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„Für Rollis ist eine Stufe schon zu viel“

25 Jahre Behindertenverband Osthavelland „Für Rollis ist eine Stufe schon zu viel“

Vor 25 Jahren wurde der Behindertenverband Osthavelland gegründet. Seit 2008 steht Monika Bark an der Spitze. Ihr Stellvertreter ist seit 2014 der Nauener Bodo Jannasch. Derzeit gibt es 66 Mitglieder.

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Vorsitzende Monika Bark und ihr Stellvertreter Bodo Jannasch.

Quelle: Tanja M. Marotzke

Havelland. Die Nauenerin Monika Bark (59) steht seit 2008 an der Spitze des Behindertenverbandes Osthavelland. Ihr Stellvertreter ist der 54-jährige Nauener Bodo Jannasch.

MAZ: Am Donnerstag feiern Mitglieder, Freunde und Partner des Behindertenverbandes Osthavelland die Gründung des Vereins vor 25 Jahren. Aber der Gründungstag war doch im April...

Monika Bark: Ja, es war der 22. April 1990. Wir wollten eben die Party in den Sommer verlegen, im April hatten wir noch Wahlen und viel Arbeit.

Erinnern Sie sich noch an diesen Gründungsakt und die, die das damals ins Leben gerufen haben?

Bark: An alle nicht. Die erste Vorsitzende war Annegret Sandrock aus Falkensee. Dann gab es noch das Ehepaar Eva und Claus Mewes aus Falkensee. Ich glaube, es waren insgesamt zehn Leute.

Heute hat der Verband 66 Mitglieder. Aus welchen Regionen kommen die?

Bodo Jannasch: Die meisten leben in Nauen und Falkensee. Andere kommen aus Kienberg, Ketzin/Havel, Schönwalde-Glien und Berge. Eine bunte Mischung. Wir würden uns freuen, wenn es mehr Mitglieder wären.

Ist Barrierefreiheit zu schaffen die wichtigste Aufgabe des Verbandes?

Bark: Es ist ein Schwerpunkt unserer ehrenamtlichen Arbeit, auch wenn nicht alle Behinderten im Rollstuhl sitzen. Ich denke schon, dass behindertengerechte Zugänge zu öffentlichen Gebäuden, wie jetzt der Fahrstuhl ins Nauener Rathaus, oder Behinderten-WCs ganz oben auf der Prioritätenliste stehen sollten.

Der Behinderverband ist bei öffentlichen und privaten Bauvorhaben mit im Boot. Sie werden beteiligt und hinzugezogen, wenn zum Beispiel ein Rathaus oder ein Dorfgemeinschaftshaus entstehen soll. Das schafft nicht überall Freunde oder?

Jannasch: In der Regel wissen Bauherren und Investoren, was auf sie zukommt. Bei öffentlichen Bauvorhaben ist alles sehr einfach und es läuft reibungslos. Aber es gibt auch einige, die uns austricksen wollen oder ’zufällig’ vergessen haben, uns zu befragen. Das sind dann private Bauherren und deren Architekten. Aber mit dem Bauordnungsamt des Landkreises und der Stadt Nauen stehen wir in engem und guten Kontakt. Unsere Stellungnahmen nach erfolgter Einschätzung sind mit ein wichtiger Bestandteil für das Baugenehmigungsverfahren. Natürlich gehen wir manchmal dabei auch ungern nötige Kompromisse ein.Ein Beispiel: Wenn vor einem Restaurant keine Rampe für Rollstuhlfahrer entstehen kann, reicht eine Klingel draußen. So wie beim „Toro Negro“ oder dem Café Schäfer in Nauen. Der Rollifahrer meldet sich an, dann kommt jemand vom Personal und hilft ihm rein. Für Rollis ist eine Stufe schon zu viel.

Bark: Mit meinem E-Rolli komme ich maximal über eine Schwelle von drei Zentimetern. Mehr geht nicht.

Welche baulichen Erfolge kann der Verband vorweisen?

Bark: Früchte tragen unsere regelmäßigen Stadtbegehungen in Nauen, wo wir auf Hindernisse und abzusenkende Bordsteine aufmerksam machen. Solche Rundgänge gibt es auch in Schönwalde. Leider noch nicht in Brieselang, Ketzin oder Wustermark. Darum müssen wir uns mehr kümmern, aber mit den wenigen Leuten, die alle ehrenamtlich arbeiten, ist es schwierig. Ich freue mich über die Fahrstühle an den Bahnhöfen in Wustermark und Elstal, den Umbau den Rathäuser Falkensee und Nauen. Und auch, wenn eine Zahnarztpraxis in Falkensee einen behindertengerechten Zugang schafft. Wie gesagt, es sind immer mehr Menschen mit Rollator unterwegs, die davon profitieren.

