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„Meditation ist ein religiöser Akt“

MAZ-Serie: Religion in der Region „Meditation ist ein religiöser Akt“

Im letzten Teil der MAZ-Serie „Religion in der Region“ spricht der Potsdamer Professor Johann Evangelist Hafner im Interview über falsche Vorstellungen vom Buddhismus und zum Verhältnis von Religion und Philosophie. Er meint: Auch Vegetarismus kann eine Form von Glauben sein.

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Johann Evangelist Hafner, Potsdamer Religionsphilosoph.

Quelle: Ildiko Röd

Dahmeland-Fläming. Johann Evangelist Hafner ist Professor für Religionswissenschaft an der Universität Potsdam. Er befasst sich unter anderem mit dem Verhältnis von Religion und Philosophie, dem Christentum in Brandenburg und Phänomenen wie dem Engelsglauben.

In westlichen Gesellschaften scheint der Buddhismus nicht zuletzt deshalb beliebt, weil er körperliches und seelisches Wohlbefinden verspricht. Ist der Buddhismus überhaupt eine Religion, oder doch eher eine Lebensphilosophie?


Hafner: Natürlich ist der Buddhismus eine Religion, sowohl in der Außenbetrachtung durch die Religionswissenschaft als auch in der Selbstbeschreibung. Das Wort Religion ist allerdings ein Latinismus, der sich erst im Laufe der Kolonialgeschichte über die ganze Welt verbreitet hat. In der Selbstbeschreibung sprechen Buddhisten stattdessen von Dharma, was übersetzt so viel heißt wie „Gesetz“. Gemeint ist das ewige Weltgesetz, in das sich der Meditierende einfügt und durch Gelassenheit der Welt entkommt. Wenn die Meditation nicht nur der Entspannung oder als Fitness-Übung dient, ist sie sehr wohl ein religiöser Akt.

Was zeichnet denn eine Religion überhaupt aus?

Hafner: Viele meiner Kollegen haben inzwischen aufgegeben, Religion definieren zu wollen. Meines Erachtens gibt es aber ein Bündel von Elementen, von denen zumindest einige zutreffen sollten. Die Mindestbedingung ist wohl die Annahme einer jenseitigen zweiten Wirklichkeit, die von unserer getrennt ist. Das können ein richtender Gott oder ein Geisterreich oder auch Energien sein, die uns durchfließen. Andere Elemente sind Gesellungsformen, etwa als Gemeinde oder als Volkskirche, oder ein Ritus, also ein formales Verhalten, das sich von einem pragmatischen Alltagsverhalten klar unterscheidet. Die meisten Religionen haben außerdem ein Ethos, also einen moralischen Verhaltenskodex.

Ist nicht schon die Unterscheidung von Religion und Philosophie eine sehr westliche Vorstellung?

Hafner: Man hat lange vermutet, dass der Religionsbegriff exportiert und anderen Kulturen aufok-troyiert wurde, aber buddhistische Staatslehren haben schon vor der Kolonialisierung zwischen dem Politischen und dem Religiösen unterschieden. Die Tätigkeiten buddhistischer Mönche waren zuvor schon als Eigenbereich kenntlich, auch wenn man es nicht mit dem Wort „religio“ bezeichnete – von dem übrigens niemand weiß, wo es eigentlich herkommt. Später ist das Wort aber so erfolgreich geworden, dass man sich heutzutage in der ganzen Welt darüber verständigen kann und auch ein Buddhist ganz selbstverständlich von „seiner Religion“ sprechen würde.

Gibt es noch andere Grenzfälle von Religion und Lebensphilosophie?

Hafner: Ja, zum Beispiel der Vegetarismus, wenn man ihn nicht nur als Ernährungslehre auffasst, die Salat für gesünder hält als Schnitzel, sondern als Lehre, die eine Vorstellung von Tierethik oder einer Tierseele mit sich bringt. Der Verzicht auf Fleisch aus Überzeugung ist eine Verhaltensweise, die man als religiös bezeichnen könnte. Ein anderer Grenzfall wäre der Glaube an das ökologische Gleichgewicht. Für diese Menschen ist die Integrität des Planeten Erde ein eigener Wert, ein Idealzustand der Welt, eine Paradies-Vorstellung, die kontrafaktisch aufrecht erhalten wird.

Dem Buddhismus unterstellt man gern eine friedlichere Natur als etwa den monotheistischen Religionen. Ist das mehr als ein Klischee?

Hafner: Auch Buddhisten sind ex-trem brutal miteinander umgegangen. Es hat Mönchskriege gegeben, in denen sie sich gegenseitig als Ameisen und Schmutz bezeichnet und getötet haben. Und in Sri Lanka, neben Thailand das einzige Land mit dem Buddhismus als Staatsreligion, herrscht gegenüber den hinduistischen Tamilen eine Art religiöser Faschismus. Da haben sich Nationalismus und Buddhismus ganz eng miteinander verknüpft. Hierzulande haben die Leute immer den Dalai-Lama vor Augen, aber keiner kennt die Geschichte des Buddhismus oder weiß, wie brutal in Japan oder China Menschen verfolgt wurden, weil sie den Buddhismus reformieren wollten.


Von x

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