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Martin Schulz: einmal staatsmännisch, dann wieder leutselig

SPD-Hoffnungsträger besucht Dahme-Spreewald Martin Schulz: einmal staatsmännisch, dann wieder leutselig

Wo er auftaucht, ist Presserummel garantiert – Martin Schulz wird von der SPD als Hoffnungsträger und Superstar gefeiert. Der designierte Kanzlerkandidat hat in der SPD tatsächlich Euphorie ausgelöst. Am Mittwoch hat er den Landkreis Dahme-Spreewald besucht und dabei gezeigt, warum die SPD so große Hoffnungen in ihn setzt.

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Martin Schulz begutachtet ein Stück Leder in der Produktionshalle des Sohlenherstellers Schelchen GmbH in Zeesen. Am Mittwoch besuchte der SPD-Kanzlerkandidat den Betrieb.

Quelle: Gerlinde Irmscher

Zeesen. Die Firma Schelchen in Zeesen ist ein Markenhersteller für Einlegesohlen. Weltweit werden sie vertrieben. Seit Mittwoch ist auch der designierte SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz (61) im Besitz der gefragten Pedag-Sohlen. Er bekam bei seinem Besuch zwei Paare geschenkt – ein Wellness-Fußbett und ein Sport-Fußbett des Modells Viva in den Größen 42 und 43. Das sollte passen. Schulz hat Schuhgröße 42,5.

Möglich, dass sie ihn in diesem Jahr sogar bis ins Kanzleramt tragen. Ganz gewiss werden sie ihm auf dem langen Weg dorthin gute Dienste erweisen. In Zeesen startete Martin Schulz am Mittwoch seine Tour durch Ostdeutschland. Anschließend ging es nach Lübben, dann weiter nach Leipzig. Morgen reist er nach Sachsen-Anhalt. Schulz will sich Anregungen für das Wahlprogramm holen.

50 Journalisten warten auf Schulz

Wo der SPD-Superstar in diesen Tagen auftaucht, gibt es einen Presserummel. So war es auch in Zeesen. Doch mit diesem Ansturm hatte selbst der Schulz-Stab nicht gerechnet. Gut 50 Journalisten belagerten am Morgen das kleine Betriebsgelände, darunter mehrere Kamerateams. Sogar aus Frankreich und Holland waren Reporter da.

Im Nieselregen warteten sie auf die Ankunft von Martin Schulz. Er wurde um zehn Uhr erwartet. Die lokale SPD-Prominenz war versammelt. Und auch Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) war schon da, er gab drinnen die ersten Interviews. „Was wir hier heute sehen, ist ein Teil der großen Erfolgsgeschichte des Landes“, schwärmte er. Mit knapp 20 Minuten Verspätung traf Martin Schulz schließlich ein. „Dichter Verkehr in Berlin“, sagte er entschuldigend. Sofort war er umringt auf dem Parkplatz. Kameras surrten, Fotoapparate klickten, Mikrofone schwebten in der Luft. Seine vier Bodyguards behielten stets alles im Blick. Schulz schüttelte einige Hände, während sich der Tross zur Firmenzentrale bewegte. „Sonst werden die Haare nass“, sagte Landtagsabgeordnete Sylvia Lehmann. „Schönen Dank!“, erwiderte Schulz und blickte sich grinsend um. Er trägt Halbglatze.

Kandidatenkür im März

Noch ist Martin Schulz der designierte SPD-Kanzlerkandidat, er soll auf einem Bundesparteitag am 19. März offiziell nominiert und gleichzeitig zum neuen SPD-Vorsitzenden gewählt werden.

Von 1994 bis 2017 war er Mitglied im Europäischen Parlament, seit 2012 dessen Präsident. Schulz begann seine politische Karriere 1987 als Bürgermeister von Würselen (Nordrhein-Westfalen).

Schulz gilt als SPD-Hoffnungsträger. Die Partei legte in Umfragen deutlich zu, Schulz ist beliebter als Kanzlerin Angela Merkel (CDU).

Die Schelchen GmbH wurde 1955 in Berlin gegründet, zog 1993 in den Zeesener Gewerbepark. Sie ist einer der größten Hersteller von Einlegesohlen und Fußbettungen, beschäftigt 170 Mitarbeiter.

