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„Mein Ziel ist es, den Sprechfluss zu verbessern“

Welttag des Stotterns „Mein Ziel ist es, den Sprechfluss zu verbessern“

Christine Schlickeisen (45) ist seit zehn Jahren Logopädin, seit 2007 führt sie ihre eigene Praxis in Königs Wusterhausen. Zum Welttag des Stotterns am 22. Oktober spricht sie über Ursachen und Therapie von Stotterern.

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Die Logopädin Christine Schlickeisen zeigt ein Buch, in dem Kinder ihr Stottern malen. Hier vergleicht ein Kind sein Stottern mit dem Korken einer Flasche, der mal auf und mal zu ist.

Quelle: Anja Meyer

Königs Wusterhausen. Christine Schlickeisen (45) ist seit zehn Jahren Logopädin, seit 2007 führt sie ihre eigene Praxis in Königs Wus-terhausen. Zum Welttag des Stotterns am 22. Oktober spricht sie über Ursachen und die Therapie von Stotterern.

Frau Schlickeisen, welchen Anteil macht die Therapie von Stotterern in Ihrer Praxis aus?

Christine Schlickeisen: Eher einen geringen. Von etwa 140 Patienten, die meine Kolleginnen und ich zur Zeit betreuen, kommen aktuell etwa acht wegen ihres Stotterns in die Praxis. Die meisten von ihnen sind Kinder. In ganz Deutschland stottern etwa 800 000 Menschen, das entspricht rund einem Prozent der Bevölkerung.

Das heißt, die meisten Erwachsenen konnten ihr Stottern komplett wegtherapieren oder warum behandeln sie vor allem Kinder?

Schlickeisen: Erwachsene haben gelernt, mit ihrem Stottern für sich bestmöglich umzugehen. Stottern beginnt überwiegend im Kindesalter und hier sollte auch mit einer Sprechtherapie begonnen werden. Dann lässt es sich durch eine gezielte Therapie deutlich vermindern. Auch Prominente sind vom Stottern betroffen, wie zum Beispiel der Graf von der Band Unheilig oder der britische König George VI, der Vater von Queen Elisabeth – über sein Leben mit dem Stottern gibt es den tollen Film ,The King’s Speech’ mit Colin Firth. Mein Ziel als Logopädin ist es, den Sprechfluss zu verbessern und sprachliche Blockaden zu lösen. Das gelingt durch eine ausführliche Diagnostik und eine anschließende darauf abgestimmte Therapie.

Ist jedes Stottern gleich?

Schlickeisen: Ganz und gar nicht – Stottern tritt bei Patienten in unterschiedlicher Weise auf. Generell lassen sich die Stottersymptome in drei Gruppen einordnen. Da sind die tonischen Blockaden, bei denen der erste Buchstabe des Wortes einfach nicht aus dem Mund herauskommen will. Andere Patienten produzieren Dehnungen, bei dauf.

In welchem Lebensalter entsteht Stottern?

Schlickeisen: In der kindlichen Sprachentwicklung kann es zwischen dem dritten und sechsten Lebensjahr zu sogenannten Unflüssigkeiten im Redefluss kommen, bei denen es sich aber nicht in jedem Fall um ein Stottern handelt. Diese Unflüssigkeiten äußern sich in Form von lockeren Silben- oder Lautwiederholungen. So sagen sie zum Beispiel: Ma-ma-ma-ma-ma-ma, bevor es mit dem eigentlichen Satz weitergeht. Häufig nehmen die Kinder das selbst gar nicht wahr und erzählen munter weiter. Sollte das über einen längeren Zeitraum auftreten oder in feste Sprechblockaden übergehen, oder durch die Kinder selbst an sich wahrgenommen werden, ist eine logopädische Diagnostik angeraten. Wenn Eltern ihr Kind in meiner Praxis vorstellen, führe ich eine gründliche Anamnese durch. Hier zeigt sich häufig schon, dass kein pathologisches Stottern vorliegt.

