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„Asche aufs Haupt als Zeichen der Buße“

MAZ-Interview zur Passionszeit „Asche aufs Haupt als Zeichen der Buße“

Während die einen sich am kommenden Mittwoch wehmütig von der närrischen Jahreszeit verabschieden, feiern andere den Beginn der Passionszeit. In Milow beginnen evangelische Christen die Fastenzeit mit einem recht ungewöhnlichen Ritual, wie Pfarrer Christoph Seydich im MAZ-Interview verrät.

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Das Pfarrehepaar Christoph und Hilke Seydich trocknet auch in diesem Jahr wieder Buchsbaumzweige für den Aschermittwoch.

Quelle: Ch. Schmidt

Milow. Mit dem Aschermittwoch beginnt eine Zeit der Buße und des Fastens. Wie ein Aschekreuz auf der Stirn helfen kann, neue Wege zu gehen und das eigene Ich kritisch zu hinterfragen, erklärt Christoph Seydich:

MAZ: Welche Bedeutung hat der Aschermittwoch für Christen?

Christoph Seydich: Der Aschermittwoch ist eine Wegmarke im Kirchenjahr. Damit beginnt genau 40 Tag vor Ostersonntag eine Buß- und Fastenzeit beginnt, die Passionszeit. Passion heißt Leidenszeit, weil man in der evangelischen Kirche über den Leidensweg Jesu nachdenkt und in der katholischen Kirche traditionell das Fasten auch vorgeschrieben war. Aber auch in der evangelischen Kirche kommt heutzutage die Idee, die Zeit mit Fasten zu verbinden, stärker in den Vordergrund.

Also war der Aschermittwoch früher für die evangelische Kirche nicht so sehr von Bedeutung?

Seydich: Auch heute wird er in den meisten Gemeinden eher nicht begangen. Wir tun das dagegen sehr bewusst. Wir sind eine der wenigen Gemeinden die Gewicht darauf legen und sagen, wenn wir es schon anfangen, wollen wir es auch richtig machen und den Auftakt dieser Passionszeit auch markieren.

Seit wann machen sie das so?

Seydich: Seit über zehn Jahren feiern wir hier in der Kirchengemeinde den Aschermittwoch bewusst mit einer Andacht und dem Aschekreuzzeichen, das traditionell nur in der katholischen Kirche gemacht wurde. Es wurde in der evangelischen Kirche durchaus überlegt, ob man es miteinbauen kann, aber es machen nicht viele.

Was hat es mit dem Kreuz auf sich?

Seydich: Es ist sozusagen die Markierung. Asche aufs Haupt streuen ist ein altes Zeichen um Buße zu tun, um umzukehren. Ein Zeichen dafür sich zu fragen, wer bin ich eigentlich? Der Mensch ist aus Asche gemacht. Er soll wissen, wer ist und nicht hochmütig vor Gott und seinem Nächsten sein. Dazu gehört es Buße zu tun, umzukehren und zu erkennen, was in mir falsch ist. Es ist das Gegenteil vom politischen Aschermittwoch. Da stellen sich die Politiker hin und sagen, was die anderen falsch machen. Beim kirchlichem Aschermittwoch zeigt man auf sich selbst und fragt, was mache ich falsch und was möchte ich ändern. Die Asche dient als Zeichen der Umkehr, der Buße. Mit dem Kreuzzeichen wird auch eine Richtung angegeben. 40 Tage Vorbereitung, von jetzt an geht es Richtung Karfreitag, Richtung Kreuz wo Jesus für unsere Schuld leidet. So dass man sich auch fragt, wenn der für meine Schuld leidet, was mache ich dann mit meiner Schuld?

Ist es also auch eine Art Reinwaschen von Sünden?

Seydich: So würde ich es nicht nennen. Es ist eher eine Bestandsaufnahme: Wer bin ich und was könnte ich anders machen? In der katholischen Kirchengeschichte war das manchmal sehr stark vorgeschrieben, was die Leute essen oder nicht essen sollten. In der evangelischen Kirche ist das etwas freier gehandhabt. Es gibt Leute die Essen weniger Fleisch oder trinken keinen Alkohol, der nächste sagt ich verzichte auf Autofahren in der Zeit – Autofasten. Letztendlich geht es um fantasievolle, andere Lebensweisen.

Also wäre Handyverzicht auch eine Art Fasten?

Seydich: Zum Beispiel. Der ein sagt, ich verzichte mal darauf jeden Tag vor dem Fernseher zu sitzen und gehe raus spazieren. Es geht nicht nur ums essen, sondern darum, ob ich meine Leben mal alternativ, anders leben kann. Einfach in diesen sieben Wochen mal Alternativen zum üblichen Trott ausprobieren.

