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Zu Besuch bei einem Schäfer im Havelland

Helmut Biermann züchtet seit 40 Jahren Merinofleischschafe Zu Besuch bei einem Schäfer im Havelland

Wir haben Schäfer Helmut Biermann besucht und begleitet. Dabei haben wir so einiges über Leitschaf 639, den Hund Sonja, den aktuellen Preis für ein Kilogramm Wolle vom Merinofleischschaf erfahren und wissen jetzt, an welchem Feiertag am meisten Schaffleisch verkauft wird. Zudem wurde klar, warum die Merinofleischschafe unbedingt einen Stall brauchen.

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– Sohn Arne packt mit an

Quelle: MAZ

Berge. "Kommt", ruft Helmut Biermann in den Wald hinein. Und noch einmal: "Kommt." Es ist früher Abend, seine Schafe müssen nach Hause, ehe es dunkel wird. Gemeinsam mit Hund Sonja will der 47-Jährige aus Berge die Herde zurück in den sicheren Stall führen.

Doch die Schafe mögen an diesem Tag nicht so recht. Unschlüssig stehen sie auf der Lichtung und mampfen weiter fleißig Gras.

Nur langsam setzt sich die Herde in Bewegung. Allen voran das Leitschaf, Nummer 639 - wie immer. Sonja passt auf, dass die Schafe nicht von den Felder naschen, denn das sehen die Landwirte gar nicht gern.

Der schwierigste Teil aber ist die Passage durchs Dorf und quer über die Bundesstraße 5. Helmut Biermann hat Verstärkung geholt, seine Frau fährt nun mit dem Auto vorneweg, ein weiterer Angestellter des Hofs bildet auf dem Fahrrad den Schluss. Der Tross ist eigentlich nicht zu übersehen, trotzdem bremsen längst nicht alle Autofahrer ab. Einmal, erzählt Helmut Biermann, habe jemand so lange gehupt, bis es ihm zu dumm wurde und er dem Wagen des Mannes mit seinem Hütestab eins mitgab. "Damals war ich aber auch noch jung", sagt Biermann. Heute würde er so etwas nicht mehr machen, meint er. Und fügt nach einer kleinen Pause hinzu: "Wahrscheinlich."

Die Schafe sind seine Schätze. Zwar besitzt er auf seinem Hof auch einige Kühe und Gänse, Kupferputen und Perlhühner, doch die meiste Zeit beschäftigt er sich mit seinen Merinofleischschafen. Als einer der letzten Schäfer in Brandenburg - und als einziger im Havelland - hält er an dieser einst so populären Rasse fest; es ist größtenteils sein Verdienst, dass sie in der Region überhaupt noch existiert. Im vergangenen Jahr wurde er deshalb auf der Brala (Brandenburgische Landwirtschaftsausstellung) im MAFZ-Erlebnispark in Paaren im Glien von Brandenburgs Landwirtschaftsminister Jörg Vogelsänger geehrt.

Merinofleischschafe seien anspruchsvoller als andere Rassen, erzählt Helmut Biermann. Ihre feine Wolle saugt sich bei Regen mit Wasser voll, es dauert Tage, bis sie wieder trocken ist. Deshalb brauchen Merinofleischschafe unbedingt einen Stall. Sie können nicht die ganze Zeit draußen stehen.

Helmut Biermann kennt sich aus mit den Bedürfnissen seiner weißen Freunde. Gerade erst wurden einige seiner Tiere auf der Bundesbockschau in Leipzig ausgezeichnet. 1975 schenkte ihm sein Vater die ersten zwei Tiere, da war er gerade sieben Jahre alt. "Von diesen beiden Tieren stammen noch heute die meisten meiner Schafe ab", erzählt er. 1984 absolvierte er seine Ausbildung zum Schäfer, nach der Wende machte er sich selbstständig und legte die Meisterprüfung ab. Die 24 Tiere von 1989 haben sich mittlerweile verzehnfacht, auf jetzt 240.

Zu DDR-Zeiten war das Merinofleischschaf eine weit verbreitete Rasse. Ein Kilogramm Wolle brachte damals 56 Ostmark ein, "davon konnte man gut leben", sagt Biermann. Heute bekommt er für die gleiche Menge nur noch 1,20 Euro. Auch Fördermittel bekommt er als Schäfer keine - die gibt es nur für die Beweidung von Deichen, Heideflächen oder Naturschutzgebieten.

Seit vier Generationen sind die Biermanns in der Schafzucht tätig, doch ob sein Sohn Arne (3) den Hof eines Tages übernehmen wird, wagt Helmut Biermann nicht zu sagen. "Es macht ja Spaß, aber man schafft eben keine Rücklagen."

Der Berger verkauft neben der Wolle auch Lammfleisch, auch jetzt zu Ostern. Andere Feiertage sind jedoch noch wichtiger: Christi Himmelfahrt oder der Georgstag, der von vielen orthodoxen Christen begangen wird, aber auch muslimische Feiertage. "Für Ostern haben dagegen nur ein paar Stammkunden Osterlämmer geordert", berichtet Helmut Biermann.

Vorerst wird er deshalb weiter mit der gesamten Herde über die Nauener Platte ziehen. "Die Spaziergänge sind gut für mich, so setze ich kaum Fett an", sagt der 47-Jährige und lacht. Seine Schafe machen es ihm leicht die Landschaft zu genießen. Dass sie pflegeleicht und gut zu hüten sind, hat sich mittlerweile herumgesprochen: Am letzten August-Wochenende wird erstmals die Berlin-Brandenburgische Hüteveranstaltung in Berge stattfinden, vielleicht aber auch im Nachbarort Ribbeck, weil dort mehr Publikum unterwegs ist. Dann werden die besten Schäfer des Landes versuchen, mit Biermanns Tieren klarzukommen. Der Sieger fährt weiter zum Bundesfinale.

Biermann selbst darf nicht teilnehmen, denn er hätte einen klaren Wettbewerbsvorteil. Er kennt seine Schafe schließlich ganz genau. "Los, Mädels, ihr seid jetzt satt", ruft er, als die Tiere wieder einmal zum Fressen stehen bleiben. Das Argument zieht, die Herde setzt sich in Bewegung. Allen voran das Leitschaf mit der Nummer 639. So wie immer.

Von Philip Häfner

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