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Kindheitserinnerungen an Teupitz

Teupitz Kindheitserinnerungen an Teupitz

Vor genau 72 Jahren tobte die Kesselschlacht von Halbe. Lothar Richter war damals zehn Jahre alt, abenteuerlustig und furchtlos. Gemeinsam mit seinen Freunden streifte er durch Teupitz und bekam so mehr von Kriegsereignissen mit, als viele Erwachsene. Heute erinnert er sich an seine Kindheit.

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Götter an Fassaden

Das Ehepaar Ursula und Lothar Richter vor einer ehemaligen Kegelbahn in Teupitz.

Quelle: Anja Meyer

Teupitz. Vom Beifahrersitz aus sucht Lothar Richters Blick nach genau der Stelle, an der er damals den toten Fallschirmjäger angefasst hatte. Er wirkt angespannt und aufgeregt zugleich. „Langsamer, etwas langsamer bitte“, sagt er. „Hier muss es irgendwo sein.“ Da. Lothar Richter hat die Stelle an der Buchholzer Straße wiedererkannt. Holger Wedekind hält seinen Wagen an. Er, Lothar Richter und dessen Frau Ursula steigen aus.

„Hier. Genau hier lag der Fallschirmjäger – ohne Arme und Beine, aber er war noch ganz warm als ich ihn berührte“, erzählt Lothar Richter und zeigt auf die Straße, auf der jetzt die Autos schnell vorbeifahren. Seine Stimme bebt. Der Fallschirmspringer müsse an einem Hausdach hängengeblieben und so ums Leben gekommen sein, mutmaßt Richter. Er habe ihn entdeckt, als er nach gut einer Stunde des lauten Rumpelns und Polterns aus dem Bunker wieder auf die Straße lief.

26. April als schlimmsten Tag in Erinnerung

Der Anblick, der sich dem Jungen Lothar an diesem 26. April während der Kesselschlacht von Halbe bot, sei schrecklich gewesen, berichtet Richter 72 Jahre später. „Alles war zertrümmert, überall auf der Straße lagen abgerissene Arme, Beine und Köpfe herum.“ Diesen Leichengeruch sei er jahrelang nicht wieder losgeworden. „Auch jetzt habe ich ihn wieder in der Nase“, sagt Lothar Richter.

Im Gedächtnis des 82-Jährigen sind viele Kindheitserinnerungen aus den letzten Kriegsjahren in Teupitz noch sehr klar und präsent. Nicht nur die vier Tage andauernden Kämpfe der Kesselschlacht um Halbe, deren Heftigkeit sich besonders eingebrannt hat, sondern auch Erlebnisse aus der Zeit davor.

Lange Zeit andere Prioritäten

Deshalb treffen sich Lothar und Ursula Richter an diesem Vormittag im späten April mit Holger Wedekind, Gedenkstättenpädagoge in der Bildungsstätte des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Halbe. Sein Leben lang hatte Richter seine traumatischen Erinnerungen im Kopf, jahrelang rückten sie jedoch wegen andere Prioritäten in den Hintergrund.

Partnerschaft, Studium, Beruf, Familiengründung, weite Reisen. Erst nach der Wende begann der heutige Berliner, Notizen über seine Kindheitserinnerungen in Teupitz aufzuschreiben. Jetzt überredeten ihn drei seiner sieben Enkelkinder, doch mehr daraus zu machen. Richter wandte sich an Holger Wedekind, schickte ihm seine Aufzeichnungen und verabredete sich zu einem Treffen.

Zeitzeugen sind schwer zu finden

Für Holger Wedekind sind Nachrichten von Zeitzeugen wie Lothar Richter ein Geschenk. „Zeitzeugen machen den Geschichtsunterricht erlebbar, ihre persönlichen Erinnerungen bleiben Schülern im Gedächtnis“, sagt er. Das Problem: Zeitzeugen aus dem Zweiten Weltkrieg sind schwer zu finden. Viele leben nicht mehr, manche wollen nicht erzählen und nicht jeder kann sich so gut an das Erlebte und Gesehene erinnern, wie Lothar Richter.

Außerdem erhoffte Wedekind sich, durch den Kontakt zu Richter ein paar Lücken aus den Kriegs-Geschehnissen in Teupitz zu schließen. Denn die Geschichtsforschung fokussiert sich vor allem auf den Ort Halbe. Und so haben sich Holger Wedekind und Lothar Richter gleichermaßen erwartungsvoll in das Auto gesetzt und fahren die historische Fluchtroute der Kesselschlacht von Halbe ab.

