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Königs Wusterhausen Erste Berufsausbildung mit knapp 60 Jahren
Lokales Dahme-Spreewald Königs Wusterhausen Erste Berufsausbildung mit knapp 60 Jahren
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09:04 14.01.2019
Mit knapp 60 Jahren erlernt Ilona Szafranski zum ersten Mal in ihrem einen Beruf und wird Genesungsbegleiterin. Quelle: Andrea Müller
Königs Wusterhausen

Ilona Szafranski wird im September 60 Jahre alt. Ihr bestes Geschenk wird sie sich selbst machen: Zum ersten Mal in ihrem Leben erlernt die Wahl-Königs-Wusterhausenerin einen Beruf. Sie will Genesungsbegleiterin werden für Menschen, die an psychischen Störungen leiden.

Wunsch hat seine Ursachen

Das kommt nicht von Ungefähr. Ilona Szafranski hat selbst ein schwieriges Leben gehabt, wurde wegen der Belastungen irgendwann psychisch krank und weiß darum, wie es diesen Menschen geht, wie sie sich fühlen, was sie brauchen. „Ich möchte ihnen auf ihrem Weg beistehen“, sagt sie.

Tragödie begann mit 16

Für sie selbst begann die Tragödie, als sie 16 Jahre alt war und mit Zwillingen schwanger wurde. Kaum 18 Jahre alt, heiratete sie den Kindsvater. Sie bezogen zusammen eine Wohnung. „Aber es hielt nicht lange“, erinnert sich Szafranski. Dazu kamen andere Probleme. Denn weil sie bei der Geburt der Zwillinge noch nicht volljährig war, wurden die Großeltern der Kinder zum Vormund. „Immer wollte man mir die Babys wegnehmen“, so die Frau, die nun auf die 60 zugeht.

Jobs in vielen Berufen

Weil sie keinen Beruf hatte, ihr damaliger Mann war Kfz-Lehrling, hatte die kleine Familie kaum Geld zum Leben. „Ich habe deswegen in verschiedenen Berufen gearbeitet und war nie arbeitslos“, meint sie. Sie sei in Krippen und Kindergärten tätig gewesen, arbeitete als Verkäuferin, dann in einem Logistik-Unternehmen, bis sie schließlich in einem Schokoladen-Unternehmen in Rangsdorf einen Job fand.

Traumata aus „normalem“ Leben

Die Kinder – nach den Zwillingen bekam sie noch ein Mädchen und einen Jungen – , die Arbeit, die Sorgen um das Alltägliche: Irgendwann ging es nicht mehr weiter. Ilona Szafranski erlebte einen Zusammenbruch. Seitdem war sie mindestens zweimal im Jahr in der Klinik – 2001 zum letzten Mal in Teupitz. „Traumata kann man nicht nur in Kriegen und bei Naturkatastrophen erleiden, sondern auch unter scheinbar normalen Lebensumständen“, sagt sie sehr nachdenklich. 2012 machte sie einen intensive Traumatherapie in Berlin. Anschließend fuhr sie zur Rehabilitation ins Allgäu. Seitdem geht es ihr deutlich besser.

Hilfe bei Lebenswelten

Schon viele Jahre besucht Ilona Szafranski den psychosozialen Hilfsverein Lebenswelten in Königs Wusterhausen. „Ein Bekannter aus der Tagesklinik hat mich dahin mitgenommen“, erinnert sie sich. Damals hatte der Verein noch sein Domizil in der Scheederstraße in Königs Wusterhausen. Heute befindet es sich am Amtsgarten. Der Verein hilft Menschen über die Kreisgrenzen hinaus, seelisch wieder auf die Beine zu kommen.

Aus Dankbarkeit etwas zurück geben

Mit der Zeit ging es Ilona Szafranski immer besser. Als die Ergotherapeutin im Verein in Rente ging, fragte man sie, ob sie nicht die Bastelgruppe übernehmen wolle. Und ob sie das wollte. „Ich wollte unbedingt etwas von dem zurück geben, was ich hier selbst erfahren habe“, bringt sie ihre Dankbarkeit auf den Punkt.

Engagiert in vielen Gruppen

Jetzt bastelt sie mit den Besuchern von Lebenswelten zweimal pro Woche, ist Besuchersprecherin, leitet die Besucherversammlung, arbeitet im Vorstand mit und engagiert sich in der Angehörigengruppe.

Psychiatrie verändern

Bei Lebenswelten fand sie auch einen Flyer von „Ex-In“, das von 2005 bis 2007 als Pilotprojekt ins Leben gerufen wurde, um Menschen mit Psychiatrie-Erfahrung auszubilden, damit sie als Mitarbeiterin in psychiatrischen Diensten arbeiten können. Möglich ist auch der Einsatz als Dozentin in der Aus-, Fort- und Weiterbildung. Ilona Szafranski ist ja wie viele andere auch eine Expertin aus Erfahrung. Aus dieser Sicht heraus sollen die dazu beitragen, das Verständnis und Vorgehen psychiatrischer Intervention zu verändern.

Jeder kann wieder gesund werden

Dabei wird davon ausgegangen, dass jeder Mensch das Potenzial zur Genesung hat und Verantwortung für andere übernehmen kann. Ilona Szafranski will nichts sehnlicher, als diesen Weg gehen: „Ich will andere bei ihrer Genesung begleiten.“

300 Stunden auf der Schulbank

Doch der Weg ist steinig. Die Ausbildung in Berlin kostet ohne die Fahrkosten 180 Euro im Monat. Ilona Szafranski ist seit 2003 berentet, das monatliche Entgelt eher gering. Und wieder half ihr der Verein Lebenswelten, der ihr die Hälfte von der Gesamtsumme mit Vorstandsbeschluss dazu gab. 300 Stunden sitzt Ilona Szafranski nun auf der Schulbank. Drei Tage im Monat lässt sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben richtig ausbilden.

Offene Arme in Bohnsdorf

Dazu gehört nicht nur die Theorie, sondern auch Praktika. Während im Landkreis Dahme-Spreewald die Türen für sie eher verschlossen blieben, öffnete man sie weit im Krankenhaus Hedwigshöhe in Berlin-Bohnsdorf. „Dort wurde ich richtig ins Team integriert“, sagt Ilona Szafranski stolz.

Erfolg verleiht ihr Flügel

Im April wird Ilona Szafranski mit ihrer Ausbildung zur Genesungshelferin fertig sein. „Dann kann ich überall arbeiten, wo Menschen mit psychischen Problemen Hilfe brauchen“, sagt sie. Dass sie dann schon bald 60 Jahre alt wird, steht ihr nicht im Wege. Im Gegenteil. Dass sie das noch geschafft hat, verleiht ihr Flügel.

Von Andrea Müller

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