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Wiesenhof-Mitarbeiter wehren sich gegen Vorwürfe

Niederlehme Wiesenhof-Mitarbeiter wehren sich gegen Vorwürfe

Die geplante Erweiterung des Geflügelschlachtbetriebs in Niederlehme wird immer mehr zum Politikum. Interessensgruppen rund um die Bürgermeisterwahl haben das Thema bereits für sich entdeckt. Jetzt melden sich auch die Beschäftigten zu Wort.

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120 000 Hühner verlassen den Schlachtbetrieb in Niederlehme derzeit täglich als Grillfleisch.

Quelle: Foto: DPA

Niederlehme. Nach monatelangem Streit um die Erweiterung des Geflügelschlachtbetriebs in Niederlehme haben sich jetzt auch die Mitarbeiter zu Wort gemeldet. In einem offenen Brief, den der Betriebsrat im Namen der Belegschaft verfasst hat, stellen sich die Angestellten auf die Seite ihres Arbeitgebers und kritisieren den öffentlichen Umgang mit dem Unternehmen. „Wir sehen einen gravierenden Unterschied zwischen dem, was wir wissen und täglich erleben, und dem, was an Unwahrheiten, Gerüchten, Vermutungen und Beschuldigungen veröffentlicht wird“, heißt es in dem Schreiben.

Die Unterzeichner loben darin die Märkische Geflügelhof-Spezialitäten GmbH als guten Arbeitgeber, der pünktlich seine Löhne zahle, sich um hohe Hygiene- und Umweltschutzstandards bemühe und regelmäßig zertifiziert werde. Sie weisen überdies mehrere Vorwürfe zurück, die in der Vergangenheit öffentlich von Kritikern gegen das Unternehmen erhoben wurden – etwa, dass der Wiesenhof-Schlachtbetrieb Abwasser in ein Trinkwasserschutzgebiet leitet oder dass im Schlachthof multiresistente Keime verbreitet werden. „Die Krankenstandstatistik der Kolleginnen und Kollegen, die ja besonders betroffen sein müssten, liegt unterhalb des Durchschnitts von Brandenburg“, heißt es. Abschließend schreiben die Verfasser: „Uns stinkt’s, dass einzelne Politiker, die Bürgerinitiative ,KW stinkt’s’, Robin Wood und so genannte Tierschützer auf Kosten unseres Unternehmens und der Belegschaft sich mit Blockaden, Vermutungen, Gerüchten, Vandalismus und Falschaussagen versuchen zu profilieren.“

Der offene Brief ist der jüngste Akt einer Auseinandersetzung, die seit Monaten schwelt, die immer weitere Kreise zieht und inzwischen auch in den Königs Wusterhausener Bürgermeisterwahlkampf hineinspielt.

Die Märkische Geflügelhof-Spezialitäten GmbH, die Geflügelfleisch, Grillhähnchen und ähnliches unter der Marke „Wiesenhof“ verkauft, hat Ende vorigen Jahres eine Erweiterung ihres Schlachtbetriebs in Niederlehme beantragt. Statt 120 000 Hühnern täglich sollten dort regelmäßig 160 000 Hühner täglich geschlachtet werden, in Spitzenzeiten sogar bis zu 240 000 Hühnern, so lautete der Antrag.

Im Laufe des Verfahrens wurde aber offenkundig, dass das Unternehmen den Schlachthof längst auf diese Kapazität hochgefahren hatte, sogar schon bevor der Antrag überhaupt gestellt wurde. Das Brandenburgische Umweltministerium hatte daraufhin Ende Juni die Teilstilllegung des Betriebs angeordnet und Wiesenhof aufgefordert, die Produktion auf den genehmigten Stand zu verringern – wogegen das Unternehmen inzwischen Rechtsmittel eingelegt hat.

Die Erweiterung ist aber nicht nur rechtlich, sondern auch politisch umstritten. Die Bürgerinitiative „KW stinkt’s“ und Naturschutzorganisationen haben bereits mehrere Demonstrationen gegen die Betriebserweiterung organisiert, einmal wurde das Betriebsgelände besetzt. Zu den Köpfen der Bürgerinitiative „KW stinkt’s“ und damit auch zu den lautesten Kritikern der Erweiterung zählt Gudrun Eichler. Diese unterzeichnete im April für die Bürgerinitiative ein Schreiben an Ministerpräsidentin Dietmar Woidke, in dem „die sofortige vorläufige Stilllegung von Wiesenhof in Niederlehme“ gefordert wurde.

Heikel dabei: Der Betrieb gehört mit 700 Beschäftigten immerhin zu den größten Arbeitgebern von Königs Wusterhausen – und Gudrun Eichler will Königs Wusterhausener Bürgermeisterin werden, sie tritt bei der Wahl im September als gemeinsame Kandidatin für Linke und Grüne an.

Von einem anderen Lokalpolitiker hat sie sich deshalb bereits eine mediale Breitseite eingefangen. Michael Reimann, Vorsitzender des Bündnisses Wir für KW und Unterstützer von SPD-Kandidat Georg Hanke, unterstellte Eichler auf einem Internetblog, „Fakenews“ über Wiesenhof zu verbreiten und das Unternehmen aus Königs Wusterhausen vertreiben zu wollen. Reimann selbst besuchte dagegen den Schlachtbetrieb und lobte ihn in anschließend in einem Anzeigenblatt in höchsten Tönen – sogar für das Essensangebot in der Kantine: „Allein die Mittagsversorgung der Kolleginnen und Kolleginnen ist bemerkenswert gut und schmackhaft. Kein Essen über drei Euro.“ Das wiederum schlachtet die Bürgerinitiative öffentlichkeitswirksam aus.

Im PHW-Konzern, zu dem die Marke „Wiesenhof“ gehört, reagiert man auf Anfragen knapp. Die Erweiterung sei vor einem guten Jahr aus einer Notsituation heraus umgesetzt worden, weil ein Wiesenhof-Schlachtbetrieb im niedersächsischen Lohne abgebrannt war und damit über Nacht plötzlich Kapazitäten für die Schlachtung von bis zu 370 000 Hühnern täglich fehlten, hieß es im Frühjahr auf eine Anfrage. Eine Genehmigung zur Kapazitätserweiterung sei beim Brandenburgischen Umweltministerium beantragt. Ende Juni zeigte sich das Unternehmen noch zuversichtlich, dass sich der ganze Ärger deshalb bald in Luft auflöst.

Ganz so schnell scheint es mit der Genehmigung aber doch nicht zu gehen. Das Verfahren sei noch nicht abgeschlossen, weil die Antragsunterlagen noch nicht vollständig sind, teilt das Umweltministerium am Montag auf MAZ-Nachfrage mit. Die fehlenden Unterlagen seien beim Schlachtbetrieb angefordert worden, sie liegen aber bis heute nicht vor.

Von Oliver Fischer

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