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Schlechteste Pilzsaison seit Jahren

Königs Wusterhausen Schlechteste Pilzsaison seit Jahren

Heinrich Waldschütz beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Pilzen. Regelmäßig veranstaltet er Führungen durch die heimischen Wälder und erklärt die verschiedenen Pilzsorten. Die MAZ hat mit Heinrich Waldschütz über die aktuelle Pilzsaison und die Gefahren einer Pilzvergiftung gesprochen.

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Heinrich Waldschütz in seinem Arbeitszimmer.

Quelle: Danilo Hafer

Königs Wusterhausen. Heinrich Waldschütz (64) beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Pilzen. Regelmäßig veranstaltet er Waldführungen und erklärt die heimischen Pilzsorten.

Herr Waldschütz, ist die diesjährige Pilzsaison ein Grund zur Freude?

Heinrich Waldschütz: Nein, überhaupt nicht. Es ist dieses Mal die schlechteste Pilzsaison seit Jahren. Grund sind die extreme Trockenheit und Wärme im Sommer. Jetzt hat es ja ein bisschen geregnet. Das könnte positiv sein. Es dauert aber immer etwa zwei Wochen, bis sich das Pilzgeflecht im Boden einigermaßen erholt hat und dann die ersten Fruchtkörper kommen. Maronen kommen jetzt zum Beispiel wieder, denen macht die Kälte nichts aus. Bei anderen Pilzen, die die Wärme brauchen, sieht es anders aus. Sollte dann noch ganz früh Frost kommen, kann es sein, dass eine Pilzsaison auch ganz ausfällt.

Gibt es noch Hoffnung für die Pilzsammler?

Waldschütz: Vielleicht kommt ganz kurz mal alles dicht gedrängt. Und dadurch, dass es ja jetzt auch länger warm bleibt und Fröste erst später kommen, kann es auch mal sein, dass man Weihnachten Pilze sammeln gehen kann. Vorausgesetzt, es liegt kein Schnee.

Was sind die perfekten Bedingungen für einen Pilz?

Waldschütz: Im Wesentlichen sind es zwei Faktoren: Feuchtigkeit und hohe Temperaturen. Dann fühlen sich Pilze am wohlsten und wachsen besonders gut. Es gibt aber auch Pilze, die besonders häufig nach einer Trockenperiode auftreten. So können wir im nächsten Jahr zum Beispiel mit vielen Steinpilzen rechnen.

Welche Pilzsorten kommen bei uns am häufigsten vor?

Waldschütz: Also, es gibt etwa 3000 Großpilzarten. Die bekanntesten sind natürlich die Maronen. Die werden ja hier auch traditionell gesammelt. Es gibt Steinpilze, Pfifferlinge und Austernpilze, vor allem nach dem Frost im Winter. Es gibt sehr viele Arten, die die Leute nicht kennen. Zum Beispiel Täublinge. Da gibt es über 100 verschiedene, die sich in zwei große Gruppen unterteilen lassen, in Speisetäublinge und Speitäublinge. Den Unterschied merkt man, wenn man eine Geschmacksprobe nimmt. Das sollte man aber nicht bei allen Pilzen machen, das ist zu gefährlich. Speitäublinge schmecken teils so scharf, dass es einem richtig weh tut. Pilze haben aber auch manchmal sehr ulkige Namen. Ein Täubling heißt etwa Säufernase, weil sein Stiel die Farbe einer Säufernase hat. Es gibt auch essbare Knollenblätterpilze, aber die sollte man dann wirklich genau kennen, weil es schlimme Vergiftungen geben kann. Die Scheidenstreiflinge sind zum Beispiel Knollenblätterpilze, die man essen kann. Oder der Perlpilz, der hier auch gesammelt wird. Aber die Verwechslung mit dem Pantherpilz, der diesem sehr ähnlich sieht, ist eine der häufigsten Vergiftungsursachen in unserer Region. Wer sich mit einem Pantherpilz vergiftet, der hat dann neurologische Symptome. Die Leute haben nervliche Ausraster, erst reden sie ganz leise und dann plötzlich ganz laut. Das kann so schlimm werden, dass dann der Kreislauf zusammenbricht und die Menschen sogar sterben.

