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Zugvögel kennen keinen Fahrplan

In der Naturlandschaft Wanninchen warten Vogelfreunde auf die Kraniche - manchmal stundenlang Zugvögel kennen keinen Fahrplan

Aufgeregt hält Annegret Lärchberg (55) das Fernglas in der Hand. Alle paar Sekunden führt sie es zu ihren Augen. Sie will Kraniche beobachten. Zusammen mit ihrem Freund Bernd Wagner (56) ist sie extra von Leipzig nach Luckau gekommen, um die Vögel beim Abendflug zu beobachten.

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Mit ruhigen Flügelschlag gleiten die Kraniche durch die Luft.

Luckau. Ursprünglich stammen Lärchberg und Wagner aus Heidelberg. "Wir sind nach Leipzig wegen der Völkerschlacht gekommen. Und jetzt wollten wir etwas Natur erleben", berichtet Annegret Lärchberg und zupft sich ihren Hut zurecht.

Flora und Fauna gibt es in der Naturlandschaft Wanninchen bei Luckau in ausreichendem Maß. Rund 3000Hektar misst das Areal, dass die Heinz-Sielmann-Stiftung in den Jahren 2000 bis 2005 Stück für Stück erworben hat. Früher wurde dort drei Jahrzehnte lang Braunkohle abgebaut.

Die großen Bagger mit ihren tiefen Schaufeln und die Kumpels, die unter Tage schufteten, sind weg. Dafür zogen die Kraniche ein, die für Touristen und Einheimische zum Anziehungspunkt geworden sind. "Dieser Vogel ist ein Sympathieträger", sagt Ralf Donat, Projektleiter für die Landschaft in Wanninchen. Die Kraniche nutzen die Bergbaufolgelandschaft als Schlafplatz und zur Nahrungssuche. Vor allem Pflanzen und Körner stehen auf ihrem Speiseplan.

Aber sie treffen sich dort auch, um geschlossen in südliche Gefilde wie Frankreich oder Spanien aufzubrechen. Nach Luckau kommen Kraniche aus den unterschiedlichsten Gebieten und Ländern zusammen, beispielsweise aus Mecklenburg-Vorpommern, Skandinavien, Estland und Polen. Im Frühjahr kehren die Vögel zurück, um zu brüten. In der Regel ziehen sie ein bis zwei Junge groß. Vor allem das Flachwasser des ehemaligen Bergbaugebiets ist ein idealer Ort für die Tiere, um sich dort vor Feinden wie Füchsen oder Seeadlern zu verstecken. Noch in den 1970er- und 1980er-Jahren waren die Vögel vom Aussterben bedroht. Die Landwirtschaft hatte ihre Lebensräume zerstört. Durch Projekte und Arbeitsgemeinschaften, konnte die Population der Vögel wieder ansteigen und stabil gehalten werden.

Rund 60Gäste sind am Mittwochabend nach Wanninchen gefahren, um die Kraniche zu beobachten. Insgesamt kommen laut Naturpark im Jahr durchschnittlich rund 5000 Kraniche zur Rast. Die höchste Zahl, die bisher registriert wurde, beträgt 7000 Vögel. Die Beobachtungen finden immer in den Herbstmonaten vor Sonnenuntergang statt. Im Oktober erfolgen sie immer mittwochs und sonnabends. Vor allen an den Wochenenden kommen Familien mit Kindern gerne raus nach Luckau. "Wir bieten für jede Altersgruppe etwas. Vom Enkel bis zum Opa", sagt Projektleiter Donat. 500 bis 900 Besucher kommen in den Herbstmonaten zur Kranich-Beobachtung. Darunter Gäste aus den südlichen Bundesländern und solche, die Gerade eine Tour durch den Spreewald machen. "Wir freuen uns über jeden Gast, wollen aber nicht, dass das Ganze zum Massentourismus ausartet", sagt Donat. Die Region profitiert selbst auch von den zahlreichen Gästen. Der ein oder andere steigt gerne in einem Landgasthaus ab.

Neben wetterfester Kleidung müssen die Besucher viel Geduld mitbringen. "Wir erleben es oft, dass die Leute mit falschen Vorstellungen zu uns kommen", berichtet Donat. "Wenn wir uns um 17Uhr draußen treffen, glauben die Gäste, dass bereits zehn Minuten später die Vögel einfliegen." Natürlich kommen die Kraniche nicht nach Fahrplan. Sie selbst bestimmen, wann sie vom Fressen zum Schlafplatz zurückfliegen. Und da ist es nicht unüblich, dass die Besucher ausharren müssen. Eine Gruppe von Senioren mit breitem schwäbischem Dialekt will nicht länger warten. Ihnen ist kalt und die verteilten Decken reichen ihnen nicht aus. Sie kehren zum Reisebus auf dem Parkplatz zurück. Das gilt nicht für Annegret Lärchberg und ihren Freund. Die zwei bleiben standhaft, auch wenn der Wind an diesem Abend sehr frisch weht. Etwa 20Minuten später werden sie für ihre Geduld belohnt. Mehrere Kranich-Schwärme ziehen über die Köpfe der Besucher hinweg. Dicht gefolgt von wilden Gänsen, die gut an ihrem unruhigen Flügelschlag zu erkennen sind. Die Fotoapparate klicken und die Blitzlichter folgen. Bereits aus der Ferne sind die Tröt-Laute der Vögel zu hören. Damit das Naturspektakel unvergesslich wird, taucht die untergehende Sonne den Himmel in goldene Farben. Und plötzlich hat man das Gefühl, sich mitten in der Abschlusssequenz einer Dokumentation von Heinz Sielmann zu befinden. An die 450Vögel zählt Ralf Donat für diesen Abend.

Annegret Lärchberg ist begeistert. "So was Schönes habe ich nicht erwartet", gesteht sie und gießt sich Tee in eine Tasse, der den Besuchern kostenfrei gereicht wird. Ihr Begleiter schießt weiter Fotos mit einer kleinen schwarzen Digitalkamera.

Währenddessen beantwortet Ralf Donat Fragen der Besucher und erläutert, warum die Kraniche immer in einer V-Formation fliegen. "Es hat einfach mit Effizienz zu tun. Sie fliegen im Windschatten des Vordermannes", sagt er schlicht. Der Vogel, der an der Spitze fliegt, hat den härtesten Job. Er lässt sich nach einiger Zeit nach hinten fallen, wenn ihm die Kräfte ausgehen. Daraufhin nimmt ein anderer Kranich dessen Position ein. Es geht bei der Formation nicht darum, Feinde abzuschrecken oder zu verwirren.

Noch einige Wochen lang werden die Kraniche mit viel Getöse die Naturlandschaft Wanninchen überfliegen, bis es im November in den Süden geht, weil es dort einfach mehr Nahrung gibt als in Deutschland zur Winterzeit.

Von Anne Stephanie Wildermann

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