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Wie Blinde die Welt erleben – ein Selbsttest

MAZ-Aktion Wie Blinde die Welt erleben – ein Selbsttest

Wie erlebt ein Mensch, der nichts sieht, die Stadt, wie kauft er ein, woher weiß er, welcher Bus der richtige ist? MAZ-Reporterin Anja Meyer hat versucht, Antworten auf diese Fragen zu bekommen. Sie war mit einer Lehrerin der Blindenschule Königs Wusterhausen unterwegs – ohne etwas zu sehen.

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Geradeaus laufen: Mithilfe des Blindenstocks erspürt MAZ-Reporterin Anja Meyer ihre Leitlinie auf der Bahnhofstraße.

Quelle: Gerlinde Irmscher

Dahmeland-Fläming. So langsam entspannt sich meine Hand, mit der ich mich an Yvonne Müllers Ellenbogen festklammere. Ich gehe schneller, ich fühle mich immer sicherer. Da wird der Boden unter meinen Füßen plötzlich holprig – Kopfsteinpflaster. Yvonne Müller bleibt stehen und ich mit ihr, ich habe keine andere Wahl. „Moment, da ist ein ungeduldiger Autofahrer – den lassen wir vor“, sagt sie. Ich höre: das Rauschen eines Automotors von links nach rechts ziehen. Ich sehe: nichts.

„Jetzt“, sagt Yvonne Müller und zieht mich über die Straße. So schnell, dass ich mich erschrecke. „Kommen da noch mehr Autos?“, frage ich. „Ja, aber die haben uns gesehen“, beruhigt sie mich. „Alles andere wäre jetzt Mord.“ Okay. Mein Adrenalinpegel sinkt.

Stau im Supermarkt, der Eingang ist mit dem Blindenstock schwer zu finden

Stau im Supermarkt, der Eingang ist mit dem Blindenstock schwer zu finden.

Quelle: Gerlinde Irmscher

Ich kenne Yvonne Müller erst seit einer knappen Stunde, noch nie habe ich so schnell so großes Vertrauen zu einem Menschen aufgebaut. Mir bleibt gerade auch nichts anderes übrig, als die Kontrolle an sie abzugeben. Mein schlimmster Albtraum ist für zwei Stunden Realität: Ich bin blind. Eine mit Schaumstoff abgedichtete, schwarze Brille nimmt mir das Augenlicht. Ich trage sie, weil ich wissen will, wie es sich anfühlt, in absoluter Dunkelheit unterwegs zu sein. Yvonne Müller zeigt es mir.

„Wer das erste Mal nichts sieht, ist sehr ängstlich“

Sie ist Mobilitätslehrerin an der Blindenschule in Königs Wusterhausen. Dort trainiert sie blinde und sehbehinderte Schüler und Erwachsene darin, sich ohne Hilfe in der Öffentlichkeit zu orientieren. Während ihrer Ausbildung hat sie das selbst mit Augenbinde erlebt. „Wer das erste Mal nichts sieht, ist sehr ängstlich“, erklärt sie. Wie unrealistisch ich mir meine Selbsterfahrung vorgestellt hatte, wurde mir schon bei unserem ersten Telefonat klar. Ob sie mir eine blinde Person vermitteln könne, die mich mit verbundenen Augen durch die Stadt führt, hatte ich Yvonne Müller gefragt. Wie ich mir das vorstelle, entgegnete sie. „Wie soll ein Blinder denn auf Sie aufpassen, wenn sie das erste Mal mit einem Stock unterwegs sind?“

Yvonne Müller weist Anja Meyer den Weg in den Bus

Yvonne Müller weist Anja Meyer den Weg in den Bus.

Quelle: Gerlinde Irmscher

Jetzt passt Yvonne Müller auf und ich bin froh darüber. Der Plan: Durch die Stadt gehen, mit dem Bus fahren und einkaufen. Eigentlich wollte ich ja direkt mit dem Blindenstock losziehen. Meine Trainerin hält das jedoch für eine schlechte Idee. Ich solle erst einmal ein Gefühl für die Dunkelheit entwickeln. Yvonne Müller bietet sich mir als sogenannte sehende Begleitung an. Dabei halte ich mich an ihrem Ellenbogen fest und laufe einen Schritt hinter ihr. Eine gute Idee, wie ich schnell merke.

