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Allein im Heim? Fehlanzeige!

Zu Besuch im betreuten Jugendwohnen in Falkensee Allein im Heim? Fehlanzeige!

Christoph (18, Name geändert) lebte acht Jahre lang im Haushalt eines Betreuers in einer so genannten Erziehungsfachstelle. Diese bieten Hilfe für Kinder und Jugendliche. Wir haben ihn in Falkensee besucht. Der junge Mann erzählt, wie es sich in so einem Heim lebt.

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Vernachlässigung und Verarmung von Jugendlichen spielen bei einem Einzug in das betreute Jugendwohnen zum Glück eine untergeordnete Rolle.

Quelle: Marie Wagner

Falkensee. In Kinderheimen sind Kinder und Jugendliche aus verarmten oder verwahrlosten Elternhäusern untergebracht. So besagt es das Klischee. Doch stimmt dieses Vorurteil wirklich? Ein Besuch beim betreuten Jugendwohnen des Arbeiter-Samariter-Bunds in Falkensee soll es zeigen.

Christoph (18, Name geändert) lebte acht Jahre lang im Haushalt eines Betreuers in einer so genannten Erziehungsfachstelle. Diese bieten Hilfe für Kinder und Jugendliche, die mit ihrer aktuellen Lebenssituation so sehr überfordert sind, dass eine gesonderte Betreuung außerhalb ihrer Familien notwendig ist.

Mit 17 zog er dann in das betreute Jugendwohnen um. In dieser Einrichtung leben die Jugendlichen in ihrer eigenen kleinen Wohneinheit und werden von speziellen Betreuern unterstützt. „So können wir Jugendliche ein eigenes selbstständiges und freies Leben führen, ohne dass wir in Krisenzeiten alleine sind“, sagt Christoph. Natürlich ist das kein Sprung ins kalte Wasser: Die jugendlichen Bewohner werden auf ihre Selbstständigkeit vorbereitet, indem sie zuvor drei Monate lang in einer Trainingsgruppe eine Wohnung mit drei weiteren Mitbewohnern teilen.

Die Ursachen für den Einzug in das betreute Jugendwohnen sind verschieden. Glücklicherweise spielt Kinder- und Jugendarmut als Grund für einen Einzug nur in den seltensten Fällen eine Rolle. „Viele verbinden das Kinderheim mit elternlosen Kindern, aber das ist nicht so“, sagt Britta Bohnsack, Erzieherin und Teamleiterin. „Die Jugendlichen kommen aus allen sozialen Gruppen und Schichten.“ Viel mehr führen Konflikte zwischen Eltern und Kindern zu einer Aufnahme. Scheidungen, neue Partnerschaften oder pubertäres Verhalten sind häufig ausschlaggebende Umstände.

Ein Einzug in eine eigene Wohnung mit Hilfe der speziellen Betreuer ist aber keine Einbahnstraße. Selbstverständlich teilen viele Jugendliche den Wunsch, wieder zu Hause zu wohnen. Wenn beispielsweise ein guter Kontakt zwischen Eltern und Kind besteht, dann kann der Jugendliche durchaus auch nach Absprache am Wochenende zu Hause übernachten. Auch Christoph besucht seine Familie, sobald sich eine Gelegenheit anbietet, obwohl er sich in den Wohngemeinschaften meistens wohl fühlt. Der Kontakt mit den Erziehern und den anderen Jugendlichen sei überwiegend unproblematisch, berichtet er. „Es gibt auch mal Auseinandersetzungen. Es kommt immer auch darauf an, wie gut man sich kennt.“

In seiner Freizeit spielt Christoph im Fußballverein und nimmt auch an begleiteten Tagesausflügen der Jugendwohneinrichtung teil. Dabei ist immer mindestens einer der fünf Erzieher, die es in der Falkenseer Jugendwohneinrichtung gibt, dabei. „Auch sonst sind die Betreuer zwölf Stunden am Tag unsere Ansprechpartner und geben uns Hilfestellungen“, erklärt Christoph.

Um die Jugendlichen auf ihrem Weg ins Erwachsenenleben hilfreich begleiten zu können, werden gemeinsam Ziele entwickelt, die stufenweise in Angriff genommen werden. „Ein erreichtes Ziel ist auch für die Betreuer schön“, versichert Britta Bohnsack. Das Hauptziel der Einrichtung ist es, den Jugendlichen beim selbstständig werden in einem eigenen Wohnraum zu helfen. Die Erzieher betreuen die Jugendlichen in den Wohngemeinschaften, helfen bei Antragsstellungen, begleiten sie bei ihrem Auszug und unterstützen sie auch in der Folgezeit, nachdem sie das betreute Jugendwohnen verlassen haben.

Während ihres Aufenthalts in der Einrichtung werden sie finanziell durch das Jugendamt abgesichert. „Sie sind wirtschaftlich normal gestellt. Es gibt in dem Sinne keine Armut“, bestätigt auch Steffen Golz, Koordinator des stationären Bereiches. Das Jugendamt ermittelt für jedes Kind Tageskostensätze. Die Jugendlichen erhalten davon Gelder, die sie selber verwalten müssen. Später wird ihnen dann ein eigenes Konto eingerichtet. So lernen sie, früh Verantwortung für sich zu übernehmen.

Christoph hat das geschafft und blickt optimistisch in seine Zukunft. „Ich werde immer nach vorne gucken, wie es weiter geht“, sagt er. Gemeinsam mit den Erziehern, hat er eine Arbeitsstelle in einer Behindertenwerkstatt gefunden, und auch sein Auszug aus dem betreuten Wohnen steht kurz bevor. Seine Betreuer haben ihm geholfen, eine eigene kleine Wohnung zu finden, in die er in Kürze umziehen wird.

Weil nicht nur Kinder und Jugendliche aus Deutschland Hilfe beim Erwachsenwerden brauchen, wird die Hilfe der Betreuer des Arbeiter-Samariter Bunds bald auch von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in Anspruch genommen werden, die ohne ihre Eltern oder Verwandte nach Deutschland gekommen sind.

Von Marie Wagner

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