Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 8 ° bedeckt

Navigation:
Tradition mit Chancen

Genossenschaften in der Region Tradition mit Chancen

Ralf Kneller ist Vorstandsmitglied der Wohnungsgenossenschaft Königs Wusterhausen. Zum Internationalen Genossenschaftstag, der seit 1923 jährlich am ersten Samstag im Juli gefeiert wird, spricht Kneller über Tradition, Bedeutung und Chancen von Genossenschaften in der heutigen Zeit.

Voriger Artikel
Naturempfinden in Erlebniswelt des Waldes
Nächster Artikel
Entscheidung zur Friedhofs-Kapelle vertagt

Ralf Kneller, Vorstandsmitglied der Wohnungsgenossenschaft Königs Wusterhausen.

Quelle: Anja Meyer

Königs Wusterhausen. Am ersten Sonnabend im Monat Juli ist jeweils der internationale Genossenschaftstag. Aus diesem Anlass erläutert Ralf Kneller, Vorstandsmitglied der Wohnungsgenossenschaft Königs Wusterhausen, die Bedeutung und Chancen dieser besonderen Wirtschaftsform.

Herr Kneller, heute wird der Internationale Genossenschaftstag begangen. Feiert Ihre Wohnungsgenossenschaft diesen Tag auch?

Ralf Kneller: Nein, bislang noch nicht. Ich finde den Tag trotzdem sinnvoll, denn er lenkt die Aufmerksamkeit auf Genossenschaften in unserer Gesellschaft. Oft spielen sie in der öffentlichen Wahrnehmung keine Rolle, dabei haben viele von uns unwissentlich fast täglich mit Genossenschaften zu tun: Wir lassen uns im Ärzteverbund behandeln oder kaufen Medikamente bei einer Apothekengenossenschaft, gehen bei Edeka und Rewe einkaufen oder legen unser Geld bei der Volksbank an. All das sind Genossenschaften – man muss nicht immer Mitglied sein um davon zu profitieren. In den vergangenen Jahren erlebte das Modell eine Art Renaissance.

Warum?

Kneller: Weil wir in einer globalisierten Welt leben, in der Unternehmen international fusionieren und zu immer abstrakteren Konstrukten werden. Da kann der Einzelne kaum noch etwas ausrichten, geschweige denn seine persönlichen Vorstellungen einbringen. In der Genossenschaft ist das anders. Die Interessen des Einzelnen lassen sich nirgends so gut vertreten wie in einer Gruppe Gleichgesinnter. Und es kann zu keinem Ungleichgewicht kommen, da jedes Mitglied nur eine Stimme hat – unabhängig davon, wie viele Anteile er besitzt. Genossenschaften sind basisdemokratisch organisiert.

Das klingt sozialistisch. Warum sind Genossenschaften entstanden?

Kneller: Es gab sie schon lange vor der Gründung der DDR, wenn Sie darauf anspielen. Die Bewegung beginnt Mitte des 19. Jahrhunderts, in Deutschland kommt man an den Namen Raiffeisen und Schulze-Delitzsch nicht vorbei. Beide haben aus einer Notsituation heraus den Grundstein gelegt, um die schwierige, wirtschaftliche Situation der Menschen zu verbessern – denn damals hatte der normale Bürger keinen einfachen Zugang zu Rohstoffen und Krediten. So entstand ein Zweckverband, in dem die Selbstständigkeit der Beteiligten gewahrt werden sollte. ‚Hilfe zur Selbsthilfe’ war das Credo. Wenn der Einzelne überfordert ist, kann der Zusammenschluss von Gleichgesinnten die Lösung sein – das funktioniert in den verschiedensten Branchen.

Welche Branchen sind Ihrer Meinung nach besonders für eine genossenschaftliche Organisation geeignet.

Kneller: Alle, die menschliche Grundbedürfnisse berühren, denn die dürfen nicht zum Spielball Einzelner werden. Also gerade die Wohnungs- und Landwirtschaft, der Handel- und Dienstleistungssektor und der Kreditbereich. Es ist eine wertvolle Konstellation, wenn Mitglieder Eigentümer und Kunde zugleich sind.

Wie ist Ihre Wohnungsgenossenschaft in Königs Wusterhausen entstanden?

