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Im Rhythmus des Alltags

Berlinale-Doku über Niendorfer Regisseur Rudolf Thome Im Rhythmus des Alltags

Eine Dokumentation über den in Niendorf lebenden Filmregisseur Rudolf Thome wird bei den 66. Internationalen Filmfestspielen vorgestellt. Das sympathische Porträt drehte Serpil Turhan, die schon Hauptdarstellerin in einigen seiner Filme war.

Niendorf. Wer einmal angefangen hat, in diesem persönlichen Tagebuch zu lesen, schaut immer wieder mal vorbei, liest sich kreuz und quer durch die Jahre, das Erleben, den Alltag Rudolf Thomes. Der Regisseur, der international zu den bekanntesten deutschen Filmregisseuren gehört, lebt seit vielen Jahren auf einem großen Bauernhof in Niendorf. Thome und gewissermaßen auch dieser Bauernhof stehen nun im Mittelpunkt eines Dokumentarfilms, der gestern bei der 66. Berlinale Premiere hatte.

Dabei ist Serpil Turhan, die diesen Film über Thome gedreht hat, etwas Außergewöhnliches geglückt: Ihre Beobachtungen, die Gespräche miteinander, die Offenheit zwischen ihr und Thome sind manchmal wie eine filmische Erweiterung des für jeden lesbaren Online-Tagebuchs Thomes, manchmal aber auch wie eine Replik; so wie sie ihn mit der Kamera auch bei der Beschäftigung mit dem Tagebuch begleitet hat, hat er gleichermaßen den Dreh auf seinem Blog dokumentiert. Der Film „Rudolf Thome – überall Blumen“ ist ein sehr persönlicher, ein liebevoller Blick auf diesen Mann, der einem vom ersten Moment an grundsympathisch wird in seiner stillen Zufriedenheit, die manchmal durchdrungen ist von einer Art abgeklärter Verzweiflung. Die kommt immer dann, wenn er sich hierzulande als Filmemacher vergessen fühlt, wenn er spürt, dass sein großes Erbe irgendwann vielleicht nur noch eingefleischte Cineasten interessieren könnte. Und wenn er über das Altern nachdenkt, dem er wacker begegnet mit seinen täglichen Radtouren rund um Niendorf.

„Ich habe mich seinem Alltagsrhythmus angeglichen“, erzählt Serpil Turhan über die im März 2014 begonnenen und ein Jahr später abgeschlossenen Dreharbeiten für ihre Dokumentation. Mehrmals hat sie ihn lange in Niendorf besucht. „Die besten Interviewsituationen sind die, die aus dem Moment heraus entstehen.“ Sie suchte eben das ganz Normale in Thomes Leben – zwischen Blumenpflege, Fahrradfahren, Drehbuch und Blog schreiben.

Dabei spielt er schon mal verschmitzt mit der Kamera. Etwa beim Putzen der Straße vor seinem Hof. Wo genau er fegen solle, links, rechts, in der Mitte? Serpil Turhans knappe Antwort changiert zwischen Ungeduld und Nachsicht: „Rudolf, mach einfach.“

Genau diese Momente sind es, die die besondere Nähe der beiden offenbaren, die eine tiefe Freundschaft verbindet. Serpil Turhan stand selbst schon häufiger vor Thomes Kamera, in drei seiner Filme spielte sie die weibliche Hauptrolle, später arbeitete sie einige Male als seine Regieassistentin, studierte dann noch mal und begann, eigene Dokumentarfilme zu drehen.

Die Idee, Rudolf Thome zu porträtieren, schwelte schon lange in ihr. Dann erzählte er ihr Ende 2013, dass er ein neues Drehbuch plane. Sollte sich die Finanzierung dieses Filmprojektes nicht lösen lassen, werde das definitiv sein letztes sein. Am 1. März 2014 dann begannen Serpil Turhan mit ihrem Dreh und Rudolf Thome mit seinem neuen Drehbuch. „Überall Blumen“, so sollte der Film heißen, den Thome noch drehen wollte. Ein Jahr später wird er in Turhans Kamera sagen, dass er dieses Projekt nicht umsetzen wird. Nach nahezu 50 Jahren als Filmschaffender, der 28 Spielfilme und sechs Kurzfilme realisiert hat, entschließt er sich, aufzuhören und stattdessen eine Autobiografie zu schreiben.

