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„Newtopia“-Aus: „Schade ums vergeudete Geld“

TV-Experiment „Newtopia“-Aus: „Schade ums vergeudete Geld“

Die Quoten waren am Ende niederschmetternd und auch bei den Einwohnern von Königs Wusterhausen und dem Produktionsstandort Zeesen hat das Reality-Format Newtopia zuletzt offenbar fast allen Kredit verspielt. Auf die Nachricht von der vorzeitigen Absetzung des TV-Experiments reagieren die Anwohner jedenfalls achselzuckend.

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Newtopia wird eingestellt, die Pioniere verlassen das Areal in Zeesen.

Quelle: Sat.1

Zeesen.
Das Produktionsgelände in der Zeesener August-Bebel-Straße ist gut bewacht, in einem Container sitzt ein Mann mit Funkgerät und beäugt jeden kritisch, der sich dem Areal nähert – so, wie eigentlich immer seit Februar. Aber seit Montag ist klar, dass es dort bald nichts mehr zu bewachen gibt. Newtopia, das groß angelegte „TV-Experiment“ um 15 Menschen, die in dem Königs Wusterhausener Ortsteil abgeschottet von der Außenwelt ihre eigene Gesellschaft aufbauen sollen, ist gescheitert. Wie der Fernsehsender Sat.1 am Montag mitteilte, wird die Sendung wegen Erfolglosigkeit abgesetzt. Schon am Freitag soll die letzte Folge laufen.

>>> Das Ende eines peinlichen Experiments – ein Kommentar

Das Ende dürfte kaum noch jemanden überrascht haben: die Fernsehzuschauer nicht, die sich immer weniger für das Geschehen interessierten – und auch die Königs Wusterhausener nicht.

Hintergrund

Das TV-Experiment „Newtopia“ startete am 23. Februar mit 15 Pionieren und mehr als 100 Kameras auf dem einstigen Telekom-Gelände in Zeesen.

Acht Männer und sieben Frauen wollten auf dem zwei Hektar großen Areal eine alternative Gesellschaft etablieren. Das Projekt war auf ein komplettes Jahr angelegt.

Zum Start hatten sie nur 25 Hühner, zwei Kühe und 5000 Euro Budget.

Anfangs sah alles vielversprechend aus: Das über Kinospots und Werbeplakate reichlich beworbene Format fuhr Einschaltquoten von rund 2,8 Millionen Zuschauern ein – viel für den 19-Uhr-Sendeplatz.

Ein paar Tage nach dem Start von Newtopia zog der erste Kandidat schon wieder aus. Liebeskummer-Lenny konnte nicht ohne seine Freundin.

Es folgten Skandale und Peinlichkeiten, allen voran von Ex-Bewohner Candy. Dazu kamen Streitigkeiten mit der Produktionsfirma Talpa – und immer wieder Vorwürfe, dass alles gefakt sei.

Am 20. Juli, dem 147. Produktionstag von Newtopia, gab Talpa das Aus der Sendung bekannt. Der Live-Stream ist sofort abgeschaltet worden, Ende der Woche soll die letzte Folge ausgestrahlt werden.

Ab nächster Woche zeigt Sat.1 statt Newtopia das Daily Drama „In Gefahr – ein verhängnisvoller Moment“.

Beim Bäcker, der nur wenige hundert Meter vom Produktionsgelände entfernt liegt, reagiert man mit Achselzucken auf die Nachricht. Die Verkäuferin berichtet immerhin von einigen Schaulustigen, die sich an den Wochenenden blicken ließen und den Brötchenverkauf ankurbelten. Einige der Ex-Bewohner seien auch mal da gewesen. „Aber ich persönlich habe das nie gesehen“, sagt sie. Auch die Kunden scheinen wenig beeindruckt. „Wenn es interessanter gestaltet worden wäre, hätte ich es vielleicht noch weiter geschaut, aber so, wie es zuletzt lief, brauchte die Sendung keiner“, sagt etwa die Königs Wusterhausenerin Gabriele Welz. Tobias Kasparowitz, ein Zeesener, sagt, dass er sich im Februar noch sehr über das Projekt gefreut habe. „Es war eine gute Idee. Leider haben sie es dann total versaut. Also ist es okay, die Show abzusetzen.“

