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Frankfurt (Oder) Frankfurt, meine Perle
Lokales Frankfurt (Oder) Frankfurt, meine Perle
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17:16 10.04.2018
Frankfurt an der Oder: Das Rathaus im Zentrum der Grenzstadt.  Quelle: dpa
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Frankfurt(Oder)

 Wenn uns damals, Ende der Neunziger, als Berlin noch voller Baukräne und Rave war, jemand in den coolen Läden in Kreuzberg gefragt hat, wo wir herkommen, haben wir immer schüchtern und auf Hochdeutsch „Frankfurt“ gesagt, und gehofft, dass niemand nachfragt, aus welchem. Wir fuhren wieder nach Hause, sahen aus dem Zugfenster hinter Erkner die ersten Hakenkreuz-Graffitis und beteten, dass keine Nazis einsteigen würden. Wenn irgendwo von Frankfurt (Oder) die Rede war, dann hatten sicher Nazis stundenlang einen Punk gefoltert, oder die Bürger hatten in einem Referendum eine Straßenbahnverbindung in die polnische Schwesterstadt Słubice mit 83 Prozent abgelehnt.

Uns Fortgezogene hätte es nicht überrascht, wenn uns in den vergangenen zwei Jahren auch aus Frankfurt Nachrichten von Aufmärschen gegen Flüchtlinge erreicht hätten. Wenn sich irgendein lokaler Fußballer oder Ex-Komiker zum Sprecher einer fremdenfeindlichen Bewegung gemacht hätte. Was man halt so kennt aus Cottbus und Nauen, aus Dresden und Freital.

Frankfurt (Oder), 60 000 Einwohner, seit der Wende um ein Drittel an Leuten geschrumpft, gut halb so voll wie Cottbus, hoch verschuldet, mit einer Kinderarmutsquote von fast 30 Prozent, wäre doch nach allen Maßstäben der perfekte Standort für ein nächstes preußisches Pegida gewesen. Aber entweder ist die Normalität anders geworden, oder die Maßstäbe waren falsch. Jedenfalls hat sich die Stadt verändert, in der wir unsere Eltern zurückgelassen haben. Und jetzt ist das erst richtig zu sehen.

Frankfurt hat sich verändert

Frankfurt ist eine unsentimentale, frühere Bezirksstadt mit ein paar vom Krieg verschonten Kirchen und großer Magistrale, auf der man prima Paraden abhalten konnte. Eine Mischung aus zurückkehrender Natur und Neuaufbau. Die Straßenbahn bimmelt am prachtvollen alten Kino vorbei, das seit 20 Jahren verrottet wie ein alter Wolga im Straßengraben. Ein paar Schritte weiter unten strahlen die Unigebäude mit ihren graffitilosen Sandsteinfronten die Oder an. Was mit Frankfurt geschehen ist, wird man als allerletztes im Stadtbild sehen können. Noch kann man es vor allem hören.

Am Sonntag entschied der auch von den Grünen unterstützte Linken-Politiker René Wilke mit 62,5 Prozent die Oberbürgermeister-Stichwahl für sich – und löst nun seinen Namensvetter Martin Wilke, den parteilosen, amtierenden Bürgermeister, ab. Es ist das erste Mal, dass die Linke in Brandenburg einen Oberbürgermeister stellt. In der ersten Wahl-Runde erreichte die AfD um die 17 Prozent, die CDU 14,2. Und der SPD-Kandidat erhielt unfassbare fünf Prozent. So ist die neue Frankfurter Normalität: In der Stichwahl am Sonntag gab es keinen Kandidaten, der auch nur ansatzweise fremdenfeindlich ist. Die beiden Wilkes wollen die Stadt noch mehr öffnen. Für Studenten, Investoren und, wenn es sein muss, für Flüchtlinge.

Die Stadt hat sich gedreht

Man hätte es schon bei Alexander Gauland letztes Jahr mitkriegen können, als er bei der Bundestagswahl gegen den Merkelianer Martin Patzelt (CDU) verlor: Frankfurt ist kein gutes Pflaster mehr für Nazis und Rechtspopulisten. Aber wann zum Teufel ist das passiert? Was haben wir verpasst? Sind wir nicht geflohen, weil wir dachten, aus dieser Stadt würde im Leben nichts mehr?

Mitte der Neunzigerjahre erschien in Frankfurt (Oder) ein neuer Stern am Nazihimmel. Er hieß Jörg Hähnel und war noch nicht sehr lange volljährig. Aber schlau war er. Er machte aus dem Haufen gröhlender Faschos eine Truppe mit einem Plan. Plötzlich pflanzten die Nazis deutsche Eichen im Neubauviertel. Hähnel und seine Leute traten mit Akustikgitarren im Altersheim auf, wo sie im gebügelten Hemd schunkelnden Rentnern das Schlesierlied vortrugen. Sogar im Öffentlich-Rechtlichen tauchte er auf und sagte mit seinem Lausbubengesicht: „Wir müssen vor Ort versuchen, das Thema Nation wieder ins Volk zu bringen.“ Es gab Verletzte. Um uns herum, in Eisenhüttenstadt, Fürstenwalde, die ersten Toten.

Heute gibt es fast keine Nazis mehr in Frankfurt. Nirgends mehr Cliquen von Bomberjackenträgern, aber auch fast kein Thor Steinar. Neulich wurde mal ein Nazikonzert aufgelöst, aber ansonsten sind sie komplett von der Leinwand verschwunden. Wenn man Sozialarbeiter, Politikerinnen und damalige Linke fragt, woran das liegt, dann kann es keiner genau erklären. Eine These ist: Es wollten eben auch die Nazis weg von hier. Eine andere Erklärung: Die Nazis von einst sind älter geworden, haben Familien gegründet, wählen heute AfD. Und wieder andere sagen: Es gab damals eine Reihe von Friedensverhandlungen mit den Linken und der Antifa.

Der linke Kandidat René Wilke hat Frankfurts Neonazijahre auch erlebt. Trotzdem ist er geblieben, als einer von dreien seines Abi-Jahrgangs. Wenn man ihn fragt, warum, dann muss er überlegen. Und dann sagt er: „Man kann hier leichter Spuren hinterlassen.“ Wilke, ein Mann mit Glatze und Hornbrille, dessen mönchisches Lächeln nie ganz aus seinem Gesicht verschwindet, hat einen erstaunlichen Wahlkampf geführt. Er hat Hoffnung verbreitet wie lange keiner vor ihm in dieser Stadt: Darauf, dass viele großstadtgeplagte Berliner bald hierherziehen könnten. Oder dass die Studenten endlich auch in Frankfurt leben werden und nicht nur studieren.

Für die Stadt etwas getan

Aber er hat auch etwas getan, was Frankfurter nur Leuten erlauben, die hier geboren sind: Er hat sie kritisiert, ziemlich grundsätzlich. Er wolle eine neue politische Kultur. Runde Tische, Expertenwissen, mehr Gemeinwohlorientierung, mehr junge Leute, mehr Frauen in der Verwaltung, und ein Ende des Hasses, den die Stasi gesät hat. Damit – und vielleicht auch mit ein paar guten Werbevideos – hat er in Frankfurt etwas ausgelöst.

Vor allem ältere Leute wollen wissen, wie er es schaffen wolle, sich nicht korrumpieren zu lassen, wenn er einmal an der Macht sei. Ob er als Bürgermeister aus seiner Partei austreten werde. Wilke hat etwas angestochen, das sehr tief in vielen Ostdeutschen sitzt, nämlich das Unverständnis über die graue Welt des westdeutsch geprägten Politikbetriebs: Proporzentscheide und Parteiloyalitäten, geschlossene Reihen, Parteikarrieren und politischen Opportunismus. Er widersteht in solchen Momenten der Versuchung, auf diesem Unverständnis zu surfen. Es scheint, als empfinde er diese Versuchung gar nicht.

Parallelgesellschaft Uni

Die Viadrina ist die beliebteste Uni Deutschlands, aber die Stadt ist es nicht. 6500 Menschen aus über 100 Ländern studieren in Frankfurt, aber wenige leben hier. Das Semesterticket ermöglicht es, in Berlin zu leben und den halbstündigen Regionalexpress nach Frankfurt als S-Bahn zu benutzen. Alle in Frankfurt wollen, dass das anders wird. Die Studenten sollen die Straßen beleben, sie sollen die Wirtschaft anschieben. Sie sollen Frankfurt etwas von der Bedeutung wiedergeben, die die Stadt einmal hatte. Vielleicht können sie etwas von der Traurigkeit des Verlassenwerdens von den Straßen kehren. Nur, wie bringt man Studenten einer Eliteuni dazu, nach Frankfurt an der Oder zu ziehen? Vielleicht ist das ein Grund dafür, warum in dieser Stadt kaum jemand über Flüchtlinge redet: Dass es bereits eine Parallelgesellschaft gibt. Keine, die bekämpft wird. Eher eine, die man verstehen will. „Um die Studenten hierherzukriegen“, meckert eine ältere Frankfurterin, „müssen hier alle endlich ’n bisschen freundlicher sein.“

Was wäre eigentlich, wenn es im Osten mehr Städte wie Frankfurt gäbe? Wenn dort an manchen Orten, im Windschatten von Pegida, eine neue Kultur der Offenheit entstanden wäre? Eine ostdeutsche Weltoffenheit, die nicht von 68ern geprägt wäre, sondern von schlichter, purer Vernunft.

Über den Autor:

Christian Bangel (39) lebt in Berlin, seine Heimatstadt Frankfurt (Oder) aber begleitet er seit Jahren – zuletzt veröffentlichte der ZEIT-ONLINE-Redakteur den Roman „Oder Florida" über seine brandenburgische Heimat. Dieser Text ist in einer längeren Fassung zuerst bei ZEIT ONLINE erschienen.

Von Christian Bangel

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