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Havelland Ali Hassan leidet mit seinen Landsleuten
Lokales Havelland Ali Hassan leidet mit seinen Landsleuten
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07:41 14.08.2014
Ali Hassan vor dem Rathenower Kulturzentrum. Er trägt ein T-Shirt mit einem Foto von der Grabstätte Scheich Adis in Lalisch, dem heiligen Ort der Jesiden. Quelle: M. Kniebeler
Rathenow

Wie würde man reagieren, wenn man – fernab von der Heimat – Bilder sähe von Verwüstungen und Gewalt im Land, in dem man seine Jugend verbrachte? Wenn man hungernde Kinder sähe und sterbende Greise? Wenn man die Angst sähe in den Gesichtern der Landsleute? Den Schmerz und die Trauer? Schwer vorstellbar.

Ali Hassan weiß, wie es sich anfühlt. Jeden Abend sitzt er vor dem Fernseher in der Potsdamer Straße und kann sich nicht losreißen von den Bildern, die aus dem Norden Iraks gesendet werden. Bilder von flüchtenden Menschen, die panikartig Hab und Gut verlassen, weil sie um ihr Leben fürchten. Und die dann in der unwirtlichen Umgebung des Sindschar-Gebirges auf Hilfe warten. Ohne Nahrung, ohne Wasser, bei 40 Grad im Schatten. „Mein Herz tut weh“, sagt Ali Hassan nur. Damit ist alles gesagt.

Ali Hassan ist Jeside.

Bis vor wenigen Wochen wussten nicht viele Menschen in Deutschland, was ein Jeside überhaupt ist. Aber seit Beginn der Berichte über die Jagd, die die radikalislamistische Terrorgruppe Islamischer Staat auf die Jesiden macht, ist deren Schicksal kein unbekanntes mehr.

Die Jesiden sind eine religiöse Minderheit unter den mehrheitlich muslimischen Kurden. Die Religion vereint Elemente altorientalischer Religionen. Als Jeside wird man geboren, beide Eltern müssen jesidischer Abstammung sein. Weil es keine Möglichkeit gibt, zu konvertieren, wird auch nicht missioniert. „Das Jesidentum ist eine ganz friedliche Religion“, sagt Ali Hassan. „Es gibt keine Armee, wir haben keine Waffen.“ Und er erwähnt in diesem Zusammenhang, dass er viele muslimische und christliche Freunde habe.

Der 25-Jährige ist in Khanasor aufgewachsen, einer Kleinstadt im Norden Iraks.

Der heilige Ort der Jesiden, Lalisch, ist rund 100 Kilometer entfernt. Auch Ali Hassan ist schon zum Grab von Scheich Adi, der von den Jesiden verehrt wird, gepilgert. Heute wäre das nicht mehr möglich, weil die Region in Nordirak Kampfgebiet zwischen Kurden und Islamisten ist.
Allerdings leben die Jesiden nicht erst seit den jüngsten Ereignissen gefährlich. Seit Ali Hassan denken kann, waren er und seine Familie den Übergriffen radikaler Muslime ausgesetzt. Junge Mädchen wurden verschleppt, Familien unter Druck gesetzt. „Ihr müsst Muslime werden, oder wir töten Euch“ – diese Drohung klingt Ali Hassan noch in den Ohren. Im Jahr 2008 wurde aus der Drohung bitterer Ernst. Ein guter Bekannter der Familie wurde von radikalen Moslems ermordet. Das war der Punkt, an dem Ali Hassans Eltern den Entschluss trafen, die Heimat zu verlassen.

Asyl in Rathenow

Sie stellten einen Asylantrag und kamen über Boitzenburg und Eisenhüttenstadt nach Rathenow, wo sie seit 2010 leben. Vater Salim, 52, Mutter Gulem, 50, Tochter Kari, 16 und Ali. Die Aufenthaltsgenehmigung wurde gerade – wohl auch unter dem Eindruck der aktuellen Ereignisse – um zwei Jahre verlängert. Was dann kommt, ist ungewiss.
Ali und seine Schwester, die ins Jahngymnasium geht, haben sich in Rathenow eingelebt, sprechen sehr gut Deutsch, fühlen sich wohl. Den Eltern fällt es naturgemäß schwerer, sich in der Fremde zurechtzufinden. Bei ihnen ist der Schmerz über den Verlust der Heimat groß.

Der Sport hat Ali Hassan geholfen, in Rathenow Fuß zu fassen.

Hier trainiert er. 2013 wurde er in der Disziplin K1 sogar Deutscher Meister und Europameister. Zu behaupten, dass der Kampfsport für diesen sanften Mann ein Mittel ist, um die Belastungen der Vergangenheit zu verarbeiten, wäre ein bisschen viel der Küchenpsychologie. Aber man liegt durchaus richtig, wenn man sagt, dass der Sport und das harte Training eine willkommene Ablenkung sind von den schrecklichen Bildern aus dem Sindschar-Gebirge, vor denen es kein Entrinnen gibt.

Zu seiner alten Heimat hat Ali Hassan keine Kontakte mehr. Alle Freunde sind im Laufe der Jahre weggegangen, geflohen vor der permanenten Bedrohung, in alle Teile der Welt. In Rathenow hat Ali Flüchtlinge getroffen, die ebenfalls aus der Gegend um Sindschar kommen. Mit ihnen war er am Sonntag bei einer Demonstration in Berlin, um die Weltöffentlichkeit auf den Völkermord in seiner Heimat aufmerksam zu machen. Und um die Staatengemeinschaft um Unterstützung zu bitten.

Zurück zu ziehen in das Land seiner Jugend, das kann sich Ali Hassan nicht vorstellen.

„Ein Leben ohne Krieg und ohne Angst wird es dort nie geben“, sagt er. Aber noch einmal nach Lalisch pilgern, mit seinem Vater, zur heiligen Stätte der Jesiden, das will er tun, wenn die Kämpfe irgendwann aufhören sollten. Und dabei das Land seiner Jugend wiedersehen. „Das ist immer noch Heimat“, sagt er. „Im Kopf und im Herzen.“

Von Markus Kniebeler

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