Wie bewerten Sie die Zusammenarbeit mit dem Kommunen im Osthavelland?

Bark: Also in Nauen und Falkensee läuft es prima. Das liegt möglicherweise auch daran, dass es in der Falkenseer Verwaltung eine Behindertenbeauftragte gibt. Solch einen Ansprechpartner wünsche ich mir überall. Es liegt aber nicht nur an den Kommunen, wenn es nicht so klappt. Wir sind eben nur fünf Leute aus dem Vorstand, die sich um solche Dinge kümmern können.

Der Verband hat in der Ketziner Straße in Nauen seinen Sitz und gleichzeitig dort die Kontakt- und Beratungsstelle. Kommen behinderte Menschen aus anderen Orten denn dorthin?

Bark: Ja und nein. Wir haben einen Fahrdienst, der auf Antrag Behinderte von Zuhause abholt, zu Behörden, zum Einkaufen, oder zur Beratungsstelle fahren kann. Der Nutzer zahlt lediglich den ÖPNV-Tarif, den Restbetrag übernimmt der Landkreis. Dazu gibt es eine Vereinbarung über Fahrgeldzuschüsse. Trotzdem möchten wir in den Kommunen einmal im Monat eine mobile Beratung anbieten. Darum werden wir uns demnächst bemühen. Zumal der eine Kleinbus, den der Behindertenverband hat, nicht mehr ausreicht. Ein zweites Fahrzeug wäre so wichtig, um die Behinderten noch mehr am normalem Leben teilhaben lassen zu können. Wir können dieses Fahrzeug allein nicht bezahlen. Wir können uns nur beteiligen. Der Bedarf ist jedenfalls stark gestiegen, das merken wir an den Anfragen.

In der Vergangenheit war der Verband immer wieder in Turbulenzen. Es gab finanzielle und personelle Probleme. Sind die überwunden?

Bark: Ohne die Hilfe des Landkreises hätten wir vor ein paar Monaten vor dem Aus gestanden. Denn wir haben eine Einnahmequelle verloren. Wir mussten den Transport von Kita-Kindern in die Integrations-Kitas aufgeben, weil wir die gesetzlichen Voraussetzungen nicht mehr erfüllt haben. Dank der Unterstützung des Kreises können wir unsere Arbeitskraft bezahlen, ein Teil der Sach- und Kfz-Kosten wird auch übernommen.

Und die Meinungsverschiedenheiten aus den Jahren 2007 bis 2009 an der Verbandsspitze sind ausgeräumt?

Bark: In diesen Jahren gab es eine Vereinsführung, die bewirkte, dass sich das gute Verhältnis zum Landkreis und der Stadt Nauen deutlich verschlechterte. Rund 30 Mitglieder haben den Verein aus Unzufriedenheit verlassen. Ich schätze es so ein, dass der damalige Führungsstil einer erfolgreichen Vereinsführung nicht dienlich war. Es gab Streit, eigenmächtige Handlungen und falsche Entscheidungen. Mühsam musste danach der Verein wieder auf die Füße kommen und abgebrochene Kontakte und Vertrauen wieder aufbauen. Das taten wir mit viel Geduld. Finanziell haben uns aus dieser Zeit noch Folgekosten belastet, die wir nur mühsam begleichen konnten. Das ist aber vorbei. Wir schauen nach vorn.

Die Mitglieder des Verbandes sind zwischen 60 und 70 Jahren. Zehn sind auf den Rollstuhl angewiesen. Trotzdem schaffen Sie es, sich regelmäßig zu treffen und auch zu feiern...

Jannasch: Das gehört dazu. Sommerfest, Weihnachtsfeier und Ausflüge werden organisiert. Viele Rollis machen mit bei der Sportgruppe Locker vom Hocker, die in den Fliednerwerkstätten in Nauen Sport treibt. Es gibt eine Schwimmgruppe, die das Bad in der Klinik Nauen nutzen darf. Schade, dass die Rollstuhltanzgruppe 2007 aufgelöst werden musste, weil die Trainerin verstorben ist. Der Altersschnitt der Mitglieder resultiert aus der Tatsache, dass behinderte Kinder und Jugendliche heute immer mehr in der Schule integriert sind. Das ist gut so, aber uns fehlt dadurch Nachwuchs für den Verein und für Vereinsarbeit.

Zu den Personen

Die Vorsitzende Monika Bark ist 59 Jahre alt. Sie wurde in Nauen geboren, ist verwitwet, hat ein Kind. Von Beruf ist sie Finanzökonom.

Der Stellvertreter Bodo Jannasch ist 54 Jahre alt. Er stammt aus Jännersdorf/Prignitz, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er ist gelernter Zimmermann und Baufacharbeiter.

 

Von Jens Wegener

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