Wie kann man die beiden Sorten unterscheiden?

Waldschütz: Es gibt sichere Merkmale, woran man sie unterscheiden kann, aber man braucht schon fast eine Lupe, um das zu sehen. Die Manschette am Stiel ist an der Oberseite gerieft, das sind kleine Streifen. Und beim giftigen Exemplar ist es glatt.

Sie arbeiten auch als Notfall-Pilzbestimmer. Was war Ihr schlimmster Fall?

Waldschütz: Die allerschlimmste Vergiftung gab es bei einer chinesischen Hochzeitsgesellschaft, die Knollenblätterpilze gesammelt hat, die tödlich giftig sind. Ein Pilz reicht für eine Person. Und die haben davon kiloweise gesammelt und die ganze Hochzeitsgesellschaft verköstigt, weil sie sie mit Pilzen verwechselt haben, die in China ähnlich aussehen und dort essbar sind. Die Menschen hatten gerade noch Glück, denn zur Not hätte man bei allen eine Lebertransplantation durchführen müssen. Erst kürzlich habe ich auf dem Friedhof in Königs Wusterhausen grüne Knollenblätterpilze gefunden. Die sind schon häufig. Inzwischen warnen wir auch in den Flüchtlingsunterkünften vor dem grünen Knollenblätterpilz. Dafür haben wir extra Plakate in verschiedenen Sprachen angefertigt.

Was sollte man grundsätzlich beim Pilzesammeln beachten?

Waldschütz: Wenn man Pilze sammelt, die man essen möchte, ohne daran zu sterben, sollte man nur solche sammeln, die Röhren an der Unterseite haben, also diesen Schwamm. Denn diese sind nicht tödlich giftig. Da gibt es nur bittere Pilze oder den Satanspilz, der auch mal Magen-Darm-Probleme verursacht. Aber man stirbt nicht daran. Wenn man Lamellenpilze sammeln möchte, dann muss man sich besser auskennen. Da sollte man mal vielleicht geführte Wanderungen mitmachen. Wichtig ist auch, dass man Pilze nicht roh essen darf. Fast alle Pilze sind roh giftig. Auch Maronen und Steinpilze. Man muss sie erhitzen. Wobei es auch Rezepte gibt für rohe Steinpilze, aber nicht jeder verträgt es.

Was tun, wenn man sich unsicher ist, ob ein Pilz vielleicht giftig war?

Waldschütz: Wenn man sich nicht sicher ist, sollte man immer Speisereste oder Putzreste aufbewahren, damit man hinterher schnell feststellen kann, welche Vergiftung es ist. Dafür gibt es den Giftnotruf.

Gibt es Pilze, die früher gegessen wurden und die heute als giftig gelten?

Waldschütz: Die Kenntnis über Pilze hat sich entwickelt. Es gibt Pilze, die früher als essbar galten, die heute aber als giftig eingestuft werden. Zum Beispiel der Kahle Krempling. Ich erlebe es, dass Leute den weiter sammeln und essen. Die sagen dann, dass sie den Pilz schon seit 20 Jahren essen. Der Genuss des Kahlen Kremplings kann aber dazu führen, dass sich die roten Blutkörperchen nach einer gewissen Zeit – das kann auch nach 30 Jahren sein – schlagartig auflösen. Die können dann keinen Sauerstoff mehr aufnehmen und Betroffene sterben. Dann gibt es noch den Grünling, ein beliebter Speisepilz. Vor einigen Jahren sind in Frankreich elf Menschen daran wegen Muskelschwund gestorben. Aber auch in Brandenburg gibt es viele Leute, die ihn nach wie vor essen und denen nichts passiert. Was giftig ist oder nicht, ist auch unter Experten ein Streitpunkt. Aber lieber vorsichtig sein.

Wie lange beschäftigen Sie sich eigentlich schon mit den Pilzen?

Waldschütz: Ich habe als Kind mit meinem Großvater angefangen. Mit der Familie sind wir gerne Speisepilze sammeln gewesen. Dann hat sich das später zum Hobby entwickelt. Ich habe auch Biologie studiert. Ich mache das jetzt schon seit Jahrzehnten, aber entdecke immer wieder Neues. Deswegen ist es eine Passion geworden.


Von Danilo Hafer

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