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Die Frauen vom Annagarten

Oranienburg Die Frauen vom Annagarten

Neun Frauen berichten über ihr Leben und ihr Schicksal im Annagarten. Die Filme stehen im Mittelpunkt der neuen Ausstellung „Die Frauen vom Annagarten – vom Rand der Stadt in die Mitte der Gesellschaft“ , die ab 14. November im Bürgerzentrum zu sehen ist.

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Liselotte Fritz ist die älteste Bewohnerin des Annagartens. Ihr Bild von sich hat die Ausstellungsmacher für das Logo inspiriert. „Das rote Kleid habe ich noch“, sagt die 82-Jährige.

Quelle: Heike Bergt

Oranienburg. Liselotte Fritz ist eine kleine, freundliche Frau. Mit einer Perlenkette hat sie sich geschmückt. Sie lacht viel und hilft gern „beim Fegen. Draußen im Hof“ des Annagartens. Dort ist sie seit 1962 zu Hause. Die gebürtige Rostockerin war mit 17 in eine Pflegeanstalt eingewiesen worden, kam mit 20 in die Psychiatrie in Brandenburg-Görden und von dort in den Annagarten nach Oranienburg. Seitdem ist es ihr Zuhause. 2002 bekam sie mit dem Neubau von Häusern in der Tiergartenstraße 240 ein eigenes Zimmer. Mit damals 68 Jahren.

Liselotte Fritz ist eine von neun Frauen, die in der neuen Ausstellung ihr bewegendes Schicksal vor der Kamera erzählt haben. Die multimediale Exposition ist eine Zeitreise durch 90 Jahre, in der die Lebenssituation von Menschen mit Behinderung in Deutschland erklärt wird. Ab 14. November ist die Ausstellung „Die Frauen vom Annagarten – vom Rande der Stadt in die Mitte der Gesellschaft“ im Bürgerzentrum in der Albert-Buchmann-Straße für jedermann zu sehen.

Die Idee dafür hatte der Leiter des Wohnverbundes Annagarten, André Morawski und seine Stellvertreterin Jacqueline Pilz. Das war vor anderthalb Jahren. Gestaltet hat die Exposition die Agentur „berlingeschwister“. Die Ausstellung ist barrierefrei in jeder Hinsicht. Nicht nur, dass die acht Tische zu neun Jahrzehnten so aufgestellt sind, dass man mit dem Rollstuhl gut heranfahren kann, die Schrift ist groß gewählt, die Texte in einfacher Sprache, die Bildauswahl nicht überladen. Es gibt Texte zum Hören und eben die Schicksale der Frauen zum Ansehen.

Alles begann mit dem ehemaligen Herrenhaus mit Wiesen und Feldern vor den Toren Oranienburgs. Diakonissen aus dem Mutterhaus in Elbingerode im Harz gründeten hier ein „Hauswirtschaftliches Fortbildungsheim“. Sogenannte „gefallene Frauen“, Frauen aus Berliner Gefängnissen, konnten hier eine Ausbildung als Köche, Haushaltshilfe oder an der Nähmaschine machen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Anna­garten Zuflucht für verwaiste Mädchen und Frauen. In den 1950er- Jahren wurde er Heimstatt für behinderte Mädchen und Frauen. Bis zu 80 wurden von 14 Diakonissen betreut. Die führten ein strenges Regime. Die letzten kehrten 2002 ins Mutterhaus zurück. 41 Frauen leben bis heute im Annagarten.

Erna Kämer kam mit 17 Lenzen nach Oranienburg, 1952. „Du brauchst nur zwei, drei Jahre zu bleiben, hieß es. Es ist länger geworden. Alles hinter mit wurde zugeschlossen. Es war wie hinter Stacheldraht“, berichtet sie. „Meine erste Schürze, die ich genäht habe, hab’ ich noch. Juhu, als ich endlich draußen war“, sagt sie. 1997 zog sie in eine Wohngemeinschaft in der Stadt. Mit 68.

„Wir mussten uns mit eiskaltem Wasser waschen, hatten weder Waschbecken noch Klo“, berichtet Sigrid Schwarz. Wir haben so viel gearbeitet, mussten immer leise sein. Nur Kartoffeln sammeln draußen, das war schön“, sagt sie und weint, als sie alte Fotos davon sieht. Sigrid Schwarz kam mit 14 in den Anngarten. Seit 2010 lebt sie in einer eigenen Wohnung. Beim Auszug war sie 51 Jahre alt.

„Die Ausstellung würdigt die Frauen und ihr Leben. Für viele schloss sich bei einer Einweisung die Tür. Manches Schicksal war damit besiegelt“, so Morawski. Der Annagarten war exemplarisch dafür, wie Behinderte an den Rand der Stadt geschoben worden. Aber auch dafür, wie sie „heute hier selbstbestimmt leben“. 1993 übernahm das Evangelische Johannesstift die Einrichtung und entwickelte sie zum Wohnverbund mit mehreren Standorten. Baute neu.

Liselotte Fritz hat bald Geburtstag. Was sie sich wünscht? „Eine Uhr und eine CD. Ich höre doch so gern Musik. Ich glaube, das wird was“, sagt die kleine Frau und lacht.

Von Heike Bergt

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