Abenteuerlustig und furchtlos

Immer wieder erkennt Richter einen Ort von früher wieder, alle paar Meter steigt die kleine Gruppe aus dem Wagen aus und er erzählt. Lothar Richter – im Frühjahr 1945 zehn Jahre alt, abenteuerlustig und furchtlos – war mit seinen Freunden immer im Geschehen. Nicht zur Freude ihrer Mütter, die sich um die Jungs sorgten. Doch das konnte die Kinder nicht davon abhalten, auf ihre Teupitzer Streifzüge zu gehen: Wann immer sie hörten oder sahen, dass draußen etwas passierte, rannten sie los und versuchten, so nah heranzukommen wie möglich. Mal zu viert, mal zu zwölft, manchmal auch mit Richters älterer Schwester.

So wie an dieser Einfahrt neben dem heutigen Tankstellenbau in Teupitz. „Hier landete der Fieseler Storch an manchen Tagen bis zu dreimal“, erzählt Richter. Als Fieseler Storch wurde seinerzeit das Flugzeug der deutschen Luftwaffe bezeichnet, das die Schwerverwundeten aus Teupitz abtransportierte. „Dass war ein Schauspiel für uns, wenn der Fieseler Storch hier landete!“, sagt Richter. Einmal hätten sich die Jungs sogar vorne reinsetzen dürfen. „Ihr wart damals eben im besten Abenteueralter“, sagt seine Frau Ursula Richter. „Und gleichzeitig alt genug, um alles genau mitzubekommen.“

Ein spezieller Gefangenenzug

Genau mitbekommen haben Lothar Richter und seine Freunde damals auch, dass dieser eine Gefangenentransport durch Teupitz ein ganz spezieller war. Das Ehepaar Richter und Wedekind halten inzwischen an einer anderen Stelle direkt am Wald, dahinter stehen die Gebäude der früheren „Landesirrenanstalt“. „Hier mussten sich die Gefangenen in Sechserreihen aufstellen und auf Kommando pinkeln und ihre Notdurft verrichten“, berichtet Lothar Richter.

Er und seine Freunde hätten versucht, näher an den Gefangenenzug heranzukommen, um zu sehen, wer da durch die Straßen getrieben wird. Doch sie seien immer wieder von bewaffneten Soldatinnen – die sie Flintenweiber nannten – verscheucht worden. Erst als die Gefangenen auf das Anstaltsgelände getrieben und zusammengepfercht wurden, kamen die Jungen so richtig nah ran.

KZ-Häftlinge durch Teupitz getrieben

„Die Gefangenen liefen barfuß, sie waren mager und hatten gestreifte Hemden an, wie Schlafanzüge. Unter ihnen waren auch Kinder, Mädchen und Knaben in meinem Alter“, sagt Richter. Dass Menschen so erniedrigt werden, habe er noch nie erlebt. „Sie wurden mit Füßen getreten und angebrüllt. Nicht einmal Tiere wurden so behandelt.“

Lothar Richter und seine Freunde fragten die Erwachsenen, wer denn diese Menschen seien. Doch alle antworteten nur, es seien eben Gefangene, die Kinder sollten es doch einfach darauf beruhen lassen. Erst nach dem Krieg wurde Richter klar, dass es sich um KZ-Häftlinge handelte, die durch Halbe und Teupitz in die Vernichtungslager gebracht wurden.

Spannende Einblicke in Teupitzer Geschichte

Dass es solche KZ-Transporte durch Halbe und Teupitz gegeben hatte, ist auch Geschichtslehrer Holger Wedekind bekannt. Umso spannender für ihn, diese Geschichte nun aus den persönlichen Erinnerungen Lothar Richters geschildert zu bekommen. „Es ist mittlerweile sehr selten, dass sich jemand noch so klar und genau erinnern kann, wie Herr Richter“, sagt er.

Und deshalb bittet Wedekind Lothar Richter nach der Fahrt durch Teupitz, sich doch einmal zu überlegen, ob er seine persönlichen Erinnerungen nicht auch vor Schülern vortragen würde. Lothar Richter will sich das Angebot in Ruhe durch den Kopf gehen lassen.

Von Anja Meyer

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