Kneller: Sie hat sich 2006 als Fusion aus drei seit den 1950er-Jahren bestehenden Wohnungsgenossenschaften – Fahrt Frei, V. Parteitag und der Arbeitergenossenschaft Heinrich Rau – gegründet. Die drei vorher bestehenden Wohnungsgenossenschaften wurden in ihrer Zeit gegründet, weil nach dem Zweiten Weltkrieg der Wohnraum knapp war. Sie konnten dann ihren Mitgliedern günstigen Wohnraum anbieten.

Welche Aufgaben haben die Mitglieder – neben dem Zahlen der Nutzungsgebühr – innerhalb der Genossenschaft?

Kneller: Sie stimmen zum Beispiel über große Entscheidungen wie die Wahl des Aufsichtsrats oder grundsätzliche Entscheidungen ab. Früher gab es bei uns noch sogenannte Werterhaltungsstunden. Die waren recht überschaubar: Pro Wohnung mussten Mitglieder sieben Arbeitsstunden im Jahr ableisten. Das konnte zum Beispiel Gartenarbeit sein oder das Auswechseln von Glühbirnen. Kleine Tätigkeiten also, die die Häuser in Schuss halten. Wer das nicht leisten konnte, etwa weil er zu alt für solche Tätigkeiten war oder auch nicht wollte, konnte sich für 6,50 Euro pro Werterhaltungsstunde freikaufen. Die Einnahmen wurden dem Hauskonto gutgeschrieben. Manche Häuser machen das immer noch. So etwas wird per Mehrheitsbeschluss entschieden.

Ist das genossenschaftliche Konzept auf unsere heutige, individualisierte Gesellschaft noch übertragbar?

Kneller: Auf jeden Fall. Aber ich denke schon, dass sich etwas geändert hat. Das kann man bei uns an den Werterhaltungsstunden ganz gut erkennen. Jüngere Mitglieder stimmen oft dafür, lieber mehr Umlagen zu zahlen und die Arbeiten von externen Firmen erledigen zu lassen. Für Ältere, die schon in den 1960er und 1970er Jahren bei uns gelebt haben, ist die eigene Mitarbeit ganz selbstverständlich. Ich kann es natürlich verstehen, wenn jemand nicht mehr dazu in der Lage ist oder keine Zeit hat – es soll ja jeder seine Freiheit haben. Dennoch finde ich es schade, wenn solche Genossenschafts-Traditionen verschwinden. Immerhin geht es beim Leben in der Genossenschaft nicht um die reine Kostenersparnis, sondern auch um das Bilden einer Gemeinschaft und gemeinsamen Identität.

Werden Genossenschaften vom Staat unterstützt?

Kneller: Leider kaum. Als Vermietungsgenossenschaft haben wir zwar einige steuerliche Vorteile. Aber es könnten noch viel mehr sein – ich denke da vor allem an Förderungen von Investitionen. Oder von Neugründungen durch günstige Kredite. Wenn man bedenkt, dass es in Deutschland 2000 Wohnungsgenossenschaften mit 2,2 Millionen Wohnungen gibt, sieht man: Die Genossenschaften decken einen erheblichen Prozentsatz des Wohnbedarfs ab. Wie schwierig es ist, eine neue Genossenschaft zu gründen, sieht man am Berliner Beispiel Möckernkiez. Dort müssen Mitglieder einen so hohen Betrag für Anteile zahlen, dass sich nicht genügend Gleichgesinnte zusammengeschlossen haben. In der Folge konnten die Baukosten nicht mehr finanziert werden und die Kräne stehen seit Monaten still. Gerade am Anfang braucht es Idealisten, die einsteigen ohne dass sie sofort eigenen Nutzen ziehen können.

Können Genossenschaften auch später noch insolvent gehen?

Kneller: Ja, es gibt Beispiele, in denen selbst gut aufgestellte Genossenschaften nicht mehr existieren können. Ich denke da aktuell an landwirtschaftliche Produktionsgemeinschaften der Milchbauern. Der Handel diktiert so ruinöse Preise, dass das auch eine Genossenschaft nicht ewig auffangen kann. Immerhin existieren Genossenschaften nicht in einer Parallelwelt, sondern agieren am selben Markt wie alle anderen auch.


Interview: Anja Meyer

Von Anja Meyer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Dahme-Spreewald

Wie wichtig sind Ihnen Bio-Lebensmittel?

57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg