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Jede Akte ist ein Schicksal

Betreuungsfälle am Amtsgericht Jede Akte ist ein Schicksal

Etwa 500 neue Betreuungsfälle müssen Jahr für Jahr am Amtsgericht Königs Wusterhausen bearbeitet werden. Sie kommen zu den etwa 2000 Alt-Fällen noch hinzu. Nur die Hälfte davon betrifft Senioren. Immer mehr jüngere Menschen können ihr Leben allein nicht mehr meistern. Nicht selten ist dies durch Suchterkrankungen ausgelöst.

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Richter Michael Friedrichs kümmert sich am Amtsgericht Königs Wusterhausen um die Betreuungsfälle.

Quelle: Franziska Mohr

Wildau. „Keiner von uns kennt sein Morgen“, sagt Richter Michael Friedrichs. Und der 56-Jährige weiß, wovon er spricht. Auf seinem Schreibtisch im Amtsgericht Königs Wusterhausen landen Tag für Tag Akten, hinter denen oft tragische Schicksale stecken. Da werden Menschen urplötzlich aus ihrem gewohnten Leben gerissen oder das Glück ganzer Familien zerstört.

Sein jüngster Fall ist ein Landschaftsgärtner, Mitte 40, der in seinem Nebenjob als Türsteher in eine Schlägerei geriet und einen Großhirnschaden davon trug. „Er ist nur noch ein Körper, sein Geist ist weg. Er kann nicht einmal mehr schlucken“, berichtet der Richter. Ihm liegt ein Antrag vor, die künstliche Ernährung einzustellen. Das ist nur einer von jährlich etwa 500 neuen Betreuungsfällen, die im Amtsgericht Königs Wusterhausen bearbeitet werden müssen. Sie kommen noch zu den etwa 2000 Alt-Fällen hinzu.

Vor einem Schicksalsschlag, wie ihn unlängst ein Handwerksmeister mit Mitte 50 ereilte, ist niemand gefeit. Nach einem Schlaganfall kann er sich weder bewegen noch sprechen. Die Atmung erfolgt über eine Hülse am Kehlkopf, die er sich gleich mehrfach mit der linken Hand, die er als Einziges noch bewegen kann, selbst entfernen wollte. „Bei der Entscheidung Fixierung oder Freitod wurde dem Mann eine Bedenkzeit eingeräumt, weil er sich in einer schwerer Depression befand, in der niemand frei entscheiden kann“, umreißt Friedrichs das Spektrum.

Ausgangspunkt aller Entscheidungen ist der Wille des Betroffenen. Ist er dazu nicht mehr fähig, sollte eine Vorsorgevollmacht vorliegen, so dass Angehörige oder Freunde über Operationen oder das Abschalten von Apparaten entscheiden dürfen. Oft genügt dafür ein Vordruck des Justizministeriums. Ist allerdings Streit mit den Erben zu befürchten, empfiehlt sich der Gang zum Notar.

„Etwa die Hälfte aller Fälle betrifft nicht Senioren, sondern Menschen im erwerbsfähigen Alter“, sagt der Richter. Tendenz steigend. Immer mehr jüngere Bürger bekämen ihr Leben zumindest zeitweise nicht mehr allein in den Griff. Existenzängste und Leistungsdruck führen zu schweren Depressionen, Burn out oder Schizophrenie. Andere sind aufgrund eingeschränkter geistiger Fähigkeiten allein mit der Bürokratie überfordert, verzweifeln an einem Hartz-IV-Antrag. Das Leben nicht allein meistern zu können, wird bei fast jedem fünften Fall durch Alkohol, Spielsucht oder Drogen ausgelöst.

Da ist beispielsweise der Junkie, Anfang 20, der auf alles „null Bock“ hatte, immer tiefer in die Sucht geriet und jetzt auf einem Berg von Schulden sitzt. Friedrichs hat lernen müssen, dass er nicht alle Seelen retten kann. „Sympathie ist notwendig, Empathie hingegen tödlich“, sagt er. Der junge Mann aber bekommt seine Chance, ihm gewährt er einen Betreuer für zwölf Monate. Will er sich nicht helfen lassen, ist aber sofort Schluss.

Wer glaubt, dass er beim Gericht einen „Privatsekretär“ auf Staatskosten bekommt, der ihm nicht nur gegenüber den Gläubigern den Rücken frei hält, sondern auch noch alle Bürokratie abnimmt, irrt. Ohne ein Gutachten von einem Facharzt oder der Arbeit der Betreuungsbehörde des Kreises, die im Bedarfsfall einen Betreuungsvorschlag unterbreitet, passiert gar nichts. Außerdem muss jeder, der über ein Schonvermögen verfügt, die Kosten des Betreuers, die zwischen 25 und 40 Euro pro Stunde liegen, selbst tragen. In etwa der Hälfte aller Fälle übernehmen Angehörige die Betreuung, in allen anderen werden berufsmäßige Betreuer eingesetzt, die mindestens einmal im Jahr Rechenschaft ablegen müssen.

Von Franziska Mohr

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