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453 Schwerbehinderte im Havelland sind arbeitslos

Auch Jennifer Dresel ist auf einen Rollstuhl angewiesen 453 Schwerbehinderte im Havelland sind arbeitslos

Jennifer Dresel will ihr Glück in Worte fassen, doch die neue Aufgabe hat ihre Spuren hinterlassen. Die junge Frau ist heiser und muss sich erst einmal räuspern.

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Glücklich im Job: Jennifer Dresel fühlt sich endlich wieder wohl.

Quelle: Juliane Primus

Falkensee. Seit einer Stunde spricht Dresel nahezu ununterbrochen: am Telefon, neben dem Regal mit den Stützstrümpfen, hinter der Kasse. Als Angestellte im Sanitätshaus Kniesche in Falkensee huscht die 24-Jährige durch das Geschäft, sie erklärt, berät und kassiert. Das allein wäre nichts Besonderes. Doch Jennifer Dresel ist auf einen Rollstuhl angewiesen.

"Dass eine gehandicapte jungen Frau auf dem ersten Arbeitsmarkt integriert wird, ist bei uns leider nicht alltäglich", sagt Petra Andrea Müller vom Jobcenter in Nauen. Im Landkreis Havelland suchen zurzeit 453 Schwerbehinderte einen Job und sind auf Sozialhilfe angewiesen. Eine Übersicht, wie viele Schwerbehinderte in den vergangenen Jahren vermittelt worden sind, kann Müller nur für 2012 liefern: Zwischen Januar und Oktober unterschrieben 23 einen Arbeitsvertrag. Fündig werden laut Müller einige, wenn Lagerarbeiter, Verstärkung im Büro oder im Verkauf gesucht wird.

So war es auch im Sanitätshaus in Falkensee. "Ich sah im Laden den Bewerbungsaufruf", erzählt Jennifer Dresel, die selbst Kundin ist und jahrelang keinen Job fand.

Jennifer Dresel kam mit einem offenen Rücken zur Welt. Trotz der Fehlbildung ihrer Wirbelsäule spürt sie etwas in ihren Füßen, kurze Wege kann sie auf Stützen gehen. "Seit wir in Falkensee barrierefrei wohnen, nehme ich fast nur noch den Rollstuhl. Das ist komfortabler." Mit ihrem neuen Sportrolli kann sich Dresel einfacher drehen und auch schneller fahren ‒ sie will so gut es geht mithalten mit Nichtbehinderten. Als Kind ging sie auf eine normale Schule, machte in ihrer Heimatstadt Dresden erst einen Realschulabschluss und begann die Ausbildung zur Bürokauffrau. Dann brach sie die Ausbildung ab und zog "der Liebe wegen" nach Brieselang. Seit 2008 ist Dresel glücklich verheiratet, doch nach einem Job im Havelland und Berlin suchte sie vergeblich. "Ich habe mindestens 50 Bewerbungen geschrieben." Erst wollte sie sich damit abfinden, dass der Mann arbeiten geht und sie zu Hause auf ihn wartet. "Aber mir fiel die Decke auf den Kopf."

Das Jugendcoaching, eine mehrmonatige Maßnahme des Jobcenters, motivierte Dresel zum Schreiben von Bewerbungen. "Mein Berater hat mir immer wieder gut zugesprochen, nicht den Mut zu verlieren", sagt Jennifer Dresel. Sie bewarb sich beim Sanitätshaus.

"Ich ließ ihre Unterlagen erst einmal liegen, weil ich nicht wusste, wo ich Frau Dresel unterbringen kann", erzählt Geschäftsführerin Marit Kniesche. Doch manchmal warten zehn Kunden im Laden und alle Mitarbeiter sind zum Vermessen in den Kabinen. "Da ist es gut, wenn jemand kassieren oder Anrufe annehmen kann", meint Kniesche. "Ich rief sie an und hörte ihre aufgeweckte Stimme. Da wusste ich: Das klappt." Eine Behindertentoilette war schon da ‒ wenn auch eine Etage tiefer. Das Jobcenter beteiligt sich mit einem Eingliederungszuschuss an Dresels Gehalt.

20 Stunden pro Woche arbeitet sie nun im Laden. "Mein Mann sagt, ich bin seitdem viel fröhlicher, wie ausgewechselt." Bis Dezember möchte sie auf 40 Stunden aufstocken, denn bisher klappt alles wunderbar. "Alles ist in Reichweite, ich komme überall heran." Hängt ein Schrank doch zu hoch, fragt sie ihre Kolleginnen. "Die Mädels sind immer da, sie sind toll!"

Von Juliane Primus

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