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Von Berufs wegen sogar mit Mördern zu tun

Bewährungshelferin Karin Heß Von Berufs wegen sogar mit Mördern zu tun

Karin Heß ist seit 19 Jahren Bewährungshelferin in Königs Wusterhausen (Dahme-Spreewald). Sie hat in erster Linie mit Menschen zu tun, die zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurden oder die gerade aus dem Gefängnis kommen, darunter Drogenhändler, Vergewaltiger und Mörder. Dennoch sagt Karin Heß, sie könne sich keinen anderen Beruf vorstellen.

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In dem Büro von Karin Heß finden die meisten Gespräche mit den Probanden statt.
 

Quelle: Anne-Kathrin Fischer

Königs Wusterhausen.  Diebstahl, schwerer Raub, Drogenhandel, Vergewaltigung oder Mord – Bewährungshelfer haben es mit allen denkbaren Straftätern zu tun. Für Karin Heß macht das jeweilige Strafmaß bei der persönlichen Betreuung keinen Unterschied. Seit 19 Jahren arbeitet sie als Bewährungshelferin in Königs Wusterhausen und sagt: „Ich finde, jeder hat das Recht auf eine fachlich optimale Betreuung.“

Ihre Probanden kommen aus dem Landkreis Dahme-Spreewald, sie haben teilweise in den Gefängnissen in Cottbus, Luckau/Duben oder Wriezen Haftstrafen abgesessen oder sind gleich von den Gerichten zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. „Jugendliche und Heranwachsende haben immer einen Bewährungshelfer, bei Erwachsenen entscheidet es der zuständige Richter“, erklärt Heß. Bewährung kann jeder bekommen, der eine Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren erhält. Außerdem gibt es die Möglichkeit, dass jemand vorzeitig aus der Haft entlassen wird und der Rest seiner Strafe auf Bewährung ausgesetzt wird.

Hintergrund

Straffällig gewordene Menschen bei der Integration in die Gesellschaft zu unterstützen und weitere Straftaten vermeiden – das ist das Ziel der Bewährungshilfe.

Die „Sozialen Dienste der Justiz“ im Land Brandenburg sind dem Präsidenten des Brandenburgischen Oberlandesgericht unterstellt. Die oberste Dienstbehörde ist das Ministerium der Justiz und für Europa und Verbraucherschutz. Diese Dienste arbeiten in drei Fachbereichen: Bewährungshilfe und Führungsaufsicht, Gerichtshilfe für Erwachsene sowie Täter-Opfer-Ausgleich.

Die Mitarbeiter der insgesamt 20 Dienstsitze der Sozialen Dienste sind ausgebildete Diplom Sozialarbeiter und Sozialpädagogen oder haben einen Bachelor of Arts in Sozialer Arbeit mit staatlicher Anerkennung.

Der Dienstsitz in Königs Wusterhausen ist für den Amtsgerichtsbezirk Königs Wusterhausen zuständig.

In Teltow-Fläming gibt es einen Dienstsitz in Luckenwalde, der für die Amtsgerichtsbezirke Luckenwalde und Zossen zuständig ist. Hier arbeiten fünf Sozialarbeiter sowie eine Schreibkraft. Zusätzlich gibt es Außenstellen mit regelmäßigen Sprechstunden in Wünsdorf, Ludwigsfelde, Jüterbog und Blankenfelde.

4127 Probanden (Bewährungshilfe oder Führungsaufsicht) standen zum 30. Juni unter der Aufsicht und Leitung von Bewährungshelfern. Durch Mehrfachunterstellung von Probanden waren 4759 Unterstellungsverfahren zu bearbeiten.

 Die Klienten von Karin Heß kommen aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten. Einfache Arbeitslose saßen schon genauso wie Doktoren in ihrem hellen, sonnendurchfluteten Büro am Schlossplatz in Königs Wusterhausen. In dem Dienstsitz arbeiten neben ihr zwei weitere Sozialarbeiter sowie eine Schreibkraft.

20 solcher Dienstsitze gibt es insgesamt im Land Brandenburg, einige davon haben Außenstellen. Sie befinden sich in jedem der vier Landgerichtsbezirke: Cottbus, Frankfurt (Oder), Neuruppin und Potsdam. In einem Dienstsitz arbeiten drei bis 13 Sozialarbeiter sowie in der Regel eine Schreibkraft – aktuell gibt es in Brandenburg 102 Stellen.

