztens haben die Klos mal wieder ausgesehen wie Sau. So, als ob sich jemand extra Mühe gegeben hätte, die größtmögliche Schweinerei anzurichten. Da hätte Mohammad gerne einen Schlauch gehabt, einen Hochdruckreiniger oder eine andere Vorrichtung, mit der man das Bad unter Wasser setzen kann. "Das wäre gut gewesen", sagt er und grinst. Er hatte leider nichts dergleichen. Deshalb hat er geseufzt und das Klo einfach so geputzt. Es hat keinen Spaß gemacht, aber Mohammad Shah Sayed, 33 Jahre alt, will nicht klagen.

Seit neun Monaten lebt er im Asylbewerberheim in Waßmannsdorf in einem Container, und die Zeit wird ihm langsam lang. Er kann nicht gut schlafen, meistens nur zwei bis drei Stunden, wegen der Träume oder der Serben, die vorne Krach machen. Damit die Tage vergehen, hilft er gelegentlich dem Hausmeister für ein paar Euro und kümmert sich um die Toiletten. Ansonsten lese er viel im Koran, sagt er. Ein paar Mal die Woche besucht er Deutschkurse, er trinkt Kaffee, redet mit seinem Mitbewohner, schaut dauernd bei Facebook vorbei oder betrachtet das Foto seiner jüngsten Tochter Haleema, die inzwischen drei Jahre alt ist, und die er noch nie gesehen hat.

Das Asylbewerberheim in Waßmannsdorf (Dahme-Spreewald) ist eine bauliche Katastrophe. Die Mängel sind bekannt, nur abstellen ließen sie sich bislang nicht. Heimleiterin Doris Riedel schämt sich für den miserablen Zustand der Einrichtung.

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Das alles sei schon okay, sagt Mohammad. Deutschland sei okay. Das Land gebe ihm Sicherheit, vielleicht ja sogar eine echte Chance. Vor zwei Wochen hat er eine neue Prothese bekommen für den Unterschenkel, den sie ihm bei seinem letzten Besuch in der Heimat weggeschossen haben. Sogar eine mit Knie, auch wenn er dauernd vergisst, es zu benutzen, und über den Flur stakst wie der einbeinige Seeräuber Long John Silver. "Mohammad, du sollst dein Knie benutzen", sagt der Hausmeister dann zu ihm. Er grinst wieder. Ja, Waßmannsdorf ist okay. Aber wirklich schön ist anders.

Das sagen sie alle: Frank aus Kamerun, der seit drei Jahren in Waßmannsdorf auf seinen Asylbescheid wartet. Adam und Amin aus Somalia, die sich seit einem halben Jahr im ersten Stock des hinteren Wohnblocks ein Zimmer teilen. Auch die beiden Iraner aus dem Zimmer gegenüber. Die Albaner unten aus den Containern. Selbst Doris Riedel sagt das. Die Heimleiterin drückt es sogar noch etwas drastischer aus: "Die soziale Betreuung der Bewohner im Heim ist schon gut", sagt sie. "Aber die Einrichtung ist miserabel, dafür schäme ich mich."

Tatsächlich ist das Waßmannsdorfer Heim in einem erbarmungswürdigen Zustand. Die gesamte Anlage war bis zur Wende eine Grenztruppenkaserne, die beiden dreistöckigen Wohnblöcke, in denen die meisten der derzeit rund 290 Flüchtlinge leben, atmen noch den Geist dieser Zeit. Von düsteren Fluren gehen enge Zimmer ab, in denen zwei bis vier Menschen zwischen kaputten Möbeln wohnen. In den Gemeinschaftsküchen sind die Wände vergilbt und die Blechwaschbecken zerkratzt, von den Klos nebenan ganz zu schweigen. Und wer duschen will, muss in den Keller steigen, wo drei braungeflieste Waschseparees warten. Armee-Standard der Sechziger eben. Besonders für die Frauen sei das problematisch, sagt Doris Riedel.

Deshalb sollte das Heim längst saniert werden, aber bisher ging das nicht. Als der Landkreis das Übergangswohnheim 1993 in den beiden Kasernenblöcken eröffnete, gehörte das Gelände noch dem Land Berlin. Und die Berliner wollten nicht investieren. Sie erlaubten lediglich dem damaligen Heimbetreiber, die Waschtröge aus den Küchen zu reißen und einige Sitzklos gegen Hocktoiletten auszutauschen, die im arabischen und asiatischen Raum gängiger sind.

Das passierte Mitte der Neunziger. Es gingen dann noch einmal 15 Jahre ins Land, bis Berlin das marode Heim im Jahr 2011 dem Landkreis zum Kauf anbot. Der ging darauf ein. Man hätte das Heim stattdessen wohl auch schließen können, der Asylbewerberstrom war damals auf dem Tiefstand. Aber bei den Bewohnern war Waßmannsdorf beliebt, vor allem wegen der Nähe zu Berlin. "Die Beziehung zwischen den Bewohnern und dem Heim ist bis heute eine Art Hassliebe", sagt Doris Riedel.

Deshalb erwarb der Landkreis die alten Kasernen und gab gleich den Generalumbau in Auftrag. Der Kreistag stellte rund fünf Millionen Euro bereit. Aber dann funkte das Denkmalamt dazwischen. Das ganze Ensemble war 2010 als letzte erhaltene Grenztruppenkaserne unter Schutz gestellt worden. "Schon beim Einbau von Lärmschutzfenstern bekamen wir Probleme", sagt Vizelandrat Carsten Saß (CDU).

Hintergrund

Seit 2012 steigt die Zahl der Asylbewerber, die im Landkreis Dahme-Spreewald untergebracht werden müssen, rapide an. Allein für dieses Jahr rechnet die Kreisverwaltung mit 600 Flüchtlingen. Seit Anfang des Jahres sind schon 107 in den Landkreis verwiesen worden. Zum Vergleich: Im Jahr 2009, auf dem Tiefstand der Flüchtlingsbewegung, kamen insgesamt nur 32 Asylbewerber. Alles in allem lebten damals weniger als 100 Flüchtlinge im Landkreis.

Um dem Flüchtlingsstrom Herr zu werden, hat der Landkreis in den vergangenen zwei Jahren mehrere Asylunterkünfte eröffnet. Neben Waßmannsdorf, das mit der Containererweiterung derzeit eine Kapazität von 330 Plätzen hat, gibt es noch das Heim in Pätz (Gemeinde Bestensee) mit 154 Plätzen. Geplant sind für dieses Jahr noch eine Gemeinschaftsunterkunft in Massow (Amt Schenkenländchen) mit insgesamt mindestens 150 Plätzen und eine in Luckau mit 191 Plätzen.

Vor allem im Süden des Landkreises werden Asylbewerber auch in Wohnungen untergebracht. In Lübben und Walddrehna stehen dafür derzeit Objekte zur Verfügung. In Zützen (Amt Unterspreewald) gibt es zurzeit eine Option für 26 Wohnungen. Alle Kommunen sind aufgefordert worden, weitere Objekte anzubieten.

Die großen Veränderungen, die jetzt geplant waren, zogen entprechend lange Verhandlungen nach sich, die nicht immer im Sinne des Landkreises endeten. Saß erzählt etwa von der alten Fahrzeughalle, die man zugunsten eines dritten Wohnblocks abreißen wollte. Sie musste stehen bleiben: Denkmalschutz. Dann wollte man wenigstens die Fahrzeugrampe wegreißen, die niemand mehr braucht, um dort Container aufstellen zu können. Das ging auch nicht: Denkmalschutz. "Wir haben wahrscheinlich die einzige geschützte Fahrzeugrampe im Land Brandenburg", sagt Saß. Er klingt, als ob er an der Sinnhaftigkeit zweifelt. Aber das spielt keine Rolle, die Denkmalschützer sitzen am längeren Hebel.

Wenigstens über die Sanierung der beiden Wohnblöcke konnte man sich schließlich einigen. Die Denkmalschützer stimmten zu, dass sie entkernt und innen komplett erneuert werden: barrierefrei, größere Zimmer, Gruppen- und neue Sanitärräume auf jedem Flur. Kein Luxus, aber der Standard, den man für die Unterbringung von Menschen erwarten kann. Das Denkmalamt genehmigte sogar, dass auf dem Gelände vorübergehend Container mit 80 Plätzen aufgestellt werden. Dorthin sollten die Bewohner während des Umbaus ausweichen.

Die Idee hätte funktioniert. Hätte. Wenn nicht ab 2013 plötzlich Flüchtlinge aus der ganzen Welt in Richtung EU-Außengrenzen geströmt wären, und von dort weiter nach Deutschland, nach Brandenburg, in den Landkreis Dahme-Spreewald. "Als die Container standen, konnten wir sie nicht mehr als Ausweichquartiere nutzen. Wir brauchten sie, um die ganzen neuen Flüchtlinge unterzubringen", sagt Saß. Inzwischen sind die Container fast voll, die beiden Wohnblöcke auch. Saniert ist immer noch nichts.

Der Landkreis befindet sich deshalb derzeit in einem Wettlauf. Pro Woche kommen etwa 15 neue Asylbewerber nach Dahme-Spreewald, in jüngster Zeit vor allem Syrer, aber auch Afghanen, Tschetschenen, Menschen aus dem Tschad und aus Kenia. Im gleichen Tempo müssen Räume für diese Flüchtlinge gefunden werden ‒ und darüber hinaus noch Ausweichquartiere für rund 120 Bewohner aus Waßmannsdorf, damit das Heim endlich saniert werden kann. Ein Riesenproblem, wie Landrat Stephan Loge (SPD) bei jeder Gelegenheit betont.

Doch das ist das Problem der Politiker. Mohammad Shah Sayed hat ganz andere Sorgen. Er sitzt in seinem Container, trinkt Kaffee und langweilt sich. Er will arbeiten. Nicht nur für ein paar Euro verdreckte Toiletten putzen, sondern Geld verdienen, sich eine Zukunft aufbauen, seine Frau und seine sechs Kinder unterstützen. Letzte Woche hat sich eine Firma im Heim vorgestellt, die am Flughafen Koffer sortiert und dafür noch Hilfskräfte sucht, gerne Asylbewerber. Ein Pilotprojekt. "Ich will das machen", sagt Mohammad. Er deutet auf sein Bein. "Ich hoffe, dass sie mir eine Chance geben." Und wenn nicht? Dann wartet er weiter, sagt er. Wie alle hier.

Draußen bricht der Abend an. Zwei serbische Mädchen fahren Kreise mit einem Fahrrad. Eine alte Frau aus Kamerun sitzt auf einer Bank, schaut in die tiefstehende Sonne und lächelt. Sie sieht aus, als wäre alles gut. Das täuscht. Aber besser geht es wohl gerade nicht.

Von Oliver Fischer

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