Haben Sie selbst ein bestimmtes Ritual oder denken sie sich jedes Jahr etwas anderes aus?

Seydich: Wir halten uns an den Klassiker, keinen Alkohol trinken, keine Schokolade essen, einfach allgemein gesünder Leben und die Kinder machen das sogar ganz gerne mit. Sie sind da sehr ehrgeizig. Es geht darum zu sagen, ich kann auch anders. Nicht immer dieses Gleichmaß, einfach mal eingeschliffenen Sachen überprüfen.

Wie kommt das Ritual mit dem Aschekreuz in der Gemeinde an?

Seydich: Es ist eine neue Idee und da sind die Leute immer ein bisschen zögerlich. Im Havelland sind wir wohl die einzigen, die es machen. Es ist nicht so, dass sie uns die Tür einrennen. Wir sind eine winzig kleine Gemeinde, da kommen so um die zehn, zwölf vielleicht 15 Leute zusammen und feiern eine Abendandacht mit dem heiligen Abendmahl. Ab und zu kommen auch Leute aus den Nachbargemeinden, die sich dafür interessieren. Zum Schluss stehen wir im Halbkreis vor dem Altar, wo ich normalerweise alle segne. An diesem Tag habe ich Asche vom Buchsbaum parat. Ein paar Zweige werden getrocknet und am Tag vorher verbrenne ich sie und mache daraus die Asche.

Die dann wie auf die Stirn kommt?

Seydich: Die Hand wird mit ein bisschen Wasser nass gemacht, dann tauche ich sie in die Asche. Bei den Katholiken ist es meist nur ein Aschetupfer, weil es so viele sind. Wir machen ein richtig schönes schwarzes Kreuz auf die Stirn. Dann stehen sie vor dem Altar, viele freuen sich, manche grinsen sogar ein bisschen, weil sie aussehen wie Kohlearbeiter die aus der Mine kommen. Dann gehen sie fröhlich ihrer Buße entgegen.

Und die Asche muss vom Buchsbaum sein?

Seydich: Das ist die beste. Palmzweige gibt es auch, aber die Buchsbäume sind in der katholischen Kirche in Mitteleuropa die Palmzweige. Den Ritus mit Palmenzweigen haben wir bei uns nicht und deshalb trockne ich immer kurz vor Aschermittwoch ein bisschen Buchsbaum, weil der die beste Asche gibt.

Die ist besonders schwarz?

Seydich: Nein, besonders bekömmlich. Asche kann ja durchaus aggressiv sein. Sie kann mit Wasser vermengt Säure oder Laugen bilden und Hautverletzungen verursachen. Die Asche vom Buchsbaum ist am hautverträglichsten.

Was soll das Kreuz bewirken?

Seydich: Dass die Menschen in ihrem Körper spüren, dass sie umkehren, dass sie anders leben können. Und dies als ein Zeichen annehmen, das ist die Grundidee dabei, die wir vermitteln wollen.

Können auch Nicht-Christen an diesem Gottesdienst teilnehmen?

Seydich: Jeder Gottesdienst, jede Andacht ist für jeden offen bei uns. Das wissen die meisten nicht, aber natürlich jeder dabei sein. Das Aschekreuz kann auch jeder empfangen, während das Abendmahl getauften Christen vorbehalten ist.

Interview: Christin Schmidt

Austeilung des Aschekreuzes

Am Aschermittwoch, 10. Februar lädt die Evangelische Kirchengemeinde Milow um 18.30 Uhr zum Abendgottesdienst ins Evangelische Gemeindehaus in Milow, Stremmestraße 4 ein. In dem modern gestalteten Gottesdienst steht die Reinigung und Erneuerung des Lebens im Mittelpunkt.

Das heilige Abendmahl wird gefeiert und die Teilnehmer empfangen das Aschekreuz auf der Stirn. Die Kirchengemeinde freut sich über jeden, der mit Mut und Fantasie sein Leben erneuern will. Weitere Informationen gibt es bei Pfarrer Christoph Seydich,  0 33 86/28 03 10.

Zur Kirchengemeinde Milow gehören die Orte Milow, Bützer, Böhne, Vieritz, Zollchow und Schmetzdorf.

Im Sommer 2004 hatten das Pfarrehepaar Christoph und Hilke Seydich die Pfarrstelle übernommen. Er stammt aus Westfalen, sie ist gebürtige Berlinerin.

 

Von Christin Schmidt

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