Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -3 ° Sprühregen

Navigation:
Rabiha beim Arzt

MAZ-Serie „In der neuen Heimat“ Rabiha beim Arzt

Seit der Flucht wird Rabiha von Rückenschmerzen geplagt. Wenn sie weite Strecken läuft, kann sie hinterher oft nächtelang nicht schlafen. Tabletten helfen ihr mitunter über den Tag – aber so soll es ja nicht bleiben. Einen Arzt-Termin und vor allem einen Therapie-Termin zu bekommen, ist aber nicht ganz leicht für einen Flüchtling.

Ludwigsfelde. Wo Licht ist, ist auch Schatten, sagt man. Zum Glück gilt das auch umgekehrt.

Die vergangene Woche brachte ein paar Enttäuschungen mit für Familie Yassin. Das mit dem Job bei Mercedes etwa, den man Mohammed und fünf anderen Flüchtlingen angeboten hatte, wird wohl nichts. Man habe derzeit doch keinen Bedarf, hieß es. Vielleicht ja später.

Auch der Deutschkurs, für den Mohammed sich und Rabiha schon vor Wochen angemeldet hatte, wurde kurzfristig abgesagt. „Keine Deutscha“, sagt Rabiha. Auch das vielleicht später.

Aber trotzdem war die Woche keine verlorene Woche. Denn eine Frau ist in Rabihas Leben getreten, eine wichtige Frau. Eine Physiotherapeutin, die sich Rabihas kaputtem Rücken annehmen will.

Den ersten Termin hatte Rabiha am Mittwoch. Die Masseurin knetete und bearbeitete 25 Minuten lang ihren Lendenbereich. In der Nacht danach seien die Schmerzen mal wieder unerträglich gewesen, sagt Rabiha. Aber so ist das wohl. Die Heilung kommt mit dem Schmerz. Hoffentlich.

Der Rücken macht Rabiha schon seit Monaten zu schaffen. Er hat ihr die ohnehin unerfreuliche Flucht zur reinen Hölle gemacht und auch jetzt lässt er ihr keine Ruhe. Sobald sie eine längere Strecke läuft – etwa einen Kilometer, sagt sie – nehmen die Schmerzen rapide zu. Einmal stand sie im Kaufland, das Kind auf dem Arm, und konnte sich nicht mehr bewegen. „Ich laufe eigentlich so gerne, aber es geht nicht“, sagt Rabiha. Deshalb muss Mohammed immer einkaufen.

Die Schmerzen erinnern sie auch immer wieder an einen Tag, den sie am liebsten vergessen würde. Es war ein Septembertag, der Tag ihrer Flucht. Sie hatten sich auf Geheiß der Schleusermafia in einem Waldstück nahe des Mittelmeerstrandes eingefunden. Vom Strand aus starteten regelmäßig die Schleuserboote. Zwei Tage und Nächte lang hatten sie zwischen den Olivenbäumen Wald ausgeharrt, Mutter, Vater, drei Kinder ohne Essen, ohne Wasser und in der Angst, ihre Flucht könnte noch scheitern, manchmal sogar in Todesangst. „Auf einmal kam die Polizei“, sagt Rabiha. Sie fuhren in Mannschaftswagen vor, zogen bereits voll besetzte Schleuserboote aus dem Wasser und durchkämmten auch das Waldstück nach Flüchtlingen. In Panik sei sie ziellos durch den Wald gerannt, erzählt Rabiha. Sie trug Meis auf dem Arm, die Kleinste, damals kaum mehr als ein halbes Jahr alt. Als sie irgendwann mehrere Polizisten in unmittelbarer Nähe sah, warf sie sich rückwärts auf den Boden.

Die türkische Grenzpollizei nahm an diesem Tag etwa 300 der rund 700 Syrer, Afghanen und Iraker fest, die in dem Waldstück auf ihre Überfahrt nach Griechenland warteten. Die Yassins erwischten sie nicht. Aber während der Stunden, die Rabiha danach betend im Boot kauerte, während ihrer Fußmärsche durch unwirtliche Gegenden in allen möglichen Teilen Europas und während der täglichen Lebens in Ludwigsfelde kehrte der Schmerz im Rücken immer wieder.

Natürlich war Rabiha inzwischen schon bei Ärzten. Als Meis mit Lungenentzündung im Ludwigsfelder Krankenhaus behandelt werden musste, winkte ein Arzt in der Notaufnahme Rabiha zu sich. Er diagnostizierte einen schlecht verheilten Bruch. Sie brauche Physiotherapie, sagte er. Aber so einfach ist das nicht für Flüchtlinge.

Rabiha ist Krankenschwester, sie kennt sich im Gesundheitssystem und spricht auch fließend Englisch, aber die Wege bis zur Verschreibung kamen ihr doch recht labyrinthisch vor. Erst sagte man ihr, sie müsse zu einem bestimmten Arzt. Dann sagte jemand anderes, sie habe überhaupt kein Anrecht auf Behandlung, so lange ihr Kind nicht gesund ist. Schließlich bekam sie einen Termin, aber nur beim Gesundheitsamt, das darüber befand, ob überhaupt ein weiterer Arztbesuch notwendig ist oder nicht. Ein Allgemeinmediziner verschrieb ihr letztlich acht Therapie-Termine, das Amt strich davon zwei weg. „Aber das ist ok“, sagt Rabiha. So lange sie nur bald wieder laufen kann.

Info: Mohammed Yassin und Rabiha Ghmera sind mit ihren Kindern Rabi, Hala und Meis vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen. Sie leben jetzt in einer Flüchtlingsunterkunft in Ludwigsfelde. Die MAZ begleitet die Familie und berichtet wöchentlich über ihr neues Leben in Deutschland.

Von Oliver Fischer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Dahme-Spreewald

Wie wichtig sind Ihnen Bio-Lebensmittel?

57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg