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Unterwegs mit professionellen Entrümplern

MAZ macht mit: Entrümpeln Unterwegs mit professionellen Entrümplern

Seit elf Jahren betreibt Marco Schneider aus Dabendorf seinen Entrümpelungs-Dienst. Gemeinsam mit Kollegen mistet der 49-Jährige Messi-Wohnungen aus oder räumt im Auftrag von Verwandten die Wohnungen Verstorbener. Die MAZ hat ihn bei einem seiner Einsätze begleitet.

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Martin Küper (l.) und Entrümpler Marco Schneider.

Quelle: Gerlinde Irmscher

Dabendorf. Die Wohnung wirkt, als wäre sie gerade erst verlassen worden. Damenschuhe stapeln sich im Flur, auf dem Wohnzimmertisch liegen Programmhefte, Medikamente und Konfekt. Die dunkelbraune Schrankwand ist bevölkert von Glasschälchen, Plastikblumen, Kerzen und anderen Kleinigkeiten. Nur wo der Fernseher stand, klafft eine Lücke. An den Wänden kleben Plastikschmetterlinge und venezianische Karnevalsmasken.

Doch vor der Arbeit wird erst mal gefrühstückt. Es gibt Schrippen und Mett. Marco Schneider bemerkt mein Unbehagen, presst die Lippen zusammen und sagt: „Das legt sich. Am Anfang ist es aufregend, aber irgendwann nur noch ein Job. Man hat ja keinerlei persönlichen Bezug zu den Menschen.“

Wir sind in einer Zweizimmer-Wohnung mit Balkon in einer Plattenbausiedlung irgendwo in Teltow-Fläming. Unser Job: die Wohnung räumen. Die Bewohnerin ist gestorben, wann und warum, weiß auch Marco Schneider nicht. Verwandte aus Westdeutschland haben ihn beauftragt. Was für sie von sentimentalem oder sonstigem Wert war, haben sie vorher schon abgeholt. Inklusive Fernseher.

Der Schrank sollte eigentlich in der Wohnung bleiben

„Der sollte eigentlich in der Wohnung bleiben, aber gut, dann schlage ich am Ende 50 Euro auf die Rechnung drauf.“ Marco Schneider, 49, ist eigentlich hauptamtlicher Feuerwehrmann. Aber als Nebenerwerb betreibt der Dabendorfer seinen Ein-Mann-Entrümpelungs-Dienst. Ein paar Mal im Monat bekommt er Aufträge wie diesen, die Wohnungen verstorbener Menschen zu räumen.

Auch Messie-Wohnungen gehören zu seinem Repertoire, in solchen Fällen sind es meist Sozialarbeiter, die ihn anheuern. Dann trommelt Schneider ein paar Kollegen zusammen, organisiert einen Anhänger, bei Bedarf einen Leiteraufzug und legt los. Auch sein Sohn Denny packt regelmäßig mit an. „Erst schaue ich mir die Wohnung an und gebe ein Angebot ab. Wenn ich Geräte wie Waschmaschine, Herd oder Fernseher noch verkaufen kann, geht das vom Preis ab“, sagt Marco Schneider.

Ein mulmiges Gefühl bleibt

Ein mulmiges Gefühl bleibt angesichts all der Habseligkeiten, die bis vor Kurzem das Leben eines Menschen ausmachten. „Hier haben die Verwandten noch relativ viel abgeholt“, sagt Marco Schneider. „Oft sind in den Wohnungen noch mehr persönliche Sachen, wenn die Leute seit Jahren keinen Kontakt zu ihren Verwandten hatten.“ Nachdem ich mich an die scheinbare Normalität der Situation gewöhnt habe, gewinnt die Neugier überhand. Ich will wissen, wer die Frau war, die hier gelebt hat, und schaue mich um.

Ingrid S., wie ich sie nennen will, war eine ordentliche Frau. Es riecht neutral in ihrer Wohnung, geraucht wurde auf dem Balkon, die Kleider im Schrank hängen säuberlich an ihren Bügeln. Sie las gerne Krimis und Agentenromane, mochte Schlagermusik und muss einmal Brustkrebs gehabt haben. In einer Kommode liegt eine Prothese.

