Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 3 ° Regenschauer

Navigation:
Von Siedlungen und Kaninchen

Luckenwalde Von Siedlungen und Kaninchen

Der weltberühmte Planer des Luckenwalder Waldfriedhofs, Richard Neutra, wurde vor 125 Jahren geboren. war auch mit den Siedlungsbauten Am Anger und Auf dem Sande befasst. Zudem erarbeitete er erste Pläne für einen allerdings nicht realisierten Kindergarten.

Voriger Artikel
Vom Notenschatz der Thomaner
Nächster Artikel
Geheimdienst sucht Tschetschenisch-Übersetzer

Der berühmte Eingang zum Luckenwalder Waldfriedhof.

Quelle: Karen Grunow

Luckenwalde. Lange hielt er es nicht aus in Luckenwalde. Das mag weniger am Ort selbst, noch an den Menschen gelegen haben, als vielmehr an seinem Bestreben, wieder etwas Neues zu erfahren, zu lernen. Das war, so scheint es, bei Richard Neutra zeitlebens so. Der Architekt, dessen Geburtstag sich dieser Tage – am 8. April – zum 125. Mal jährte, blieb auch in späteren Jahren stets aufmerksam und neugierig. Er war kein Suchender, sondern einer, der „Verwunderung ein Leben lang“ verspürte. So überschreibt er das erste Kapitel seiner 1962 erstmals erschienenen Autobiografie.

Denkmalwürdiges hinterlassen

1921 kam Neutra nach Luckenwalde. Eine lediglich gut sieben Monate währende Episode, in der er der Stadt dennoch Denkmalwürdiges hinterließ: Er plante die Anlage des Waldfriedhofs und war auch mit den Siedlungsbauten Am Anger und Auf dem Sande befasst. Außerdem erarbeitete er erste Pläne für einen allerdings nicht realisierten Kindergarten.

Neutra hatte zuvor kurzzeitig bei einem von ihm als despotisch beschriebenen einflussreichen Architekten in Berlin gearbeitet, ein Kollege dort gab ihm den Tipp mit Luckenwalde. Neutra bekam die offene Stelle unter Stadtbaurat Josef Bischof. Sogar dem Männer-Gesangsverein trat er bei. „Irgendein sentimentales Lied von einem Kaninchen auf einer Wiese“ sei dort stets gesungen worden, und hernach wurde eifrig geprostet, wo Neutra sich nach eigener Aussage kaum zurückhielt.

Leben in der USA

Er war dabei, eine eher ländlich geprägte Siedlung zu planen. Und merkte bei seinen Vermietern zugleich hautnah, dass die dafür vorgesehenen, aufgrund der Wohnungsnot unter prekärsten Bedingungen hausenden Familien der Industriearbeiter vielleicht gar nicht geeignet wären für ein Leben mit Landwirtschaft. „Die Umsiedlung von Menschen durch wohlmeinende Wohnbaubeamte ist in jeder Hinsicht ein gewagtes Unternehmen“, lernte er früh. Und er erlebte es später in den USA, wo Neutra zu einem der wichtigsten Architekten des 20. Jahrhunderts reifte, immer wieder.

Bald wurde er beauftragt, den Waldfriedhof für die konfessionslosen Menschen der Stadt zu entwerfen. Ein Ansinnen, das zunächst viele Widerstände erntete. Doch das Projekt setzte sich durch. Die Tatsache, dass Luckenwalde mehrheitlich sozialdemokratisch war, machte hier in jener Zeit eine Vielzahl von anderswo nicht denkbaren Bauprojekten möglich. Ausführlich betrachtet hat der heutige Landeskonservator Brandenburgs, Thomas Drachenberg, die Bautätigkeit in Luckenwalde damals in seiner 1999 veröffentlichten Dissertation.

Stadtbaurat Josef Bischof stellte sich eine „freie Begräbnisstätte im ausgedehnten Nadelwald“ vor. Einige Partien dieses Waldes wurden nach Neutras Vorgaben gelichtet, um Rasen- und damit Begräbnisflächen zu schaffen. Durch die von ihm geplanten markanten, gleichwohl schlichten Torhäuser – für Gärtnerei und Pförtner – betritt man noch heute den Friedhof. Der hier beginnende Weg ist noch nicht der eigentliche Trauerweg, sondern er führt zunächst seitlich am eigentlichen Friedhofsareal vorbei. Neutra plante auch die Bepflanzung, wählte Pflanzen mit Symbolcharakter, etwa die schon im Alten Ägypten als Grabschmuck geläufige Tamariske.

Gewaltige Erfahrung

Auf einer halbrunden Lichtung sollte eine Kapelle entstehen, sie war von vornherein aber für später geplant. Paul Backes, der zu den Architekten der heutigen Friedrich-Ebert-Schule nebst Stadttheater gehörte, realisierte die Kapelle von 1936 bis 1938. Bereits zu Neutras Anlage

Eines Tages, so erinnerte sich Neutra, seien ihm von seinen Kollegen im Bauamt einige „gewagte Farbenskizzen für eine Hutfabrik“ gezeigt worden. Er habe es durchaus seltsam gefunden, expressionistische Kunst „einem städtischen Bauinspektor in Luckenwalde zu unterbreiten“. Er zögerte nicht lange und fuhr nach Berlin, um den Zeichner jener Skizzen, Erich Mendelsohn, kennenzulernen. Einen Monat später wechselte er in das Büro des wie dann auch Neutra bald weltberühmten Architekten, der später die Hutfabrik als sein bestes Werk bezeichnete.

Auf einem Schlag weltberühmt

Im Oktober 1923 ging Richard Neutra in die USA. Hier avancierte er zu einem der berühmtesten und wegweisenden Architekten seiner Zeit. Im Vergleich zu dem dort entstandenen Oeuvre scheint der Waldfriedhof verhältnismäßig unwichtig, er wird in internationalen Publikationen zu Neutra – und es gibt eine kaum überschaubare Zahl davon – auch gerne mal vergessen. Aber es ist ein sehr frühes Werk, das erste, mit dem er öffentlich unter seinem Namen aufgeführt wurde, wie er in seiner Autobiografie stolz bemerkt. Das Lovell Health House in Los Angeles, 1929 fertiggestellt, machte ihn auf einen Schlag weltberühmt und zählt zu den Inkunabeln des „International Style“.

Dass er Architekt werden würde, wusste der in Wien geborene und aufgewachsene Neutra früh. Er verehrte Adolf Loos und Frank Lloyd Wright, den er dann in den USA auch kennenlernen sollte. Er baute viel und schrieb nicht minder. Neutras besonderes Einfühlungsvermögen wird auch in seinen acht Jahre vor seinem Tod 1970 fixierten Erinnerungen spürbar. Lesenswert, um dem Mann, der auch Luckenwalde mitprägte, ein wenig nachzuspüren.

Von Karen Grunow

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Dahme-Spreewald

Wie wichtig sind Ihnen Bio-Lebensmittel?

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg