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00:35 15.10.2015
Volksdroge Nummer eins ist und bleibt die Zigarette. Quelle: Peter Geisler,
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Königs Wusterhausen

Die letzte Zigarette. Katharina Matuschek freut sich drauf. Nächste Woche Montag wird sie sie anzünden. Zum letzten Mal wird sie dann inhalieren, den Qualm durch ihre Bronchien ziehen, sie wird spüren, wie das Nervengift ihren Körper flutet, sie beruhigt. Die Zigarette wird nicht gut schmecken, das tut sie nie. Nach Rauch halt, irgendwie auch nach verbrannter Bratwurst. Aber wer raucht schon des Geschmacks wegen? Tabak ist eine Sucht, Katharina Matuschek hat tausende Euro in diese Sucht investiert, und auch den Abschied wird sie sich etwas kosten lassen. Sie hat Davidoff gekauft, die Edlen, 5,40 Euro die Packung. Noch einmal was Gutes zum Schluss. Pervers eigentlich. Aber es ändert nichts daran, dass sie genug hat. Genug von dem Gequalme, genug von der Inflexibilität, genug von der ständigen Atemnot beim Treppensteigen. Sie will nicht mehr.

Katharina Matuschek, 44, vierfache Mutter aus Königs Wusterhausen, ist Raucherin – und damit wahrlich nicht allein. Keine Sucht ist in Deutschland so verbreitet wie die Sucht nach Tabak. Obwohl Rauchen seit Jahren stetig an Ansehen verliert, greifen immer noch etwa ein Viertel der Erwachsenen in Deutschland regelmäßig zur Zigarette. Allein in der Dahmeland-Fläming-Region leben um die 60 000 Menschen, die nicht ohne einen Zug über den Tag kommen.

Katharina Matuschek hat ihr gesamtes Erwachsenenleben geraucht. Sie war etwa 14, als sie auf den Straßen von Berlin-Neukölln die erste durchzog. Ein Cliquen-Ding, die Kippe gehörte dazu. „Hier, willste eine? Zieh doch auch mal!“ So rutschte sie rein – leider nicht nur ins Rauchen.

Zigaretten waren für sie der Einstieg in eine Bilderbuch-Suchtkarriere. Gras, Kokain, Alkohol. Sie hat schwere Zeiten hinter sich, es hat Kraft gekostet, sich wieder heraus zu kämpfen, ein ums andere Mal ihren Suchtteufel zu besiegen, wie sie es nennt. Vor 14 Jahren kam sie mit Hilfe von Therapeuten und Selbsthilfegruppen von den Drogen los, später ließ sie auch den Alkohol hinter sich. Hilfe fand sie stets beim Verein Tannenhof, der sich in Berlin und Brandenburg um Suchtkranke kümmert. Und auch jetzt hat sie sich an den Tannenhof gewandt, an Margitta Fischer, und sie um Hilfe gebeten, weil sie endlich ihren letzten Suchtteufel besiegen will. Den mit dem Filter.

Die Suchttherapeutin Margitta Fischer sitzt in ihrem Büro in der Königs Wusterhausener Zweigstelle vom Tannenhof und redet sich in Rage. Darüber, dass Raucher noch allzu oft belächelt werden, wenn sie nicht von ihrer Sucht loskommen. Darüber, dass Rauchen noch immer so normal ist und dass Anti-Rauch-Programme nicht angemessen gefördert werden, nur weil die Auswirkungen auf den Einzelnen weniger sichtbar sind als bei Alkoholikern oder Crack-Süchtigen. „Harte Drogen werden hochgespielt, dabei sterben daran deutschlandweit vielleicht ein paar hundert Menschen im Jahr“, sagt sie. An den Folgen des Tabakkonsums dagegen sterben etwa 300 Deutsche täglich. Das macht 100 000 Tote im Jahr. Eine ganze Großstadt einfach weggequalmt. „Rauchen ist die größte vermeidbare Gesundheitsschädigung, die es gibt“, so die Therapeutin. Und wer nicht davon loskommt, wird verlacht. Dabei sei es wirklich schwierig, sagt Margitta Fischer, und tischt weitere Zahlen auf. Von hundert, die ohne Hilfe aufhören wollen, halten nur fünf durch, sagt sie. Jeder Raucher brauche im Schnitt fünf bis sieben Versuche. Die ersten zwei Wochen seien die härtesten, das ganze erste Jahr ist hart, ohne Veränderungen im Alltag und günstige Lebensumstände funktioniere das Aufhören bei vielen ohnehin nicht.

Katharina Matuschek weiß das. Sie hat schon mal aufgehört. Damals hatte sie ein Buch zum Thema gelesen, sich so auf den Entzug eingestellt, sie schaffte immerhin vier Monate. Dann allerdings kam ein längerer Krankenhausaufenthalt dazwischen, sie war rund um die Uhr mit Rauchern zusammen, im Aufenthaltsraum hing dichter Dunst, und das hält auch der willensstärkste Ex-Raucher nicht lange durch. „Ich hab erst eine mitgeraucht, dann noch eine, und dann war ich ganz schnell wieder im alten Muster“, erzählt sie.

Vor ihrem neuerlichen Versuch hat sie deshalb Respekt. Sie fühlt sie sich weniger sicher als damals. Sie steckt in einem beruflichen Umbruch, auch privat gab es Probleme, ein Trauerfall in der Familie. Sie war angespannt in der letzten Zeit. „Ich fühle, dass mein Suchtteufel stark ist“, sagt sie.

Umso mehr hat sie sich vorbereitet. Sie hat einen dreiwöchigen Kurs bei Margitta Fischer besucht, hat ihr Rauchverhalten analysiert, vieles über unterstützende Medikamente erfahren, und Strategien für die ersten Tage gelernt: kein Stress, keine Zigaretten zu Hause lagern, kein Kleingeld in den Taschen, sich Termine machen, sich etwas Schönes vornehmen.

Und sie hat sich einer Selbsthilfegruppe angeschlossen. Denn in der Gruppe sind die Chancen am größten. Es hilft, regelmäßig mit Leuten zu reden, die gerade das Gleiche durchmachen, die wissen, worum es geht, und die einem den Spiegel vorhalten. „Das ist wichtig, denn Süchtige sind verdammt gut darin, sich in die eigene Tasche zu lügen“, sagt Katharina Matuschek. Sie selbst hat sich lange vorgemacht, dass nicht das Rauchen ihr Problem ist, sondern das Nicht-Rauchen. Heute weiß sie: Nur wenn sie ehrlich zu sich ist, kann sie ihren letzten Suchtteufel besiegen – und irgendwann auch wieder Treppen steigen, ohne dabei zu schnaufen wie ein Dampflock.

Von Oliver Fischer

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