Was raten Sie Eltern, die so etwas bemerken?

Schlickeisen: Ruhig zu bleiben und die Unflüssigkeiten auch zuzulassen. Nicht das Kind beim Sprechen unterbrechen. Blickkontakt halten und dem Kind das Gefühl geben, ihm aufmerksam zuzuhören. Gut gemeinte Ratschläge wie ,Jetzt hole erst einmal Luft’ oder ,Überlege erst einmal, was du sagen möchtest’ verunsichern das Kind zusätzlich und machen ihm bewusst, dass etwas mit dem Sprechen scheinbar nicht stimmt. Eltern sollten zunächst weniger Augenmerk auf die formvollendete Aussprache des Gesprochenen, als auf dessen Inhalt legen.

Wenn Sie bei der Diagnostik feststellen, dass das Kind wirklich stottert: Wie sieht eine typische Therapiestunde bei Ihnen aus?

Schlickeisen: Zuerst einmal stelle ich eine möglichst vertrauensvolle Situation her. Am Anfang spiele ich mit den Kindern gerne das Detektiv-Spiel. Dabei unterbreche ich meinen eigenen Sprechfluss immer mal wieder und lasse meine kleinen Patienten herausfinden, wann ich stottere. Irgendwann drehe ich das um und frage, ob ich das auch mal bei ihnen darf. Wenn die Atmosphäre zwischen uns entspannt ist, sagen die Kinder auch von ganz allein: ,Man, ich krieg’ das Wort jetzt aber nicht richtig raus.’ Später stottere ich mit den Kindern absichtlich, um ihnen die Angst vor dem eigenen Stottern zu nehmen. Wir heben und senken dann die Stimme, um das Sprechen zu beeinflussen und Sprechfreude zu entwickeln. Dann gehen wir daran, mit bestimmten Atem- und Sprechtechniken die Blockaden zu lösen. Besonders wichtig ist die Elternberatung. Hier werden den Eltern Verhaltensratschläge für den alltäglichen Umgang mit der Stottersymptomatik ihres Kindes gegeben und im Gespräch auch ihre Sorgen und Wahrnehmungen gemeinsam besprochen.

Hatten Sie in letzter Zeit auch mal einen erwachsenen Stotterer in der Therapie?

Schlickeisen: Ja, vor kurzem kam ein junger Mann zu mir in die Praxis, der an der Technischen Hochschule Wildau studiert. Er wollte den Umgang mit seinem Stottern für das Halten von Vorträgen und Präsentationen verbessern. Er stottert seit Kindertagen und war in seiner Heimatstadt lange in logopädischer Behandlung. Sein Antrieb war die Sorge vor dem Hängenbleiben während eines Vortrages und der Gefahr, sich damit unter Umständen zu blamieren. Wir sind gemeinsam seinen Vortrag genau durchgegangen und haben kritische Stellen, an denen er noch einmal durchatmen sollte, markiert. Während der Therapie hat er vor mir seinen Vortrag mehrmals gehalten und ich habe typische Stress-Situationen provoziert: Ich habe den Stift fallen gelassen, mit Papier geraschelt und bin umhergelaufen. Alles Situationen, die auftreten und den Stotterer extrem verunsichern können.

Eine besondere Frage noch zum Schluss: Haben Sie Tipps für Menschen, die Stotterern begegnen? Wie sollten sie sich verhalten, um den anderen nicht noch mehr zu verunsichern?

Schlickeisen: Am besten mit dem Gesprächspartner den Blickkontakt halten und aktiv zuhören. Dabei nicht den Satz für den Stotterer zu Ende führen, sondern ihn aussprechen lassen. Stotterer müssen viel Aushalten, vor allem in der Pubertät. Aber wenn sie mit ihrem Handicap selbstbewusst und offen umgehen, dann spüren sie, dass andere viel verständnisvoller sind, als sie es sich vorgestellt haben.


Interview: Anja Meyer

Von Anja Meyer

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