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Sägen, Stemmen, Schmirgeln

MAZ macht mit Sägen, Stemmen, Schmirgeln

Tischlereien in der Region Dahmeland-Fläming haben mit Fachkräftemangel und fehlenden Ausbildungen zu kämpfen. Im Selbstversuch will MAZ-Reporterin Anja Meyer herausfinden, ob sie für den Job überhaupt geeignet wäre und sich eine Tischlerausbildung als Berufsalternative vorstellen könnte.

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Lehrmeister Hans Lehmann begutachtet die Arbeit der MAZ-Reporterin.

Dahmeland-Fläming. Eine Möbeltischlerei habe ich mir irgendwie anders vorgestellt. Vielleicht nicht ganz so chaotisch-romantisch wie bei Meister Eder und seinem Pumuckl. Aber doch irgendwie kleiner als in dieser großen Halle, in der Menschen große Maschinen bedienen, die genau die Teile aus Holz fräsen, die man schon vorher als 3D-Zeichnung auf dem Bildschirm sieht. Überall kreist, fräst und rattert es, Staub liegt in der Luft, die Mitarbeiter packen riesige Holzteile auf Paletten und bringen sie zum nächsten Produktionsschritt. Ziemlich modern, ziemlich viel Technik für so einen alten Handwerksberuf, denke ich mir.

Ich stehe in der Produktionshalle der Möbeltischlerei Wolf und Schmidt in Niederlehme und schaue mich um. Heute möchte ich einen Tag lang den Beruf des Tischlers kennenlernen, für den Betriebe in der Region so schwer Fachkräfte und Auszubildende finden. Auch deshalb will ich wissen, wie es sich anfühlt, als Tischlerin zu arbeiten – und ob ich dafür überhaupt geeignet wäre. Ich spreche laut aus, was mir ob der vielen Maschinen durch den Kopf geht.

Großaufträge von Gewerbekunden

Anders könne man als Tischlerbetrieb heute gar nicht mehr überleben, erklärt mir René Schmidt, der die Möbeltischlerei vor zehn Jahren mit seinem Geschäftspartner Jens Wolf gegründet hat und mich jetzt durch die Halle führt. Dort werden vor allem Großaufträge von Gewerbekunden gefertigt. Rezeptionstische für Hotels, Schränke für Apotheken oder Stühle für Restaurants. Wenn der Auftrag reinkommt, muss es schnell gehen, in sechs bis acht Wochen soll alles fertig sein – da bleibt kaum Zeit für reine Handarbeit. Selten ist mal ein Einzelauftrag für Möbel einer Familie dabei, berichtet mir Schmidt. Für eine Tischlerstunde muss er 52 Euro berechnen, dazu kommen die Materialkosten. In Zeiten von Ikea und Co. leisten sich das die wenigsten.

Trotzdem: Jeder Weg beginnt mit einem ersten Schritt und den geht man in Tischlereien an der Hobelbank. An die großen Maschinen oder Kreissägen darf ich noch nicht ran, und das ist mir ehrlich gesagt auch lieber so. Die Lehrlinge, von denen es ab diesem September zwei in dem Betrieb geben wird, dürfen das in ihrem ganzen ersten Jahr noch nicht. Stattdessen werden die Grundlagen der Holzbearbeitung gelehrt. Aufzeichnen, Sägen, Ausstemmen und Schmirgeln steht nun also auch auf meinem Programm.

An der Hobelbank

An der Hobelbank erwartet mich Hans Lehmann, der Lehrmeister für die praktische Ausbildung. Er ist 78 Jahre alt und hat schon René Schmidt in den 1970er Jahren angeleitet. Hans Lehmann wird mich heute begleiten, er hat eine Aufgabe vorbereitet. „Eine Art Geschicklichkeitsübung, um herauszufinden, ob nötige Grundlagen und räumliches Vorstellungsvermögen da sind“, sagt er. „Wenn Sie eine absolute Grobmotorikerin sind, schaffen Sie das nicht.“ Ich soll einen sogenannten Teufelsknoten bauen. Dazu muss ich nach Anleitung exakte Ausbuchtungen aus sechs Holzstücken heraussägen und -stemmen. Wenn alles klappt, lässt sich der Teufelsknoten anschließend wie ein Würfel zusammensetzten.

