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Dahme-Spreewald „Ich habe Tschernobyl nicht ernst genommen“
Lokales Dahme-Spreewald „Ich habe Tschernobyl nicht ernst genommen“
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21:55 27.04.2016
Reparaturarbeiten am ukrainischen Unglücks-Atomkraftwerk Tschernobyl (Aufnahme vom 1. Oktober 1986). Am 26. April 1986 explodierte im Kernkraftwerk Tschernobyl in der damaligen Sowjetunion ein Reaktor. Quelle: dpa
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Wildau

Karla Mauer erinnert sich an den Reaktorunfall von Tschernobyl dessen Folgen Jahre später zu ihrem Lebenswerk wurden.

Frau Mauer, können Sie sich noch daran erinnern, wie Sie von der Katastrophe in Tschernobyl erfahren haben?

Karla Mauer: Ja, das habe ich damals durch den Buschfunk bei uns im Treppenhaus mitgekriegt, aber auch nur am Rande. Wir wohnten 1986 in einem Mehrfamilienhaus mit zehn Parteien in Bestensee. Da haben die Nachbarn plötzlich über Tschernobyl gesprochen. So nach dem Motto: Hast du schon gehört, was da in der Sowjetunion passiert ist? Viel mehr wussten sie aber auch nicht, sie hatten die Informationen aus dem Westfernsehen. Das muss ein paar Tage nach dem Unfall gewesen sein, also ziemlich genau jetzt vor 30 Jahren.

Hintergrund

Bei dem Super-GAU im Atomkraftwerk von Tschernobyl im April 1986 wurde knapp ein Viertel des Territoriums der Republik Weißrussland verseucht.

Knapp zwei Millionen Einwohner waren betroffen, etwa 1,3 Millionen leben in geschädigten Gebieten, darunter rund 5000 Kinder und Jugendliche.

Die in der Region um Tschernobyl am meisten verbreitete Krankheit ist Schilddrüsenkrebs, das Risiko ist bei Erwachsenen um das siebenfache und bei Kindern um das 40-fache erhöht.

Die Rehabilitierung der Kinder von Weißrussland ist ein großes Anliegen der Republik, der Vereinten Nationen sowie von Wohlfahrtsverbänden und Privatpersonen.

Dazu zählt die Gesundung der Kinder im Ausland, vor allem in Deutschland, Irland, Italien, Spanien, Kanada und den USA. Zwischen der Bundesrepublik und der Republik Weißrussland besteht seit 2009 eine Vereinbarung über Erholungsaufenthalte minderjähriger Tschernobyl-Opfer.

Der Lübbener Kinderhilfsverein für Tschernobyl hat sich 1996 gegründet. Seitdem nehmen Gasteltern aus Lübben, Wildau und anderen Städten Kinder aus der verseuchten Region auf und bringen Spenden und Medikamente nach Weißrussland.

Haben Sie kein Westfernsehen geschaut?

Mauer: Nein, ich habe mich nicht getraut. Wissen Sie, mein Mann war damals Berufssoldat bei den Grenztruppen, da war es verboten. Also habe ich das lieber gelassen. Eine ganze Weile später, vielleicht so zwei bis drei Wochen nach dem Unfall, kam noch eine ganz kurze Meldung in der Aktuellen Kamera. Aber das war nur so nebenher. Es sollte verschwiegen werden, dass in der Sowjetunion so eine Katas-trophe passiert ist. Das konnte ja nicht sein. Wäre es im Westen passiert, das wäre doch als Riesenskandal in der DDR propagiert worden. Aber so? Ich habe Tschernobyl nicht ernst genommen, das Ausmaß war uns überhaupt nicht bewusst.

Was haben Sie denn gedacht, als sie davon erfahren haben?

Mauer: Nicht wirklich viel, das war ja auch so weit weg. Ich fühlte mich sicher. Ich komme ursprünglich aus Stendal, ein paar Kilometer weiter haben sie 1982 angefangen, das Atomkraftwerk in Niedergörne zu bauen. Für uns war das also nichts Besonderes, im Gegenteil – Atomkraftwerke hatten sogar ein positives Image: Es gab Arbeit, man hat gut verdient und die Sowjets hatten es auch. Also musste das gut sein. Als es dann von den Nachbarn im Treppenhaus hieß, man solle keine Pilze mehr sammeln, kein grünes Gemüse essen und keine Kuhmilch trinken, habe ich das überhaupt nicht ernst genommen. Meiner Mutter ging es genauso. Die hat gesagt: Wir haben immer Pilze gesammelt, also machen wir das auch weiterhin. Als wir hörten, dass es um Tschernobyl herum Tote gab und die Städte geräumt wurden, dachte ich, dass der Buschfunk etwas hinzugedichtet hat. Ich habe auch erst nach der Wende erfahren, wie die Nachricht in der Bundesrepublik ankam.

Von Verwandten im Westen?

Mauer: Ja, genau. Die Tante meines Mannes hat davon erzählt, wir haben sie aber erst nach dem Mauerfall kennengelernt. Als wir sie im oberfränkischen Lichtenberg besuchten, war sie auch 1990 noch ganz panisch. Ich erinnere mich daran, dass wir unseren kleinen Enkel mitgenommen haben. Der muss da so drei Jahre alt gewesen sein. Und Tante Hilde wollte wegen der Strahlen nicht, dass er nach einem Regenschauer auf der Terrasse spielt

Haben Sie Tschernobyl dann ernst genommen?

Mauer: Nein, ich habe gedacht: Das ist eine alte Frau, die spinnt. Für mich war Tschernobyl auch dann noch kein Thema.

Wie wurde es dann für Sie zum Thema? Immerhin engagieren Sie sich ja schon lange für durch Tschernobyl geschädigte Kinder.

Mauer: Das kam erst viel später, 2006, um genau zu sein. Da hat meine Tochter Anke, die in der Nähe von Lübben lebt, in einer Zeitungsanzeige von dem Kinderhilfsverein erfahren und ein Kind aufgenommen – die kleine Tanja. Und da meine Tochter berufstätig war, haben mein Mann und ich sie unterstützt und uns auch um Tanja gekümmert. Das hat uns so gut gefallen, dass wir uns 2008 entschlossen, selbst Gasteltern zu werden.

Und dann haben Sie sofort Ihr erstes Gastkind aufgenommen?

Mauer: Naja, nicht ganz – aber das hatte andere Gründe. Der kleine Pawel, ein siebenjähriger Junge, sollte zu uns nach Wildau kommen. Es war alles fix. Als der Junge im Bus zu uns saß, habe ich aber die Diagnose Brustkrebs bekommen. Da konnte ich ihn natürlich nicht aufnehmen, er ist dann zu meiner Tochter gekommen. 2009 kam unser erstes Gastkind Annie und 2010 war dann unsere kleine Alina da. Mir zerreißt es immer noch das Herz, wenn ich an Alina denke.

Was ist passiert?

Mauer: Mein Mann und ich hatten eine sehr enge Bindung zu Alina. Sie kam als Siebenjährige zum ersten Mal zu uns, mit einer schweren Skoliose, schlechten Zähnen und einer Essstörung. Dann kam sie immer wieder zu uns, über Weihnachten, im Sommer und von November 2013 an für fast ein Jahr. Wir haben sie hier medizinisch behandeln lassen, es ging ihr gut, sie ging in die Wildauer Grundschule und hatte dort Freunde gefunden. Alina wäre gern geblieben, mein Mann und ich wollten und sollten sie adoptieren. Das ist eine lange Geschichte, ich war mehrmals in Weißrussland und habe um sie gekämpft. Irgendwann stimmte man der Adoption zu. Aber in letzter Minute kam der Heimleiter von Alinas Waisenhaus dazwischen und hat alles verhindert. Seitdem habe ich sie nie wieder gesehen.

Das klingt traumatisch.

Mauer: Ja, das ist es auch. Seitdem lasse ich das mit den Kindern nicht mehr so nah an mich heran. Aber ich mache weiter und habe auch dieses Jahr wieder ein Gastkind. Dieses Ehrenamt ist mein Lebenswerk geworden. Man kann die Auswirkungen der Tschernobyl-Katastrophe erst so richtig fassen, wenn man mal dort war.

Was sahen sie vor Ort?

Mauer: Viel Leid, aber erst auf den zweiten Blick. Wenn Sie dort auf den Straßen unterwegs sind, werden sie niemals ein behindertes Kind sehen. Die werden von den Familien aus Scham vor der Öffentlichkeit versteckt, die meisten von ihnen leben ohnehin in Heimen. Zu sehen, wie es den Menschen dort geht, ist Motivation genug, ihnen zu helfen. Die Menschen aus Tschernobyl wurden viel zu spät umgesiedelt. Ich habe dort eine junge Frau kennengelernt, die als Baby im Kinderwagen im Garten einer Privatschule stand, als die radioaktive Wolke niederging. Sie hat den Roten Wolf, eine Autoimmunkrankheit. Viele Menschen dort haben Krebs oder sind missgebildet, schlechte Zähne haben fast alle.

Weshalb ist es wichtig, dass die Kinder nach Deutschland kommen?

Mauer: Das ist wie eine Kur für sie, bei der sie sich erholen sollen. Viel Obst, Gemüse, frische Luft und Geborgenheit sollen ihnen dabei helfen. Natürlich ist es wichtig, ihnen von Anfang an zu erklären, dass es ein Urlaub ist und sie im nächsten Jahr wiederkommen. Ansonsten würden die Kinder damit gar nicht klarkommen, so große Gegensätze zu erleben.


Interview: Anja Meyer

Von Anja Meyer

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