Auf seinem Blog www.moana.de ergänzt er seit Monaten Tag für Tag mit autobiografischen Notizen seine Alltagsgedanken. Thome schreibt sehr persönlich, nahbar, begleitet seinen Alltag mit Fotos von Orten, Menschen, lädt manchmal auch kleine Videosequenzen hoch, teilt öffentlich seine Freude über den aktuellen Zuspruch hierzulande durch den Dokumentarfilm. Vor Serpil Turhans Kamera stöbert er in seinem persönlichen Filmfundus in der Scheune seines Niendorfer Hofes. Filmrollen in rostigen Dosen lagern dort, Requisiten. „Ich habe Berge von Kostümen von Hannelore Elsner“, erzählt er. Doch interessiere sich auch für solche Dinge kaum ein Archiv. So wandert er mit Serpil Turhan durch seine Vergangenheit, zeigt die Filmklappen, entdeckt in einer verkramten Ecke einen Spiegel aus einer Kulisse und nimmt ihn gleich mit in das Wohnhaus. „Von fast jedem Zimmer schaut man auf das Wasser“, schwärmt Serpil Turhan vom Niendorfer Dorfteich direkt vor dem Hof. Auf dem drehte Thome 2008 für „Pink“ mit Hannah Herzsprung als Dichterin.

„Die Lakonie in der Sprache, die Lässigkeit in den Bewegungen der Darsteller“, schrieb Regiekollege Thomas Arslan mal über die ersten Thome-Filme, die er sah, seien eine Offenbarung gewesen für ihn. „Was mich an Filmen interessiert, ist ihr Wirklichkeitsgehalt“, erklärte Thome zu seinem Film „Der Philosoph“, der 1988 in die Kinos kam. Der 1939 im hessischen Wallau an der Lahn geborene Thome studierte in München und Bonn Germanistik, Philosophie und Geschichte, schrieb Filmkritiken, bevor er ab 1964 seine ersten Kurzfilme verwirklichte. In München schloss er sich mit Klaus Lemke und Max Zihlmann zusammen, dreht 1968 seinen ersten langen Spielfilm „Detektive“ mit Marquard Bohm, Uschi Obermaier, Iris Berben. Mit Bruno Ganz arbeitete er, immer wieder mit Herbert Fritsch oder Hanns Zischler, der sich als 40-jähriger Architekt in „Berlin Chamissoplatz“ in eine Zwanzigjährige verliebt. „Alle haben sich bei mir schon mal die Zähne geputzt“, sagt Rudolf Thome fast listig in die Kamera von Serpil Turhan, als sie ihn genau dabei aufnimmt. Das seien stets Filmszenen, die er sehr mag, denn: „Jeder putzt sich die Zähne anders.“

Das Vertrauen zwischen den beiden ist so groß, dass er den fertigen Dokumentarfilm über ihn bis Dienstagabend noch gar nicht gesehen hatte. Im Januar, erzählt Serpil Turhan, habe sie erfahren, dass „Rudolf Thome – überall Blumen“ zur Berlinale eingeladen worden ist. Dass dann auch das Berliner Kino Delphi das Premierenkino wurde, freut die Regisseurin ganz besonders: „Das Delphi hat für Rudolf eine wichtige Bedeutung, er hatte dort viele seiner Premieren.“ Hunderte Besucher lernten hier nun Thomes Leben in Niendorf kennen, seine Kinder und seine große Leidenschaft für Blumen. Die ist auch den Lesern seines faszinierenden Tagebuchs allgegenwärtig. „Es wird ein existenzielles Ereignis in meinem Leben“, schrieb er dort vor ein paar Tagen über die Premiere.

Info: „Rudolf Thome – überall Blumen“ wird im Rahmen der Berlinale am Samstag um 19 Uhr in Berliner Kino Arsenal und am Sonntag um 14 Uhr in der Akademie der Künste gezeigt. Das Online-Tagebuch ist auf www.moana.de

Von Karen Grunow

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