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Kennedy zuvorgekommen

Antonia Meiners’ 1950er-Jahre-Buch zitiert auch Zeuthener / Autorin wuchs in Schulzendorf auf Kennedy zuvorgekommen

Das 50. Jubiläum des Kennedy-Besuchs in Berlin vor vier Wochen zaubert Antonia Meiners ein Lächeln ins Gesicht. "Richtig", sagt sie dann, "das hätte sich auch angeboten. Ich habe trotzdem lieber das Buch über Berlin in den 1950er Jahren gemacht, weil ich in diesem Jahrzehnt aufgewachsen bin."

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Antonia Meiners mit einem Foto aus den 1950ern, das jedoch nicht in ihrem Buch enthalten ist: Es zeigt sie im Fasching inWildau.

Quelle: Tanja Kasischke

Berlin. Man nimmt ihr ab, dass der Band fällig war. Nicht zuletzt, weil einige der darin verwendeten Zeitzeugenberichte ihre eigenen sind. Die übrigen hat sie dem Bekanntenkreis abgelauscht, auch Zeuthener Weggefährten, mit denen Antonia Meiners als Lehrmädchen im Wildauer Schwermaschinenbau arbeitete, kommen in dem Buch zu Wort.

Die Autorin wuchs in Schulzendorf auf, ihr Vater war der Karikaturist Gottfried Spachholz, Zeichner bei der "BZ am Abend". Weil die Familie in Berlin ausgebombt worden war, fand sie ‒ über einen langen Umweg durch Bayern und Franken, wo Tochter Antonia geboren wurde ‒ im Dahmeland eine neue Bleibe. Den langen Schatten des Krieges, der auf den 1950er Jahren noch lag, habe sie als Kind nicht wahrgenommen, sagt Antonia Meiners: "Ein Stück Schokolade, das war etwas Besonderes. Aber dass wir Mangel gelitten hätten, kann ich nicht sagen." Lediglich ein eigenes Fahrrad habe sie als Mädchen vermisst. "Das hatte ich mir so gewünscht." Erfüllt wurde ihr der Wunsch "spät, als meine Mutter ein Rad hatte, mit dem ich fahren durfte". Zuvor ging die Tochter zu Fuß, sogar den Weg von Schulzendorf ins Miersdorfer Strandbad legte sie mit ihren Freundinnen im Laufschritt zurück: "Wir waren eine Dreiviertelstunde unterwegs. Auf der Hälfte des Nachhauseweges hätten wir schon wieder baden können, so durchgeschwitzt waren wir."

Antonia Meiners, geboren 1943, wohnte mit den Eltern und dem jüngeren Bruder in einem Häuschen in der Fritz-Reuter-Straße. "Es stammte aus den 1930er Jahren, wie alle Häuser in der Straße. Und alle sahen gleich aus." Lange ist sie nicht mehr dort gewesen. Der Weg "über das Brückchen, das über den Graben führt", ist ihr aber noch präsent. Umgekehrt erinnern sich einige alte Schulzendorfer vielleicht an die Fahnen, die Meiners' Vater hisste. "Er war ein überzeugter Kommunist", erinnert sich die Tochter. Ein Foto in ihrem Berlin-Band zeigt ihn mit geschulterter Schaufel auf dem Weg zu einem Arbeitseinsatz des "Nationalen Aufbauwerks" an der FrankfurterAlleeimFriedrichshain, die 1952 Stalinallee hieß. Antonia war in ihrer Haltung nie radikal, teilte aber lange des Vaters Ansicht, "dass es normal und richtig war, den Sozialismus aufzubauen. In den 1960er Jahren hatten sich das Verhältnis und die Fronten zwischen Ost und West geklärt und verhärtet, endgültig mit dem Mauerbau. In den Fünfzigern", urteilt sie, "war noch alles offen."

Als Teenager nach West-Berlin zu fahren, erlaubten die Eltern der Tochter nicht. Heimlich stahl sie sich dennoch davon. "Zwei Schüler aus meiner Klasse schwänzten regelmäßig freitags die Schule und fuhren nach Kreuzberg, um die neuesten Filme in den Grenzkinos zu sehen." Nach der zehnten Klasse beendete Antonia Meiners die Mittelschule in Schulzendorf und lernte Industriekauffrau in Wildau. Der Beruf sagte ihr aber nicht zu. Sie schloss die Lehre trotzdem ab und wechselte danach als "grafische Hilfskraft" zur Neuen Illustrierten Berlin. Den Posten vermittelte ihr der Vater. Den Job als Bildredakteurin erarbeitete sie sich im Anschluss selbst und behielt ihn bis 1975. Dann stellte sie einen Ausreiseantrag. Anderthalb Jahre später wurde er gebilligt. Ihr jüngerer Bruder, erzählt die Autorin, sei am Tag des Mauerbaus in Westberlin geblieben. "Zwei Wochen lang ahnte die Familie, dass er nicht zurückkommen würde, aber wir hörten nichts. Dann rief er an. Meine Mutter hatte noch jeden Abend den Tisch für ihn mitgedeckt."

Die Kontakte zu den anderen Lehrlingen während ihrer Wildauer Jahre haben sich gehalten, jüngst war Antonia Meiners zum "Klassentreffen" in Zeuthen ‒ wo auch die Idee auf den Weg gebracht wurde, dass sie zur Wasserkultur aus ihrem Berlin-Buch liest. Eine Zeuthenerin, die ihren echten Namen nicht in Meiners Band lesen wollte und sich deshalb für ein Pseudonym entschied, berichtet davon, wie sie 1951 als Achtjährige die Weltfestspiele in Ost-Berlin erlebte: "Zum ersten Mal sahen wir Neger, wie man farbige Menschen damals nannte. Zu Hause hatten wir zwei FDJlerinnen einquartiert. Für sie waren die Weltfestspiele auch eine Gelegenheit, zum Einkaufen nach Westberlin zu fahren, von wo sie mit Lackschuhen mit hohen Absätzen zurückkamen."

Ihre Erfahrung als Bildjournalistin und ‒ nach der Wende ‒ als Lektorin brachte Antonia Meiners in den Band ein. Ihr gelang eine Zusammenstellung von Aufnahmen, die Raum für Entdeckungen lassen. Meist sind es Menschen, die für ein Ereignis stehen: Abc-Schützen halten Zuckertüten in die Kamera, alliierte Soldaten versammeln sich um ein Radio, eine Familie eilt vorbei am Imbiss-Automaten am Alexanderplatz. Antonia Meiners arrangiert dazu Zeitzeugenberichte und Archivmaterial, das sie recherchiert hat. Entsprechend lieb wäre es ihr, wenn sie morgen in Zeuthen "weniger lesen würde und stattdessen erzählte, das gibt mehr her". Sollten die Geschichten den Kennedy-Besuch Berlins 1963 einschließen, statt mit dem Jahrzehnt abzuschließen, "macht es nichts".

info Antonia Meiners' Band "Berlin in den 1950er-Jahren" ist im Nicolai-Verlag erschienen und kostet 14,95 Euro.

Von Tanja Kasischke

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