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Auf ein Foto mit dem Präsidenten

Joachim Gauck feierte Erntedank in Falkenseer Kirche Auf ein Foto mit dem Präsidenten

Ausnahmezustand – das ist wohl das Wort, das die Atmosphäre in der katholischen Kirche St. Konrad in Falkensee am Sonntag am besten zusammenfasst. Zu verdanken war der Aufruhr zwei Ausnahmegästen: Bundespräsident Joachim Gauck war gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt zum Gottesdienst gekommen.

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Selfie mit dem Staatschef: Da musste sogar der Sicherheitsmann (hinten links) beinahe lächeln.

Quelle: Jana Einecke

Falkensee. Ein bisschen aufgeregt waren sie dann doch alle. Die 13-jährige Sophia Poller etwa, die als Ministrantin dem Pfarrer das Weihwasser trug und noch nie einen Präsidenten aus der Nähe gesehen hatte. Ihre Mutter Annette, die am Morgen noch schnell welke Weinranken der Erntekrone gegen frische austauschen musste. Und schließlich auch Pfarrer Clemens Pullwitt, der das erste Mal in seinem Leben zusah, wie seine Kirche nach Sprengstoff abgeschnüffelt wurde.

Ausnahmezustand – das ist wohl das Wort, das die Atmosphäre gestern in der katholischen Kirche St. Konrad in Falkensee am besten zusammenfasst. Zu verdanken war der Aufruhr zwei Ausnahmegästen: Bundespräsident Joachim Gauck war gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt zum Gottesdienst gekommen. Anlass war das Erntedankfest, das Gauck jedes Jahr in einer anderen Gemeinde feiert. Wie praktisch, dass gestern der Chor von St. Konrad in Polen und der Familienkreis im Spreewald unterwegs waren – sonst wäre es im Gotteshaus an der Ringpromenade noch enger geworden als es ohnehin schon war. „Normalerweise müssen wir die Wand zum Nebenraum nicht öffnen“, erläuterte Pullwitt. „Aber wegen des Bundespräsidenten war die Kirche natürlich rappelvoll!“

Drei Fragen an...

Joachim Gauck (74), der elfte Bundespräsident Deutschlands, war am Sonntag zu Gast in Falkensee.

Herr Gauck, welche Verbindung haben Sie zu Falkensee?

Ich bin freundlich eingeladen worden. Sonst existiert keine Verbindung (lacht). Am Erntedank gehe ich irgendwo ins Land und feiere einen Gottesdienst. Letztes Jahr war ich auch in Brandenburg, aber in einer evangelischen Gemeinde weit im Osten, und dieses Jahr bin ich eben in der Nähe von Berlin. Eine schöne Atmosphäre hier – sehr lebendig. Ich fühle mich wohl.
Sie sind evangelisch. Wie verschlägt es einen Protestanten in eine katholische Kirche?

Aus zwei Gründen: Früher als evangelischer Pfarrer gab es im Rostocker Neubaugebiet, wo ich arbeitete, eine katholische Kirche. Jeden Sonntag, wenn die Heilige Messe vorbei war, habe ich dort Gottesdienst gehalten. Und jetzt komme ich als Präsident. Das heißt: Ich bin zwar evangelisch, will aber auch sehr stark die katholischen Christen im Land beachten. Dazu gehört etwa, dass ich auf dem Katholikentag zu Gast bin und die Bischofskonferenz zu mir einlade. Und ich gehe eben auch mal in einen Gottesdienst.
Bei den Liedern im Gottesdienst eben waren Sie erstaunlich textsicher, obwohl Katholiken und Protestanten durchaus unterschiedliche Lieder singen. Das Glaubensbekenntnis allerdings haben Sie ein bisschen abgewandelt, oder? Sie hätten ja auch sonst sagen müssen: „Ich glaube an die heilige katholische Kirche“.

Im Gotteslob, dem katholischen Gesangbuch, findet man sehr viele Lieder, die zum Kernbestand des evangelischen Liedguts gehören. Wenn man sie so lange gesungen hat wie ich, kann man sie einfach (lacht). Und ja, die katholische Kirche habe ich weggelassen. Bei uns heißt es die heilige christliche Kirche. Aber das meint eigentlich das gleiche.

Allerdings. Alle Bänke und Stühle waren besetzt, die Empore auch. Die Besucher drängelten von draußen nach, bis die Sicherheitsleute einschritten. Viele Falkenseer dürften vor allem wegen der beiden Promis gekommen sein. Trotzdem verlief der Gottesdienst weitgehend wie ein normales Hochamt mit Singen und Fürbitten, Predigt und Segen, Abendmahl und Vaterunser. Als Thema hatte sich Pfarrer Pullwitt das Teilen und den Wert von Lebensmitteln ausgesucht. Nicht von ungefähr: Vor dem Altar stapelten sich Körbe unter anderem gefüllt mit Kohl, Birnen, Brot und Nudeln – Dinge, die die Gläubigen zu Erntedank der Tafel für bedürftige Falkenseer spenden wollten.

Über dem präsidialen Haupt in der ersten Reihe leuchteten derweil die Weinranken der Erntekrone. Im Gegensatz zu den anderen Gästen sang Gauck die meisten Lieder ohne die Hilfe seines nagelneuen Gesangbuchs, das ihm Pullwitt zur Begrüßung überreicht hatte. Auch sonst kannte sich der protestantische Präsident offensichtlich gut aus im katholischen Ritual, das auf Laien mit dem Aufstehen, Hinknien und den Gesängen durchaus unübersichtlich wirken kann. Nur auf die Teilnahme am Abendmahl verzichtete er selbstredend.

Hatte sich das Publikum während der Messe im Zaum gehalten und nur ganz selten das Handy für ein Gauck-Foto gezückt, brach sich anschließend vor der Kirche der ganze Kult ungebremst Bahn. Das Ereignis musste von den Falkenseern fotografiert werden, und zwar mehrfach und am besten von ganz nah. Präsident und Frau wurden so sehr umringt, dass die Sicherheitsleute – erkennbar am Ringelkabel im Ohr – ihre liebe Not hatten. Das Wort vom brüderlich-schwesterlichen Teilen aus dem Gottesdienst war offenbar schnell wieder vergessen worden: Kinder und Jugendliche, Mütter und Berufsfotografen rempelten sich bisweilen gegenseitig aus dem Bild. Vor allem viele Schüler baten um ein gemeinsames Foto mit dem Präsidenten. Junge Männer dankten Gauck für seine Arbeit, mittelalte Damen freuten sich darüber, dass er da war, und gestandene Journalisten baten den Staatschef um ein Autogramm. „Jaaa, dafür ist der Präsident gewählt“, sagte Gauck grinsend. Er schüttelte jede Hand und fühlte sich sichtlich wohl. „Ein munteres Leben und eine gute Stimmung hier“, sagte er. Nächstes Jahr woanders.

Von Jana Einecke

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