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Vorsichtiger Umgang mit Hitlers Hassschrift

Neuauflage von „Mein Kampf“ Vorsichtiger Umgang mit Hitlers Hassschrift

Die Neuauflage von Hitlers „Mein Kampf“ ist seit Januar im Buchhandel und wird auch in der Region Dahmeland-Fläming häufig nachgefragt. Während einige Buchhändler Sorge haben, die Schrift könne in falsche Hände geraten, geben Experten Entwarnung.

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In der Luckenwalder Buchhandlung „Kaim bringt’s“ liegt „Mein Kampf“ aus.

Quelle: Foto: Hartmut Reck

Dahmeland-Fläming. Wer sich in der Region für die umstrittene Neuauflage von Adolf Hitlers Hetzschrift „Mein Kampf“ interessiert, muss vor allem eines mitbringen: Geduld. Mehr als 24 000 Mal hat sich die fünf Kilo schwere, 59 Euro teure, 2000 Seiten und 3700 Fußnoten umfassende Ausgabe bundesweit bereits verkauft. Im Januar gab das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) die von Historikern aufwendig kommentierte Neuauflage heraus. Sie kam sofort in die Bestsellerliste, vergangene Woche lag sie auf Platz 5. Bei den Buchhandlungen in der Region liegen Bestellungen vor. Auch in den Bibliotheken wird das Werk nachgefragt, bislang ist es dort noch nicht erhältlich. Die Stadtbibliothek Luckenwalde und das Kreismedienzentrum Teltow-Fläming haben es bestellt.

Zurzeit warten fast alle von der MAZ befragten Buchhändler in Teltow-Fläming und Dahme-Spreewald darauf, mit Exemplaren der mittlerweile dritten Auflage beliefert zu werden und so die Bestellungen bedienen zu können. Die dritte Auflage kommt dieser Tage in den Handel. Wie Sylvia Senger von der Stadtbuchhandlung Radwer in Königs Wusterhausen berichtet, könne das exakte Lieferdatum nicht benannt werden. Die Ausgaben würden vielmehr kleckerweise bei den Händlern eintreffen. In der Stadtbuchhandlung Radwer fragen laut Senger vor allem geschichtsinteressierte Kunden nach dem Buch. „Die können damit gut umgehen“, sagt sie. Dennoch haben fast alle befragten Buchhändler ihre Bedenken.

So geht es auch Uwe Kaim, Inhaber der Buchhandlung „Kaim bringt’s“ in Niedergörsdorf. Der ist sich durchaus sicher, dass seine Kunden den Inhalt gut einschätzen können. „Momentan wollen das alle lesen, um zu wissen, worüber sie sprechen“, sagt er. Seiner Meinung nach gehe es den Lesern vor allem darum, die Details der deutschen Geschichte besser zu verstehen. Doch Kaim sorgt sich um das außenpolitische Signal, dass von der Hassschrift ausgeht. „Welches Bild malt dieses Buch in der Bestsellerliste von Deutschland?“, fragt er.

Die Nachfrage der Kunden ist bei ihm groß. Uwe Kaim hatte von der 4000 Exemplare starken ersten Auflage 50  Bücher bekommen. Die waren in den acht Filialen in Jüterbog, Luckenwalde, Rangsdorf, Potsdam und Berlin sofort ausverkauft. Anfang dieser Woche erhielt Kaim 100 Exemplare der dritten Auflage, die in den Filialen ausliegen.

Das ist in der Region selten. In den meisten Buchhandlungen kann „Mein Kampf“ zwar bestellt werden, das Buch wird jedoch nicht im Laden präsentiert. So handhaben es die Stadtbuchhandlung Radwer in Königs Wusterhausen, die Eichwalder Buchhandlung, Thalia im A10-Center in Wildau, die Brunnenbuchhandlung in Ludwigsfelde, die Buchhandlung Geschwister Scholl in Zossen und das Bücherhaus Ebel in Großbeeren.

Elisabeth Hoch vom Bücherhaus Ebel in Großbeeren will „Mein Kampf“ nicht auslegen, weil für sie auch die von Historikern kommentierte Ausgabe einen faden Beigeschmack hat. „Wir wissen nicht, an wen das verkaufte Exemplar dann gerät“, sagt sie. Deshalb wolle sie es so wenig wie möglich verkaufen. Elisabeth Hoch befürchtet, dass sich jemand von der im Buch behandelten Ideologie beeinflussen lässt. „Bei dem Buch von Thilo Sarrazin sind wir genauso vorgegangen“, sagt sie.

Dass die Neuauflage der Hassschrift die rechtsextreme Szene befeuern könnte, glaubt Andrea Nienhuisen vom Mobilen Beratungsteam Rechtsextremismus in Trebbin nicht. „Ein kritisches Buch wird keine Faszination auslösen“, sagt sie. Für Multiplikatoren wie Lehrer und Wissenschaftler sei es hingegen sehr interessant. Das Buch enthalte zu viele Hintergrundinformationen für die Menschen, die sich lediglich für Hitlers Ideologie interessieren. Die seien nach Nienhuisens Ansicht eher an der Originalausgabe interessiert. „Davon dürften noch genügend im Umlauf sein“, sagt sie. Im Dritten Reich hat immerhin jedes frisch vermählte Ehepaar eine Ausgabe geschenkt bekommen.

Außerdem gibt Andrea Nienhuisen noch einen anderen Aspekt zu bedenken, der die internen Querelen in der NSDAP betrifft. „Die rechtsextreme Szene fühlt sich weniger von Hitlers Ideologie, denn vom sogenannten linken Flügel des Nationalsozialismus angezogen“, sagt sie. Dazu zählen vor allem die Brüder Otto und Gregor Strasser, die den sozialrevolutionären Nationalsozialismus begründeten. Adolf Hitler sei den Neofaschisten zu bürgerlich und zu wenig Sozialist gewesen. Deshalb berufen sich gerade die „Freien Kräfte“ auf die Brüder Strasser. Das Strasser’sche Em-blem waren Hammer und Schwert. Dieses findet sich heute unter anderem bei der Partei des ‚Dritten Weges’ und anderen Gruppierungen des sogenannten „Nationalen Widerstandes“ wieder.

Auch der Geschichtslehrer Holger Wedekind vom Schiller-Gymnasium in Königs Wusterhausen sieht bei der Neuauflage von „Mein Kampf“ keine Gefahr einer Inspiration von Neonazis. Er hat das Buch bereits zum Teil gelesen. „Die Kommentare sind sehr anspruchsvoll, das versteht Hänschen Müller gar nicht mehr“, sagt er. Im Unterricht würde er das Buch höchstens mit Schülern des Geschichtsleistungskurses diskutieren, für jüngere Klassenstufen sei es viel zu komplex. Trotz allem historischen Interesse ist Holger Wedekind der Meinung, dass „Mein Kampf“ zu den Büchern gehört, die nicht gelesen werden müssen. Das sieht Sabine Marx von der Brunnenbuchhandlung Ludwigsfelde genauso. „Ich verstehe den Hype und das mediale Interesse nicht“, sagt sie. „Viele gute und wichtige Bücher hätten es eher verdient, so prominent besprochen zu werden.“ Am Zweiten Weltkrieg interessierten Lesern empfiehlt sie den Roman „Im Frühling sterben“ von Ralf Rothmann.

Von Anja Meyer

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