Einige Handwerker haben von Newtopia profitiert

Auch in der Politik hält sich das Bedauern in Grenzen. Frithjof von Rottkay (Wir für KW), Ortsvorsteher von Zeesen, räumt ein, dass die Produktion einigen ortsansässigen Handwerksbetrieben Aufträge verschafft hat. „Darüber hinaus hat es die Zeesener aber überhaupt nicht berührt. Es ist eher schade um das vergeudete Geld und die Bäume, die beim Einfrieden des Geländes zugeschüttet wurden“, sagt er. Königs Wusterhausens Bürgermeister Lutz Franzke (SPD), der einige Stunden vor der Öffentlichkeit über das Ende der Sendung informiert wurde, geht etwas weniger hart mit Newtopia ins Gericht. „Es war ja ein interessanter Ansatz“, sagt er. „Auch wenn er sich in der Realität nicht ganz wiedergefunden hat.“

Bürgermeister besuchte die Bewohner

Vor einem guten halben Jahr hatte Franzke noch etwas anders geklungen. Damals hatten Zeitungen bundesweit über das neue Sendekonzept berichtet, das in Holland zuvor relativ erfolgreich gewesen war. Das Konzept sah vor, dass 15 Teilnehmer sich mit etwas Startkapital und ohne Hilfe von außen eine neue Gesellschaft aufbauen. Eine Welt frei von den gewohnten Zwängen des Kapitalismus. Franzke wurde damals unter anderem vom Nachrichtenmagazin Spiegel interviewt. Der Bürgermeister wünschte sich Synergie-Effekte für die Stadt. „Ich erhoffe mir, dass unsere Stadt dadurch überregionale Bedeutung bekommt“, ließ er sich zitieren. Ende Mai besuchte er die Pioniere im Camp. Im Gespräch mit der MAZ sprach er von „sympathischen und kulturvollen Leuten“. Dazu, ob das Projekt ein Jahr durchhalten werde, gab er keine klare Antwort.

Skandale, Peinlichkeiten und sinkende Quoten

Das TV-Experiment startete dann mit acht Männern, sieben Frauen, 25 Hühnern und zwei Kühen auf dem ehemaligen Telekom-Gelände in Zeesen – und vorzeigbaren 2,8 Millionen Zuschauern. Die kommenden Wochen waren geprägt von Skandalen, Peinlichkeiten und sinkenden Einschaltquoten. Eine vernachlässigte Kuh, die Prügelei und Sex-Eskapaden des Camp-Zausels Candy, der Massenauszug des Gros der verbliebenen Pioniere der ersten Stunde, Candys Wiedereinzug und -rauswurf: So richtig wollte sich niemand mehr das Newtopia-Elend ansehen.

Vor allem Ärger über Eingriff der Produktionsfirma

Daran konnte auch ein Gastspiel von „Kommune 1“-Legende Rainer Langhans nichts ändern. Er erklärte das Projekt Mitte Juni für gescheitert. Zur 100. Folge in der vergangenen Woche schalteten gerade einmal eine knappe halbe Million Menschen um 19 Uhr ein. Lutz Franzke ist trotzdem überzeugt davon, dass Newtopia Königs Wusterhausen in Deutschland bekannter gemacht hat. Für ihn und die Verwaltung sei das Projekt „ein amüsanter, bunter Farbtupfer“ gewesen, wenngleich es zusätzliche Arbeit bedeutet habe. Mehrfach haben sich Zuschauer über gesendete Programminhalte beschwert. Den größten Ärger habe es gegeben, weil Newtopia-Teilnehmer vor den Fernsehkameras in die Zeesener Landschaft urinierten. Der Stadtverwaltung seien in diesem Fall aber die Hände gebunden gewesen, so Franzke. „Das ist schließlich Privatgelände.“

Die vielen Skandälchen vermiesten auch den Zeesenern das Fernsehvergnügen. Anwohner Markus Kühn etwa fand das Format anfangs noch interessant. „Aber was die Produktionsfirma dann daraus gemacht hat, hat mir überhaupt nicht mehr gefallen.“ Auch Petra Reuter mochte am Ende nicht mehr hinsehen. „Ein bisschen schade ist es schon, aber wenn jetzt Schluss sein soll mit Newtopia, dann ist es auch gut. Dann kann man künftig ab 19 Uhr etwas anderes schauen.“ Ab kommenden Montag etwa das Daily Drama „In Gefahr – ein verhängnisvoller Moment“. Das soll die Sat.1-Quoten wieder verbessern.

Von Oliver Fischer und Anja Meyer

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Nach TV-Aus für Newtopia

Die heimlichen Stars auf dem Newtopia-Gelände in Zeesen (Königs Wusterhausen) heißen Tante Elfriede, Clyde und Bonnie. Die drei Kühe haben schon bald weder Stall noch Weide, denn das Tv-Experiment ist gescheitert. Ex-Pionier und Landwirt Christian Kallweit kämpft nun um die Tiere und hofft, dass sie schon bald auf seiner Wiese grasen können.

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