 Im Durchschnitt betreut Heß, die 1996 ihre Stelle im Dienstsitz Königs Wusterhausen antrat, 20 Klienten der Bewährungshilfe. Gleichzeitig kümmert sich die Mittvierzigerin pro Quartal um etwa 25 Täter-Opfer-Ausgleichsverfahren – eine außergerichtliche Konfliktbeilegung. Das bedeutet, dass sie Täter und Opfer dabei unterstützt, einen Konflikt aufzuarbeiten und die Staatsanwaltschaft das Verfahren einstellen kann. Für diese Tätigkeit hat sie eine Extraausbildung zur Mediatorin absolviert. „Beim Täter-Opfer-Ausgleich begegnet man sich auf Augenhöhe, das wäre im förmlichen Gericht nicht möglich“, sagt Heß. Bei der Bewährungshilfe arbeite sie hingegen nur mit den Tätern zusammen.

Vom jeweiligen Gericht erfährt Karin Heß, für welche Klienten sie zuständig ist und auch, ob es Bewährungsauflagen gibt. „Das können zum Beispiel Suchtberatung, Schuldnerberatung, Ausgleichszahlungen oder auch gemeinnützige Arbeit sein“, erläutert sie.

Ihre Aufgaben sind vielfältig, das schätzt die Frau mit den kurzen roten Haaren sehr. „Kein Tag ist wie der andere“, sagt sie. Es gibt regelmäßige Gesprächstermine während der Zeit der Unterstellung, in der Regel sogar ein erstes Kennenlerngespräch im Gefängnis, wenn der Täter noch in Haft sitzt. In den Gesprächen kontrolliert Heß, ob Auflagen eingehalten werden, sie hört zu, wenn ihr Gegenüber persönliche Dinge erzählen will. Teilweise unternimmt sie Hausbesuche, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie ihre Probanden leben.

Als Sozialpädagogin arbeitet Karin Heß „risikoorientiert“, wie sie es nennt. Nach etwa einem halben Jahr versucht sie eine Einschätzung: Welche Faktoren haben zu Kriminalität geführt und wie könnte die richtige individuelle Hilfe für den Probanden aussehen? Wenn sie zum Beispiel erkennt, dass das Risiko neuer Straftaten immer dann hoch ist, wenn der Proband Alkohol getrunken hat, versucht sie, ihm ein Bewusstsein dafür zu vermitteln.

„Diesen Stress mit der Justiz, willst du das eigentlich? Kannst du dir vorstellen, dich beraten zu lassen?“, fragt sie. Und Heß weiß, dass es dann wichtig ist, den Probanden dafür zu motivieren, den ersten Schritt zu tun, etwas zu ändern. „Man muss ein Stück weit an seine Probanden glauben und sie unterstützen“, sagt sie.

Die Berlinerin kann sich keinen anderen Beruf vorstellen. Bevor sie ihr Sozialarbeitsstudium in Potsdam aufnahm, arbeitete sie drei Jahre lang in ihrem Ausbildungsberuf als Erzieherin. Nach dem Diplom-Studium folgte ein Berufsanerkennungsjahr in der Bewährungshilfe in Nordrhein-Westfalen. „Da war mir klar, das will ich machen – und nichts anderes“, erzählt sie. „Man lernt so viele Menschen kennen und ihre Geschichten.“ Besondere Herausforderungen seien etwa Probanden, die eigentlich keine Lust auf Bewährungshilfe haben und dann merken, dass es ihnen doch hilft – oder Frauen. „Frauen haben komplexere Probleme. Psychische Auffälligkeiten, Kinder, die unmittelbar betroffen sind“, sagt sie.

Die eigentliche Herausforderung sei jedoch, daran zu arbeiten, dass es keine neuen Straftaten und keine neuen Oper gibt. Es sei für sie bedrückend, so Karin Heß, wenn sie dem zuständigen Gericht dann sagen muss: Mit diesem Probanden funktioniert es nicht. Wenn sie mitbekommt, dass innerhalb der Bewährungszeit neue Straftaten geschehen, ist sie verpflichtet, Meldung beim Gericht zu machen. „Ich habe kein Zeugnisverweigerungsrecht. Wenn neue Straftaten bekannt werden, bin ich verpflichtet, das zu melden.“ Aber statistisch gesehen, erzählt Heß, schaffen rund 75 Prozent der Probanden die Bewährungszeit.

Gefährliche Situationen hat die Diplom-Sozialpädagogin noch nicht erlebt. „In 19 Jahren ist mir noch nichts passiert“, sagt sie. „Man muss sich aber immer darüber bewusst sein, dass man es mit Straftätern zu tun hat. Aber zu sehen, dass Leute sich ändern und entwickeln, das gibt mir sehr viel. Da merke ich: Das bewegt mich.“

Von Anne-Kathrin Fischer

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