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Wenn eigene Entscheidungen unmöglich sind

Gesetzliche Betreuungen Wenn eigene Entscheidungen unmöglich sind

In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Kosten für gesetzliche Betreuungen in Brandenburg fast verdoppelt. Der Grund dafür liegt jedoch nicht in einer besseren Bezahlung der Betreuer. Vielmehr benötigen immer mehr psychisch Kranke und Behinderte eine Betreuung. Die Gründe sind vielfältig.

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Die professionelle Betreuerin Anja Putzke in ihrem Büro in Königs Wusterhausen.

Quelle: Anja Meyer

Dahmeland-Fläming. Im vergangenen Sommer musste Anja Putzke eine unpopuläre Entscheidung treffen, wie sie es nennt. Als gesetzliche Betreuerin sollte sie sich um eine neue Betroffene kümmern: Eine über 90 Jahre alte Frau aus dem Norden des Landkreises Dahme-Spreewald, die noch in ihrem Haus lebte und von der Nachbarin versorgt wurde. Doch die sagte, es gehe so nun alles nicht mehr, die alte Dame müsse ins Pflegeheim.

Anja Putzke entschied sich anders, organisierte eine Hauskrankenpflege, die Nachbarin unterstützt weiterhin und die alte Dame kann in ihrer gewohnten Umgebung leben. „Das klappt gut, damit können alle Beteiligten leben“, erzählt Anja Putzke. Sie selbst kannte die Dame vor ihrer Entscheidung kaum, musste als ihre gesetzliche Betreuerin jedoch eine schnelle Entscheidung treffen.

Seit zehn Jahren Betreuerin

„Als gesetzliche Betreuerin muss ich gut organisieren können und entscheidungsfreudig sein“, sagt Anja Putzke. Die 38-jährige Sozialpädagogin arbeitet seit gut zehn Jahren beim Königs Wusterhau­sener Betreuungsverein „Lebenshilfe“. Um 45 bis 50 Betroffene kümmert sie sich parallel. Sie versucht, jeden von ihnen mindestens einmal im Monat zu treffen. Es sind Menschen, die aufgrund von psychischen Krankheiten oder Behinderungen nicht in der Lage sind, eigenständige Lebensentscheidungen zu treffen. „Das kann vom verstopften Klo bis zum Grundstücksverkauf alles sein.“ Häufig begleiten Betreuer ihre Betroffenen zu Behörden oder ins Krankenhaus.

Im Land Brandenburg haben sich die Kosten für die gesetzliche Betreuung, wie Anja Putzke sie leistet, in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt. Das geht aus der Antwort des Sozialministeriums auf eine Anfrage der CDU-Fraktion im Potsdamer Landtag hervor. In der Region Dahmeland-Fläming werden 4776 Menschen gesetzlich betreut. Im gesamten Land Brandenburg gab es Ende 2015 rund 45 770 Menschen, denen ein gerichtlicher Betreuer zur Seite stand, die Zahlen für 2016 liegen noch nicht vor.

Deutlich mehr Betroffene

Dass die Kosten sich beinahe verdoppelt haben, liegt jedoch nicht daran, dass Betreuer in den vergangenen Jahren mehr Geld dafür bekommen. Der Preis für eine Betreuungsstunde wurde seit 2005 sogar gar nicht mehr erhöht, wie Elke Krause, Fachbereichsleiterin des Betreuungsvereins „Lebenshilfe“, erzählt. Vielmehr seien die Kosten gestiegen, weil mittlerweile immer mehr Menschen auf einen gesetzlichen Betreuer angewiesen sind.

Die Gründe dafür sind vielfältig: Ein Anstieg an psychischen Erkrankungen, Drogen- und Alkoholmissbrauch und eine immer älter werdende Bevölkerung sind nur einige Gründe. Gleichzeitig werden die Antragstellungen etwa für Sozialhilfe oder Wohngeld oder Pflege immer komplexer und manche Betroffene wissen nicht, wie sie das alleine schaffen sollen.

Im Idealfall sollten Angehörige Betreuer sein

Der Idealfall sieht Elke Krauses Angaben zufolge gar nicht so aus, dass die Betreuung von professionellen Fachkräften übernommen wird. Am ehesten sollten Angehörige oder andere Ehrenamtler die Betreuung leisten. Bundesweit ist das in rund 70 Prozent der Fall, in Brandenburg nur bei etwa 40 Prozent. „Die eigenen Familien sind nicht mehr vor Ort, weil Kinder wegen der Arbeit wegziehen mussten – da werden dann vom Betreuungsgericht eingesetzte Betreuer nötig“, sagt Elke Krause.

Und wenn die Angehörigen vor Ort sind, ist eine Betreuung durch sie auch nicht immer der beste Weg, wie Betreuerin Anja Putzke aus ihrer Berufspraxis berichten kann. „Manchmal sind sie emotional zu sehr mit den Betroffenen verbunden, als dass sie eine Entscheidung treffen könnten.“ Für nicht verwandte, gesetzliche Betreuer besteht die Herausforderung wiederum darin, im Sinne eines Menschen zu entscheiden, den sie möglicherweise gar nicht lange kennengelernt haben. „Das erfordert viel Recherchearbeit“, sagt Anja Putzke.

Ehrenamt soll gestärkt werden

Um dem steigenden Betreuungsbedarf zu entsprechen, sollte nach Angaben von Elke Krause das Ehrenamt weiter gestärkt werden. Der Betreuungsverein „Lebenshilfe“ bietet dazu Schulungen und wöchentliche Beratungen an. „Die Vereine sind daran interessiert, Betreuungen an Ehrenamtler abzugeben, wenn ein Gros der Angelegenheiten erledigt ist“, sagt Elke Krause. Sie macht auch noch auf eine andere Begebenheit aufmerksam: „Ich wünsche mir mehr Anerkennung und Würdigung von Ehrenamtlern“, sagt sie. „Wir hören häufig, dass sie bei Ämtern und Behörden nicht hoch angesehen sind.“

Von Anja Meyer

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