Ich höre zwar Geräusche, aber ich kann sie nicht orten

Mir ist mulmig zumute, trotzdem fühle ich mich besser, als ich auszusehen scheine. Was mich wundert: Ich höre zwar Geräusche wie vorbeifahrende Autos, Rasenmäher oder Stimmen, aber ich kann sie nicht orten. Wenn ich mich voll konzentriere, schaffe ich es, die grobe Richtung zu erahnen. Einen kurzen Moment später bin ich wieder verloren. Das sei bei Blinden ganz anders, sagt Yvonne Müller. Besonders von Geburt an könnten Blinde sogar einen Mülleimer am Straßenrand hören. Sie hätten es auch leichter als Sehbehinderte, die sich weniger über das Hören und Riechen orientieren können.

Meine Begleiterin spürt, dass ich ängstlich bin. Sie ist eine gute Motivatorin. Immer wieder sagt sie mir, wie gut ich schon laufe. Immer wieder macht sie Pausen. „Durchatmen, Schultern entspannen und weiter.“ Immer wieder versichert sie mir, dass sie auf mich aufpasst. „Ihnen wird nichts passieren.“

Am Anfang scheitere ich an meiner Arm-Bein-Koordination

Wahrscheinlich sind es Yvonne Müllers aufbauende Worte, die mich mutig werden lassen. Jetzt will ich endlich wissen, wie es sich allein mit dem Stock läuft. Für den Fall der Fälle trage ich ihn schon eingeklappt in meiner Jackentasche. Yvonne Müller ist einverstanden. „Nehmen Sie den Stock in die rechte Hand und pendeln Sie vor dem Körper von rechts nach links“, sagt sie. „Mit jedem Pendeln gehen Sie einen Schritt nach vorn.“

Am Anfang scheitere ich an meiner Arm-Bein-Koordination. Gar nicht so leicht, Stock und Beine gleichzeitig im Griff zu haben. Ich konzentriere mich nur darauf, jetzt soll ich noch Geräusche orten. „Wo ist die Straße und wo sind die Häuser?“, fragt Yvonne Müller. Ich habe keine Ahnung.

Ich bin froh, dass ich langsam die Linie halten kann

Ein paar Meter stolpere ich in Schlangenlinien durch die Bahnhofstraße, dann bringt Yvonne Müller mich auf den richtigen Pfad. Ein Übergang vom Kopfsteinpflaster zu glatten Platten soll mir als Leitlinie dienen. Mit dem Stock pendle ich darüber. Plötzlich verliere ich den Übergang. „Keine Panik, erst die Leitlinie suchen und dann weiter“, sagt Yvonne Müller.

Ich bin froh, dass ich langsam die Linie halten kann. Dennoch: Ich weiß nicht, wohin ich gehe, ich weiß nicht, wer mich gerade anschaut und vor allem wie. Hin und wieder höre ich Leute über mich sprechen. Ein Kind fragt, was mit mir los sei. „Die junge Frau ist blind“, erklärt die Mutter. Einmal stoße ich mit dem Stock gegen einen Mann. „Ey, du bist nicht allein auf der Straße!“ Als ich auf dem Weg in den Supermarkt das Drehkreuz erst nicht finde und dann darin hängen bleibe, vergleicht es jemand mit Topfschlagen und sagt meiner Begleiterin, dass blind sein schlimm sein muss.

Nach 25 Minuten halte ich die Flasche in der Hand

Direkt mit mir spricht nur Yvonne Müller. Als ich beim Bäcker ein Brötchen kaufen will, fragt die Verkäuferin nicht mich, sondern sie, was ich denn haben möchte. „Das ist ein typisches Verhalten“, erklärt mir Yvonne Müller. Möglicherweise liegt es daran, dass mir niemand in die Augen schauen kann, vielleicht ist es auch die Scheu vor der Behinderung.

Ich habe Durst. Das bringt mich auf die Idee, mir eine neue Aufgabe zu stellen: Ich will eine Cola kaufen. In dem Supermarkt, in dem ich mich auskenne. Ich weiß genau, wo die Flaschen stehen – einmal bis nach hinten laufen und dann nach rechts, so einfach. Nach 25 Minuten schaffe ich es tatsächlich und halte die Flasche in der Hand. Ich bin ein bisschen stolz.

Die Zeit ist rum, Yvonne Müller hat noch einen anderen Termin. Ich ziehe mir die Augenbinde vom Gesicht und bin geblendet. Meine Augen gewöhnen sich allmählich ans Licht, ich gehe schnell und sicher nach draußen. Noch nie war ich so froh, sehen zu können.

Von Anja Meyer

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