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Das Leben in einer Beatmungs-WG

Einmalige Pflegeeinrichtung in Dahme-Spreewald Das Leben in einer Beatmungs-WG

Die Wohngemeinschaft (WG) für beatmete Patienten in Schulzendorf ist einmalig im Landkreis Dahme-Spreewald. Gegründet wurde sie Ende 2014 von Lars Heine, Geschäftsführer von Intensivpflege und Beatmung in Zeesen. In der WG können sechs Patienten rund um die Uhr versorgt werden. Trotz der Pflegebedürftigkeit haben sie ein Umfeld ähnlich wie zu Hause.

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Die Pfleger umsorgen ihre Patienten.

Schulzendorf. Menschen wie Andre würden sterben, wenn sie nicht beatmet würden. Sie wären den Rest ihres Lebens auf Krankenhausbehandlung angewiesen. Doch Andre braucht nicht in der sterilen Atmosphäre einer Klinik oder anderen Pflegeeinrichtung leben. Er hat einen Platz in der Wohngemeinschaft für beatmete Patienten in Schulzendorf bekommen. Hier wird er in seinem Zimmer rund um die Uhr betreut von insgesamt zwölf examinierten Pflegekräften der Intensivpflege und Heimbeatmung. Der Firmensitz dieser besonderen Pflegeeinrichtung befindet sich im Ortsteil Zeesen von Königs Wusterhausen.

Nach Motorradunfall mit 19 im Wachkoma

Andre, so berichtet seine Mutter Helgard Thiele, ist Opfer eines Ärztefehlers geworden. Bei einer Operation ging etwas schief. Erst lag der über 50-Jährige in einem Berliner Krankenhaus. „Ich war so froh, als ich den Platz hier in der WG für Andre bekommen habe“, so die Mutter, die so oft es möglich ist, kommt, um ihren Sohn zu besuchen, selbst zu waschen, zu streicheln, mit ihm zu erzählen. Andre ist ansprechbar und kann mit seiner Mutter kommunizieren. Doch andere Patienten in der Schulzendorfer Beatmungs-WG liegen im Wachkoma. Die meisten sind 50 Jahre und älter. Aber es ist auch ein junger Mann dabei, gerade erst 19 Jahre alt. Er hatte einen Motorrad-Unfall.

Alice Walz ist die Teamleiterin der Beatmungs-WG. Sie selbst ist Pflegekraft, kümmert sich um die Patienten, aber auch um den Dienstplan und alles drumherum. Andre freut sich, wenn die junge Frau zu ihm ins Zimmer kommt. Oft hat er sogar einen flotten Spruch auf den Lippen, genießt die Momente, in denen er in Gesellschaft ist.

Andre muss aufgrund eines OP-Fehlers  beatmet werden

Andre muss aufgrund eines OP-Fehlers beatmet werden. Seine Mutter Helgard Thiele (l.) kümmert sich liebevoll um ihren Sohn

Quelle: Andrea Müller

„Das ist ganz wichtig für unsere Bewohner“, so Lars Heine, der sein Unternehmen im November 2014 gegründet hat. Er richtete ein Haus in Schulzendorf so ein, dass in den Zimmern für die Beatmungs-Patienten medizinisch alles da ist, was gebraucht wird. Gleichzeitig gibt es hier Fernseher und private Einrichtungsgegenstände, so dass sich die Menschen hier wohlfühlen können. Aber gerade die Zuwendung, die sei so wahnsinnig bedeutend.

In einem Krankenhaus oder einer anderen Pflegeeinrichtung habe eine Pflegekraft zehn Patienten zu versorgen. „Hier bei uns sind es maximal drei“, so Heine. Es gebe immer einen Pflegehelfer, der beispielsweise beim Umbetten mit anfassen kann. Die rein medizinische Versorgung erfolge immer zu zweit. Es werde die Beatmung selbst kontrolliert, wenn nötig abgesaugt, die Ernährungspumpen kontrolliert. „Unsere Leute sind für ihre Arbeit ganz speziell geschult“, so Heine. Dies auch, damit sie die komplizierte Technik bedienen können. Zudem brächten sie eine langjährige Berufserfahrung mit. Nichts von den notwendigen Handgriffen werde erledigt, ohne nicht mit dem Patienten – egal ob mit oder ohne Bewusstsein – zu sprechen. Es werde gefragt, wie es geht, erzählt, dass die Sonne scheint oder es regnet und schließlich immer erklärt, was jetzt gerade an medizinischer Versorgung getan werden muss. Jetzt in der warmen Jahreszeit werden die Patienten auch auf die großen Terrassen gebracht. Hier können sie selbst die Sonne genießen. Die lebensnotwendige Beatmungs-Technik wird mit hinaus gebracht.

Diese Pflegeplätze sind sehr teuer

„Hinter jedem Namen hier bei uns stecken Schicksalsschläge“, sagt die Teamleiterin. Der eine sei im Hotel aufgefunden worden, der andere mit dem Fahrrad gestürzt. Einer war früher wissenschaftlich tätig, der andere Handwerker. „Es kann jeden von uns treffen“, meint Alice Walz. Eine Schicht in der Beatmungs-WG dauert für sie und ihre Kolleginnen immer zwölf Stunden. Es ist eine anstrengende Zeit – körperlich und seelisch.

Geschäftsführer Lars Heine hat sein Unternehmen in Schulzendorf  im November 2014 gegründet

Geschäftsführer Lars Heine hat sein Unternehmen in Schulzendorf im November 2014 gegründet .

Quelle: Müller

Durch die immer besser werdende medizinische Versorgung überleben immer mehr Menschen Unfälle und Krankheiten, an denen sie noch vor fünf oder zehn Jahren gestorben wären. So steigen die Zahlen beatmeter Patienten stetig. Nicht alle können von den Maschinen wieder entwöhnt werden. „Wir haben sehr viele Nachfragen nach Plätzen in unserer Beatmungs-Wohngemeinschaft,“ so Lars Heine. Er denkt daran, eine weitere Wohngemeinschaft dieser Art aufzubauen. Jetzt ist er aber erst einmal dabei, seinen Firmensitz aus dem eigenen Familienhaus in ein neu gebautes Bürogebäude zu verlegen. Es befindet sich ebenfalls in Zeesen und soll noch im Mai fertig werden.

Die Warteliste ist lang

Der Pflegeplatz für eine Beatmungs-Intensivpflege ist sehr teuer. „Er wird aus verschiedenen Töpfen finanziert“, sagt Lars Heine, der selbst gar nicht aus der Medizin-Branche kommt, sondern von Haus aus ein Kaufmann ist. Der hohe finanzielle Aufwand erkläre sich zum einen aus der teuren Beatmungs-Technik, aber auch durch den hohen Aufwand an Intensivpflege.

Andre wird nicht mehr lange in der Schulzendorfer Wohngemeinschaft sein. Seine Mutter hat ein Haus in Großziethen gebaut, in das sie mit ihrem Sohn einziehen möchte. Schon beim Richtfest konnte Andre sein neues Heim sehen. Er freut sich sehr darauf. Mit dabei wird ein fünfköpfiges Pflegeteam sein, das ihn auch dort rund um die Uhr versorgt. Auf den Platz in seinem Zimmer warten schon viele. „Der Bedarf ist riesig“, sagt Heine.

Von Andrea Müller

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