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Als die DDR sich an Luther verschluckte

Rathenow Als die DDR sich an Luther verschluckte

Martin Luther zählte in der DDR-Geschichtsschreibung zu den eher ungeliebten historischen Figuren. Bis Erich Honecker sich entschloss, diese Lesart zu verändern und aus Luther politisches Kapital zu schlagen. Wie es dazu kam und ob der Plan aufging, erläuterte der Historiker Martin Roy am Mittwochabend im Kulturzentrum.

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Der Historiker Martin Roy und Bettina Götze, die Leiterin des Kulturzentrums, vor dem Vortrag am Mittwochabend.

Quelle: Foto: Markus Kniebeler

Rathenow. Martin Luther, darüber gibt es keinen ernsthaften Zweifel, war ein Mann, der die Welt verändert hat. Allerdings haben sich Historiker schon immer darüber gestritten, ob zum Positiven oder Negativen. In der DDR-Geschichtsschreibung etwa galt der Reformator lange als Beispiel für den reaktionären Lauf der Geschichte: Ein Bürgerlicher, der sich nach seinem Thesenanschlag auf die Seiten der Fürsten schlug, um die aufständischen Bauern in die Schranken zu weisen.

Um so erstaunlicher war es, dass kein Geringerer als Staatschef Erich Honecker Ende der 70er Jahre begann, diese marxistische Lesart des Reformators zu verändern. Grund war der anstehende 500. Geburtstag Martin Luthers im Jahr 1983. Den wollte Honecker groß feiern – und dafür musste das bis dahin äußerst negative Bild des Mannes aus Wittenberg modifiziert werden.

Martin Roy, Historiker und Journalist aus Potsdam, widmete sich am Mittwochabend im Blauen Saal des Kulturzentrums diesem ebenso spannenden wie ungewöhnlichen Kapitel der DDR-Geschichte. Ungewöhnlich, weil Honecker etwas unternahm, was bis dahin nicht für möglich gehalten worden war. Er machte sich – gegen alle Staatsdoktrin – daran, einen Mann zu rehabilitieren, über den das Urteil längst gefällt war. Und dazu nahm er auch noch Kontakt auf zu den obersten Vertretern der evangelischen Kirche der DDR. Ein Akt, der vor allem den staatstreuen Bürgern schier unglaublich vorkam. Die Ausgabe des Neuen Deutschland vom 14. Juni 1980, in dem Honecker Luther als einen der größten Söhne des deutschen Volkes bezeichnete, war Roy zufolge binnen weniger Stunden ausverkauft. Die Menschen wollten schwarz auf weiß lesen, was sie eigentlich nicht glauben konnten: dass eine der schillerndsten Gestalten des Christentums in einem atheistischen Staat zum Helden gemacht wird.

Martin Roy versuchte, die Gründe Honeckers für dieses Manöver zu benennen. Der Wunsch nach internationaler Anerkennung sei sicher eines der treibenden Motive des Staatschefs gewesen, so der Historiker. Zeit ihres Lebens habe die DDR unter einem Minderwertigkeitskomplex gelitten. Mit der Erhebung des Lutherjubiläums in den Rang eines Staatsaktes habe Honecker die Hoffnung auf internationale Reputation verknüpft. Und auf hochrangige Staatsgäste aus dem Ausland, welche die Wirkungsstätten des Reformators besichtigen und damit der SED-Führung und dem Staat zu weltweiter Aufmerksamkeit verhelfen würden.

Die Frage, ob sich diese Wünsche erfüllt hätten, beantwortete Martin Roy mit einem klaren Nein. Die hochrangigen Staatsgäste blieben im Jubiläumsjahr Mangelware, und in der SED-Führung gab es nicht wenige, denen das enge Zusammengehen mit der Geistlichkeit gehörige Bauchschmerzen bereitete. Nicht der Staat, sondern die evangelischen Kirche sei aus dem Jubiläumsjahr gestärkt hervorgegangen, zog der Referent am Ende seines Vortrags Bilanz. Und er zitierte einen hochrangigen SED-Funktionär, der 1983 nach Abschluss der Feierlichkeiten ein ernüchterndes Fazit zog, das da lautete: „Die DDR hat sich an Martin Luther gehörig verschluckt.“

Von Markus Kniebeler

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