Okay, denke ich mir. Das dürfte zu schaffen sein, ganz unerfahren bin ich ja nun auch nicht. Schließlich hatte ich als Kind mal diese Holzphase. Da war ich in jeder freien Minute im Werkzeugkeller meines Vaters und habe mit der Laubsäge Sterne, Delfine oder Herzen aus Sperrholzplatten gesägt, sie mit buntem Lack angemalt und an Freunde und Verwandte verschenkt. So wie alle Phasen war auch diese nach ein paar Wochen wieder vorbei und wurde entweder von der Töpfer- oder der Freundschaftsbänder-Phase abgelöst. Doch egal, was es war: Ein kleines bisschen handwerkliches Geschick sollte noch da sein.

Hans Lehmann zeigt mir, was ich machen soll. Aus einem Stück Lärchenholz sechs gleichlange Teile sägen, nach Anleitung die Ausbuchtungen anzeichnen, mit der Japansäge ansägen, mit Stecheisen und Klöppel ausstemmen – und das alles auf den Millimeter genau, sonst wird das nichts. Alles klar. Ich lege das Holzstück in die Gehrungslade, setze die Säge an und los gehts. „Anders hinstellen!“, ruft mir Hans Lehmann sofort zu. „Und das ganze Sägeblatt ausnutzen, das ist komplett bezahlt.“ Kurz danach beruhigt er mich. „Mädchen können das auch, das weiß ich“, sagt er. „Warum denn auch nicht?“, frage ich. „Eben, warum denn auch nicht.“

Nach ein bisschen ausprobieren habe ich ein Gefühl für Säge und Holz, es klappt. Allerdings merke ich schon bei diesen kleinen Stücken, dass es ganz schön auf die Arme geht. Weiter mit dem Aufmalen der Markierungen. 60 Millimeter Platz zur linken Seite, 15 Millimeter müssen vorne raus, 30 hinten. Ich setze den Metallwinkel an. Hm, wie jetzt noch mal? „Andersrum“, sagt Hans Lehmann. Gar nicht so leicht, das vom Papier aufs Holz zu übertragen. Für das erste Stück übernimmt er die Zeichnung, jetzt kann ich das Stück bis zur Hälfte raussägen. Gesagt, getan. Ups, schon bin ich übers Ziel hinausgeschossen. „Eine Eins kann das jetzt nicht mehr werden“, sagt Lehmann.

Die richtige Haltung

NWeiter gehts mit dem Ausstemmen, Stück für Stück weicht eine Holzschicht nach der anderen. Warum auch immer setze ich das Stecheisen immer mit der falschen Seite zuerst an. Hans Lehmann erklärt mir die richtige Haltung immer wieder, mit einer Engelsgeduld. Als es endlich klappt, erzählt er mir Geschichten aus seinem Leben als Tischler. So viel wie er in seinem Beruf gesehen hat, hätte er woanders wohl nicht erlebt, sagt er. Montagereisen nach Tallin, Odessa oder Sotschi. In Moskau baute er die Inneneinrichtung des DDR-Botschafters und er war in Pjöngjang, seine wohl exotischste Dienstreise. Wer heute Tischler wird, könne noch mehr rumkommen, macht er mir den Beruf schmackhaft. „San Francisco oder auch Rio de Janeiro“, sagt Lehmann. „Eigentlich überall, wo Messen sind.“ Ich schaue auf das Holzstück vor mir in der Zwinge. Leicht windschief, aber es wird doch.

Langsam bekommt das mit dem Sägen und Ausstemmen etwas Meditatives. Im Radio laufen Oldies, sie machen das Knattern der Maschinen angenehmer. In der Luft liegt ein Lackgeruch, ich träume mich langsam weg – an weite Strände in San Francisco und Rio. Ob man das Tischlern wohl so schnell lernen kann, dass man damit direkt um die Welt reisen kann? Wumms. Ich bin abgerutscht, mir ist ein Stück Holz aus dem Klotz gebrochen. „Das gibt Punktabzug“, scherzt Hans Lehmann. So ein Mist. Jetzt wieder volle Konzentration. Der nächste Klotz.

Nach etwa sechs Stunden sind alle sechs Holzstücke fertig, die Arme vom Sägen schwer und die Beine vom Stehen – die Stunde der Wahrheit ist gekommen. Per Anleitung setzen Lehmann und ich die einzelnen Teile zusammen. Hier und da klemmt es noch, Lehmann hilft ein bisschen nach und schmirgelt einige Stellen glatt. Und dann: Der Teufelsknoten lässt sich zusammenbauen! Stolz halte ich ihn in den Händen. „Gehen Sie mal nach vorne zu Herrn Schmidt und sagen ihm Bescheid, dass ich Sie einstelle“, sagt Hans Lehmann. Ob ich das Angebot annehme? Ich schlafe noch mal eine Nacht drüber.

Von Anja Meyer

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