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Ich habe die Absicht, eine Mauer zu errichten

MAZ macht mit Ich habe die Absicht, eine Mauer zu errichten

Schiefe Wände, krumme Fugen – wer hat sich noch nicht über unsaubere Maurerarbeit geärgert? Ein Stein auf den anderen, dazwischen ein bisschen Mörtel, das ist doch wohl nicht schwer. Oder doch? MAZ-Redakteur Oliver Fischer hat es im Lehrbauhof der Kreishandwerkerschaft Teltow-Fläming selbst versucht.

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Die Einweisung mit Lehrausbilder Matthias Henkel.

Quelle: Uwe Klemenz

Jüterbog. Wenn im Fernsehen für Baumärkte geworben wird, dann ist die Welt der Maurer, der Elektriker und Zimmerleute gerne bunt. Die Männer tragen blaue Latzhosen, pinkfarbene Hemden, sie streichen Zäune grün und mauern mit roten Ziegeln auf plüschigen Wohlfühlbaustellen. Denn bauen macht Spaß, so lautet die Botschaft, und das Auge baut mit.

Daran muss ich denken, als ich das Material sehe, das für mich bereit liegt. Ein Haufen weißer Steine, eine Kiste Sand, ein Hammer, eine Maurerkelle und eine leuchtend rote Wasserwaage. Es ist ein trister Anblick. Abgesehen von der Wasserwaage verstrahlt die Bühne, auf der ich zum Handwerker werden soll, das Gegenteil von Hornbach-Romantik. Das fängt ja gut an, denke ich.

Es ist ein verregneter Mittwochmorgen. Ich stehe im Lehrbauhof der Kreishandwerkerschaft in Jüterbog. Hinter diesem Namen verbirgt sich eine karge Halle, über deren Betonboden trockene Kalkluft hängt. Das ist die Spielwiese der angehenden Maurer und Fliesenleger im Landkreis Teltow-Fläming.

Es geht um nicht weniger als eine Lebensaufgabe

Generationen von Lehrlingen haben dort Übungsmauern hochgezogen oder gelernt, wie man Fliesenspiegel lotrecht an die Wand klebt. Tonnen und Abertonnen Steine und Mörtel sind in diesem Gemäuer bewegt worden. Da wäre Gemütlichkeit eher hinderlich, das ist mir klar. Trotzdem hatte ich mir das Ganze ein wenig anheimelnder vorgestellt. Schließlich wird es um nicht weniger als meine Lebensaufgabe gehen.

Denn ein Mann soll in seinem Leben drei Dinge tun, sagt man. Er soll ein Kind zeugen, einen Baum pflanzen und ein Haus bauen. Erst dann hat er geschafft, was er zu schaffen im Stande ist.

Auf meinem Lebensweg bin ich, was das angeht, schon ziemlich weit gekommen. Ich habe ein Kind gezeugt. Und im väterlichen Garten habe ich auch mal einen Aprikosenbaum in die Erde gesetzt. Etwas lustlos und unter Zwang, aber gepflanzt ist gepflanzt, und der Baum steht noch. Zu einer runden Männer-Vita fehlt mir also nur noch ein Haus, errichtet durch meiner eigenen Hände Arbeit.

Mein Vater ist der geborene Handwerker, ich leider nicht

Nun ist das mit meiner eigenen Hände Arbeit so eine Sache. Mein Vater ist ein großer Handwerker. Er repariert, verschraubt, verlötet, hebelt, hobelt, spachtelt, leimt, klemmt und pinselt den lieben langen Tag. Wenn jemand etwas zu flanschen, nageln oder verdrahten hat, geht er zu ihm. Mein Vater zieht dann seinen Kittel an, holt das Werkzeug und erledigt mit chirurgischer Präzision und ohne große Worte den schmutzigen Rest.

Leider hat sich, als es um meine Gene und Talente ging, in diesem Bereich weitgehend meine Mutter durchgesetzt. Die flanscht nie, und ich habe sie auch noch nie löten sehen. Von bauen ganz zu schweigen. Ich habe bisher auch die Finger davon gelassen.

Dann hörte ich allerdings von einem Angebot der Kreishandwerkerschaft Teltow-Fläming. Die bietet Schülern die Möglichkeit, sich in verschiedenen Gewerken auszuprobieren, und auf diese Art womöglich versteckte Talente zu entdecken. Ich war neugierig. Vielleicht schlummert in mir ja auch ein Maurer. Und überhaupt – man versprach mir, mich eine komplette Mauer mauern zu lassen. Mir war sofort klar, dass ich meinem eigenen Haus so dicht nie wieder kommen würde.

Auf den ersten Blick scheint Mauern kein Teufelswerk zu sein

Und jetzt, im Lehrbauhof, scheint das Mauern auf den ersten Blick auch kein Teufelswerk zu sein. Die Einweisung, die ich von Lehrausbilder Matthias Henkel bekomme, dauert kaum mehr als fünf Minuten. Erst lässt er mich Sand und Wasser verrühren („mit dem Spaten schön die Klumpen zerpatschen“), wobei ich mangels Maurermuskeln wohl eine etwas klägliche Figur abgebe. Anschließend zeigt er mir, wie man mit einem Gerät namens „Knacke“ Steine kürzt und wie man elegant Mörtel von der Maurerkelle gleiten lässt. Knacke, das gefällt mir. Elegant gefällt mir auch.

