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Selbst ist der Holzfäller

Auswahl des Weihnachtsbaums Selbst ist der Holzfäller

Die meisten Menschen kaufen ihre Weihnachtsbäume nach dem Feierabend auf zugigen Supermarktplätzen. Wer es natürlich mag, kann sich seine Tanne auch bei der Forst oder auf Weihnachtsbaumplantagen selbst sägen. Aber das macht den Kauf nicht immer einfacher – die MAZ hat Weihnachtsbaumkäufer bei ihrem Findungsprozess begleitet.

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Ein Mann, ein Werkzeug: Hartmut Glau legt mit einer metallic-roten Holzfällersäge eine Korea-Tanne um.

Quelle: Oliver Fischer

Mellensee. Wolfgang Colberg will beim Thema Werkzeug nichts dem Zufall überlassen. Wer weiß schon, was für Säge-Krücken die einem auf diesen Plantagen andrehen. Er hat sich seine Ausrüstung lieber mitgebracht: einen Knieschoner, man ist ja nicht mehr der Jüngste, und seine gute Säge. Das ist ein Mordsgerät, metallic-rot, man kann sie auseinanderbauen und alle Teile in einem Rohr verstauen. Und das Beste: Sie ist scharf. Colberg hat sie von kanadischen Holzfällern bekommen, weil er sich damals, im Wildnis-Urlaub, so gut ums Feuerholz gekümmert hatte. Mit dieser Säge kann man ganze Bäume zerlegen. Im Vergleich dazu sollte die Sache mit dem Weihnachtsbaum doch wohl ein Kinderspiel sein.

Es ist Mittwochvormittag in der Mellenseer Weihnachtsbaumplantage. Das ist eine gute Adresse, seit 20 Jahren Anlaufpunkt für viele Tannen-Selbstbesorger der Region. Und der Tag ist wie gemacht zum Baum aussuchen. Der Himmel ist blau, die Luft mild und um diese Urzeit sind kaum Leute unterwegs. Die Wenigen, die da sind, verlieren sich auf der Fläche.

Immerhin rund fünf Hektar hat die Plantage, man muss aber nicht wirklich jeden Winkel durchforsten. An einer Stelle ragen die Fünf-Meter-Bäume übers Feld, die ohnehin in kein Wohnzimmer passen. Eine andere Fläche ist für die Jungtannen reserviert, die man besser noch stehen lässt.

Wolfgang Colberg und seine Frau Erika sind gemeinsam mit einem befreundeten Paar aus Berlin-Kaulsdorf angereist. Ein Bekannter hatte ihnen von der Plantage vorgeschwärmt, das Angebot sei riesig. Aber jetzt stiefeln Colberg und sein Freund Hartmut Glau irritiert durch die Schonung. Während die Frauen ein paar Meter hinter ihnen über Baumschmuck plaudern, lassen die Männer ratlos ihre Blicke schweifen. Das Unterfangen ist doch etwas komplizierter, als sie sich das vorgestellt hatten.

Gleich am Eingang hatte man ihnen eröffnet, dass es auf dem Gelände zwar Douglasien, Blaufichten, serbische Fichten, Korea-Tannen, Coloradotannen und bestimmt zehn weitere Nadelbaumsorten zum Absägen gibt, aber leider keine Nordmann-Tannen, weil die auf dem hiesigen Acker so schlecht wachsen. „Hmmm“, hatte Wolfgang Colberg gebrummt. Er wollte eigentlich eine Nordmann-Tanne.

Dann kam die Sprache auf die Preise, und die haben es in sich. 35 Euro für eine halbhohe Fichte. „Ich dachte, wenn ich selbst säge, komme ich günstiger dabei weg“, sagte Colberg. Der Mann mit der Preisliste lächelte freundlich und schüttelte den Kopf. Leider, leider. Die Bäume würden – anders als die aus dem Baumarkt – nicht gespritzt. Ständig müsse die Anlage deshalb gemäht und gepflegt werden, das alles sei aufwendig und das Sägen sei ja ohnehin mehr Abenteuer für die Kunden als Arbeitserleichterung für die Betreiber.

Damit konnte Wolfgang Colberg auch noch leben. Es gehe ja auch um den Spaß, sagt er. Das Problem ist nur: Wirklich Spaß macht die Sache erst, wenn man den richtigen Baum zum Umlegen findet. Und daran hakt es. Die Plantage ist seit dem 1. Advent durchgängig offen, an den Wochenenden ist dort die Hölle los. Entsprechend viele Besucher haben schon im Mittelmaß gewütet. Die Bäume, die noch übrig sind, würdigt Wolfgang Colberg kaum eines Blickes.

Er habe das zwar eigentlich nicht zu entscheiden, das letzte Wort beim Baum habe immer seine Frau, sagt er. Aber die ist immer noch ins Gespräch vertieft, und Wolfgang Colberg weiß recht gut, was sie von ihrer Fest-Tanne erwartet: Sie soll mehr als zwei Meter hoch sein, dazu kerzengerade und gleichmäßig gewachsen. In einem Wort: prächtig. „Wir müssen damit die Enkel beeindrucken“, sagt Colberg. Mit den Bäumen, die sich vor ihm ausbreiten, würde das wohl schwierig werden. Sie sind entweder zu schmal, zu schief oder zu spillerig. Viele haben zwei Spitzen, sie sind unten zu ausladend und oben dafür fast kahl. Wolfgang Colberg und Hartmut Glau stiefeln nach links, dann nach rechts, sie schauen nach vorn, dann nach hinten. Irgendwann lässt Colberg die Säge sinken und murmelt: „Hier gefällt mir nüscht, vielleicht gehen wir doch besser zur Hornbach.“

Natürlich passiert es dann doch noch. Erst findet Hartmut Glau seinen Baum: eine Korea-Tanne, mannshoch, silbrige Nadeln, nicht perfekt, aber für die kleine Wohnung völlig ausreichend. Er nimmt Colbergs Wundersäge, fasst sich kurz an seine neue Hüfte, kniet sich vorsichtig auf den Boden und kappt das Gewächs knapp über der Wurzel. Es dauert vielleicht eine Minute. Den Baum dann durch die halbe Plantage zurückzutragen ist anstrengender.

Die Colbergs werden wenig später auf dem Hof fündig. Dort stehen noch einige nachgekaufte Bäume, schon abgesägt. Erika Colberg entscheidet schließlich für ihren Mann, für die Enkel, für die ganze Familie. Sie zeigt auf eine Küsten-Tanne, 2,40 Meter hoch, 56 Euro, genügend Platz für die Kugeln, die Tannenzapfen, das Lametta, den ganzen Schmuck, den ihr Mann aufhängen muss. Wolfgang Colberg nickt. Er hat nicht selbst gesägt, aber das ist jetzt auch egal. „Sägen kann ich zu Hause“, sagt er. Aber die Frau ist zufrieden. Damit ist das Fest gerettet.

Von Oliver Fischer

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