Im Konferenzraum wurde es wieder ernst. Firmen-Chef Thomas Timm konfrontierte Schulz mit dessen jüngsten Aussagen zur Eindämmung von befristeten Arbeitsverträgen. „Sie sind kein Teufelszeug. Sie helfen Unternehmen, auf schwierige Situationen zu reagieren. Wir gehen sehr gewissenhaft damit um“, sagte er. Außerdem wünschte er sich mehr Aufmerksamkeit in der Politik für kleine und mittelständische Unternehmen. „Die öffentliche Debatte geht oft an uns vorbei.“

Für den Kanzlerkandidaten war das eine Steilvorlage. Schulz zu Jobs auf Zeit: „Gegen sachlich begründete Befristungen haben wir nichts. Wir wollen auf keinen Fall die Firmen einschränken.“ Zum Mittelstand: „Er ist das Rückgrat unserer Wirtschaft.“ Und zur Arbeit allgemein: „Die Wertschätzung der Arbeit ist genau das Thema, das künftig die Debatten beherrschen wird.“

Besuch in den Produktionshallen

Dann ging es hinüber in die Produktionshallen. Schulz und Timm vorneweg, die Reporter tippelten in einer langen Schlange hinterher. Vom Staatsmann-Modus im Konferenzsaal hatte Schulz im Nu auf leutselig umgeschaltet. In der Halle begrüßte er die erste Mitarbeiterin mit Handschlag, ließ sich erklären, was sie macht. An mehreren Arbeitsplätzen blieb er stehen, hörte aufmerksam zu, klopfte Mitarbeitern auf die Schulter, verabschiedete sich höflich von ihnen. „Ich habe heute in zehn Minuten mehr über Einlegesohlen gelernt als im meinem ganzen Leben zuvor“, sagte er. Das klang nicht so daher gesagt, man nahm ihm ab, dass er es ernst meint.

Diesen Eindruck hatte Teresa Schoon, die seit 27 Jahren für Schelchen arbeitet. „Ich denke, er wird es weit bringen“, meinte sie. Angetan von Martin Schulz war auch Susanne Schnabel aus Wildau, ebenfalls seit mehr als zwei Jahrzehnten im Betrieb. An ihrer Stanzmaschine machte er kurz halt. „Ich war ein bisschen aufgeregt, fand ihn nett.“ Und Mitarbeiterin Dagmar Dudek fand Schulz sehr sympathisch. Die improvisierte Pressekonferenz in der Lagerhalle nach dem Rundgangs fand direkt neben ihrem Arbeitsplatz statt. „Seine Vorschläge sind eigentlich ganz gut“, sagte sie.

Statements zwischen Kartons mit Sohlen

Zwischen Kartons mit Sohlen, Schnürsenkeln und Schuhformen gaben Schulz und Woidke ihre abschließenden Statements ab. Es dauerte aber einen kurzen Moment, bis sich die Pressevertreter richtig postiert hatten. „Alle bereit?“, fragte SPD-Sprecher Julian Lange in die Runde. „Noch nicht!“ schrie ein Kameramann aus dem Hintergrund. „Jetzt!“

Wie auf Knopfdruck nahm Schulz vor den Objektiven wieder eine straffe Haltung an. „Ein fantastischer Betrieb, eine beeindruckende Produktion“, schwärmte er. „Made in Germany ist die Grundlage des Erfolgs.“ Unfreiwillig komisch wurde es, als eine Reporterin ihn fragte, ob er ein Reformator sei. Es ging um die Arbeitsmarktreformen. Da grinste Schulz schelmisch, antwortete in Anspielung auf das 500. Reformationsjubiläum und Martin Luther: „Auch ich heiße Martin, ihr Vergleich ehrt mich. Ich würde das aber nicht für mich in Anspruch nehmen.“ Alle um ihn herum kicherten.

Gespräch hinter verschlossenen Türen

Schulz nahm sich noch Zeit für ein Gespräch mit Firmenvertretern und Politikern hinter verschlossenen Türen, bei dem es um die schwierige Nachwuchsgewinnung in Betrieben ging. Kurz nach zwölf Uhr machte er sich im schwarzen Dienst-Audi auf den Weg nach Lübben, wo er die Spreewaldklinik und die Krankenpflegeschule besuchte.

Firmenchef Thomas Timm war zufrieden. „Ich habe ihn als sehr angenehmen Besucher und Zuhörer empfunden. Er bringt keine Plattitüden“, urteilte er über Martin Schulz. Freundlich wird vermutlich der Bericht der beiden französischen Reporter ausfallen, die in Berlin leben. „Es gibt bei uns ein großes Interesse an Schulz“, sagte Luc Andre, der unter anderem für „Radio France“ arbeitet. Und Thomas Wieder von „Le Monde“ meinte: „Wir hoffen, dass er mehr Herzblut in die deutsch-französische Zusammenarbeit einbringt. Frau Merkel hat mit Frankreich nichts am Hut."

Von Frank Pawlowski

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