Während Matthias Henkel allerdings die Kelle fast wie ein Musikinstrument bedient, schmiere ich damit den Mörtel ähnlich behände auf den Stein wie ein Baby, das seinen ersten Brei im Gesicht verteilt. Henkel hat wohl schon viel Elend gesehen auf der Welt, er sagt dazu nichts. Lieber erläutert er mir die Theorie des Binderverbands, die recht simpel klingt: Ein Stein rechts, ein Stein links, ein bisschen Mörtel dazwischen, klatsch, klatsch, fertig ist die erste Reihe. Die zweite dann darüber, versetzt. Ich sage, dass ich es so auch aus zahllosen Stunden mit meiner Tochter und ihren Bauklötzen im Kinderzimmer kenne. „Na, dann machen Sie mal“, antwortet Henkel und lässt mich mit meiner Aufgabe – eine 80 Zentimeter lange Mauer – allein.

Das heißt: Nicht ganz allein. Die Halle ist schließlich Trainingsgelände der Azubis aus dem Landkreis, entsprechend teile ich sie mir heute auch mit allen Maurer- und Fliesenlegerlehrlingen aus dem ersten Lehrjahr. Das sind insgesamt vier Mann – die Ausbildungsmisere lässt grüßen – und mindestens zwei davon heißen Kevin, was die Sache für mich übersichtlich macht.

Die Jungs bauen im Hintergrund an irgend etwas Großem, ich konzentriere mich auf meine Steine. Mit den ersten Mörtelklecksen saue ich den Boden ein. Ich wische den Überschuss schuldbewusst mit dem Finger auf, beschließe aber schnell, es nicht so genau zu nehmen. Wir sind Maurer, keine Laborarbeiter, denke ich. Mit diesem Selbstbewusstsein lege ich Stein neben Stein, am Ende gerät eine Fuge ein bisschen eng, aber abgesehen davon ist das Ergebnis: profimäßig. Ich bin beeindruckt von mir selbst. Und dafür braucht man drei Jahre Ausbildung?

Ich bauen vor Publikum

Die zweite Reihe gerät dann doch ein bisschen zur Fummelarbeit. Ich schiebe die Steine hin und her, quetsche hier und da noch etwas Mörtel dazwischen, am Ende nutzt es aber nicht viel. Die Reihe hängt durch wie eine gemauerte Sinuskurve. Einer der Jungmauerer will mich aufmuntern. „Das gleichst du mit der nächsten wieder aus“, sagt er. Als ich entgegne, dass ich es lieber gleich richtig machen würde, schaut er mitleidig. Wenn ich es richtig machen wolle, sagt er, dann müsse ich wohl noch einmal ganz von vorne anfangen. Schönen Dank auch.

An den nächsten Reihen fummle ich vor Publikum, denn die Jungs machen jetzt Mittagspause. Sie sitzen in ihren Schubkarren, kommentieren mein Werk und reden nebenbei über den Job, die Frauen und die Liebe. Über Wasserwaagen reden sie nicht. So fällt mir erst nach der vierten Reihe auf, dass ich damit mal hätte messen sollen.

Ich nehme mir vor, darauf künftig zu achten. Allerdings ist der Elan der Anfangsminuten schon etwas verpufft. Ich kann zwar inzwischen besser mit Kelle und Knacke umgehen, aber spätestens ab Reihe fünf werden die Arme schwer, vom Bücken zieht es im Rücken und die Konzentration lässt merklich nach.

Einer der Kevins erzählt mir, dass er nach einem Baustellentag oft nur noch ins Bett fällt. Seine Freundin habe dafür leider wenig Verständnis hat, die wolle immer ausgehen. „Ich sage dann, wir können ja mal tauschen, nur für eine Woche“, brummt Kevin. Nach den letzten zwei Stunden glaube ich auch, dass das zum gegenseitigen Verständnis beitragen würde.

Nach drei Stunden bin ich durch mit dem Thema

Als ich nach einer weiteren Stunde Arbeit meine sechste Ziegelreihe fertig gemauert und mein Bauwerk auf etwa 60 Zentimeter Höhe getrieben habe, sind mein Eifer und mein Ehrgeiz auf dem Nullpunkt angelangt. Meine jungen Maurerfreunde versichern mir zwar, dass es nach oben hin immer leichter wird, aber ich bin durch mit dem Thema. Meine Hände sind aufgerissen, meine Arme fühlen sich an wie Gummi. Zum Glück hat auch Matthias Henkel ein Einsehen.

Der Lehrausbilder schnappt sich die Wasserwaage und schleicht um mein Gemäuer herum. Er legt das Gerät hier an und dort, wackelt wohlwollend mit dem Kopf und versichert mir, dass die Mauer für ein Erstlingswerk gar nicht so schlecht sei. „Und auf der Baustelle?“, frage ich zaghaft. „Würde man sie stehen lassen?“

Matthias Henkel überlegt offenkundig, wie er mir die schlechte Nachricht schonend beibringen soll. Dann erzählt er etwas von Abweichungen, und dass man das in höheren Lagen nicht mehr in den Griff bekäme. Im Weggehen sagt er noch, ich solle das Ding jetzt abreißen und die Steine vernünftig putzen, aber schnell. In ein paar Minuten sei Feierabend.

Von Oliver Fischer

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