Ihre Rente war solide, aber nicht üppig, wie ihre Kontoauszüge zeigen. Nach und nach entdecke ich immer mehr private Fotos, von Kindern und Enkelkindern, von Urlauben im Süden. Auch ein Passfoto fällt mir irgendwann in die Hände, es zeigt eine ältere Dame mit kurzen weißen Haaren, wachen Augen und einem belustigten Zug um die Lippen.

Tupperdosen bis zur Decke

Marco Schneider und seine Kollegen haben sich derweil an die Arbeit gemacht. Denny Schneider (28) und Steven Dobrunz (36) haben sich im Garten postiert, am Fuß des Leiteraufzugs, um die ankommenden Säcke und Kisten auf den Anhänger zu laden. Marco Schneider selbst ist im Schlafzimmer zugange, um die Küche kümmert sich Miko Stach: „Das muss die weltgrößte Sammlung von Tupper-Ware sein“, sagt der 56-Jährige, als er den nächsten vollen 120-Liter-Sack davon in Richtung Balkon trägt.

Tatsächlich ist die Wohnung voller brauchbarer Gegenstände. Was passiert mit all den Töpfen und Pfannen, den Tellern, Tassen und Gläsern, den Möbeln und Kleidern, den Werkzeugen und elektronischen Geräten? In der Küche gibt es noch kiloweise Lebensmittel, Waschpulver und, und, und. „Nur die wirklich gut erhaltenen Sachen lassen sich bei Ebay verkaufen“, sagt Marco Schneider. „Wir haben auch schon mit der Flüchtlingshilfe Kontakt aufgenommen, aber das ist am Ende alles zu unübersichtlich.“ Und in den kleinen Städten im Landkreis bekomme man auch nicht genügend Leute zusammen, um die Sachen spontan zu verschenken.

Alles verschwindet in großen Säcken

So verschwinden die materiellen Spuren von Ingrid S. nach und nach in großen Säcken oder Umzugskisten. Private Fotos legen wir für die Verwandten zur Seite, alles andere wird sortiert nach Elektronik, Sperrmüll und Siedlungsmischabfall. So heißt das im Deutsch der Recyclinghöfe. Aber selbst an diesen Gedanken gewöhne ich mich erschreckend schnell und ahne, was die Profis meinen, wenn sie „nur ein Job“ sagen.

Ich lasse mich anstecken von der Betriebsamkeit der anderen, wir haben schließlich die Uhr im Nacken. Bis 17 Uhr sollen Anhänger und Leiteraufzug zurück zum Verleih und die Wohnung wird und wird nicht leerer. Immer ungerührter entleere ich Schubladen in Säcke, stopfe Kleider in Säcke, packe Nippes und Bücher in Kartons. Zum Nachmittag hin haben wir uns zu den blanken Möbeln vorgearbeitet, hieven Stühle, Schränke, Kommoden und Abstelltische in den Korb des Lastenaufzugs. Schließlich sind Waschmaschine, Kühlschrank und Herd an der Reihe. Zeit für Marco Schneider und mich, die erste Fuhre zum Recyclinghof zu bringen.

In manche Wohnungen nur im Schutzanzug

An guten Tagen macht er einen Gewinn von etwa 500 Euro. Soviel wird es an diesem Tag nicht werden, vielleicht bleibt am Ende nur ein Hunderter. „Die Verwandten haben ganz schön auf den Preis gedrückt.“ Dafür war die Wohnung wenigstens in einem guten Zustand. „Es gibt Messie-Wohnungen, da gehen wir nur im Schutzanzug rein“, erzählt Schneider.

Erst neulich in Rangsdorf hatten sie wieder so einen Fall. Das Schlimmste sei der Gestank. „Da fällt dann auch das Frühstück aus.“ Trotzdem, Marco Schneider liebt seinen Nebenjob, den er seit elf Jahren betreibt. „Es ist einfach immer wieder interessant, man weiß nie, was man findet.“

Von Martin Küper

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