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Bergerdamm: Geprägt durch Hanf und Badesee

Zuhause in... Bergerdamm: Geprägt durch Hanf und Badesee

Im Rahmen der Serie „Zuhause in“ geht es diesmal nach Bergerdamm. Der Ortsteil nordwestlich von Nauen, in dem 443 Menschen leben, besteht aus drei Siedlungen. Eine davon ist Hanffabrik, wo bis in die 70er-Jahre des vorigen Jahrhunderts tatsächlich Hanf angebaut und verarbeitet worden war. Vor allem junge Leute zieht es heute in den beschaulichen Ort.

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Die Radler Ines und Uwe Taeterow aus Linum haben kürzlich am Badesee in Bergerdamm eine Pause eingelegt.

Quelle: Tanja M. Marotzke,

Bergerdamm. Anstelle des Ortseingangsschildes der Siedlung Hanffabrik ist nur noch ein leerer Rahmen zu sehen.Wieder mal hat die Tafel mit dem außergewöhnlichen Ortsnamen einen unbekannten Liebhaber gefunden. „Das Schild wurde gefühlt schon zum 20. Mal gestohlen“, sagt Ortsvorsteher Torsten Strebel.

Der Name Hanffabrik kommt nicht von ungefähr. Bis Anfang der 70er-Jahre des vorigen Jahrhunderts wurde auf dem Feldern drumherum jahrzehntelang tatsächlich Hanf angebaut und auf einem Fabrikgelände verarbeitet. Die Samen nutzte man vorrangig zur Ölgewinnung und das Stroh für Stoffe, Zelte, Seilerwaren und Segeltücher.

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Im Rahmen der Serie „MAZ zu Hause in...“ geht es diesmal nach Bergerdamm. In dem Ortsteil nordwestlich von Nauen leben derzeit 443 Menschen. Er besteht aus drei Siedlungen. Eine davon ist Hanffabrik, wo bis in die 70er-Jahre des vorigen Jahrhunderts tatsächlich Hanf angebaut und verarbeitet worden war.

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Hanffabrik ist eine von drei Siedlungsteilen des Nauener Ortsteils Bergerdamm – neben Lager und Hertefeld. „Hier passiert nicht allzu viel“, sagt Torsten Strebel. Es gibt die Feuerwehr und den Angelverein, und es gibt eine Kita in Hertefeld. Die ruhmreichen Zeiten der Hertefelder Fußballer sind dagegen schon lange Vergangenheit. „Wir hatten wirklich Top-Fußballer“, sagt Strebel. An die Glanzzeiten von Traktor Hertefeld bis in die 80er-Jahre erinnern heute nur noch zahlreiche Pokale, die in einer Garage aufgereiht sind. Hanffabrik hat gerade einmal drei Straßen, Hertefeld und Lager noch weniger.

Strebel wohnt im Dorf Hanffabrik, in einer ehemaligen so genannten Schnitterkaserne, in der acht Familien leben. Er war immer in Bergerdamm zu Hause – anfangs in Hanffabrik, dann in Hertefeld, zuletzt wieder in Hanffabrik. Dort gab es sogar mal eine Schule bis zur 4. Klasse, der Ortsvorsteher selbst ging dort noch die ersten beiden Jahre zum Unterricht. Und immer war die Gegend landwirtschaftlich geprägt. Wenn nicht Hanf angebaut wurde, dann Getreide, Mais oder Kohl. Kriegsgefangene waren nach dem 1. Weltkrieg eingesetzt worden, um das Luch trockenzulegen. Ein Feldbahnnetz entstand. Und der Fabrikant Arthur Schurig sorgte zusammen mit der „Deutschen Hanfanbau-Gesellschaft“ dafür, dass der Hanfanbau vorangetrieben wurde. Schurig kaufte in den 20er-Jahren den Müll aus Berlin auf und schüttete ihn auf die Felder im Havelland, um sie urbar zu machen – auch in Bergerdamm. Der Müll enthielt so manche Schätze. „Wir haben als Kinder auf den Feldern Gold und Silber gesucht“, sagt Strebel. Mit dem Verkauf von Taschenuhren, Löffeln oder Gabeln besserten sie ihr Taschengeld auf. Pro Gramm Silber gab’s ein paar Ostmark. „Das haben damals sehr viele Einwohner gemacht.“

Der Ortsvorsteher freut sich, dass die Einwohnerzahl, obwohl nicht viel los ist, wieder zunimmt. „Die Kinder der älteren Bewohner kommen wieder zurück, bauen neu.“ Vor allem in Lager sind viele Häuser entstanden. „Es hat sich hier stark verändert“, meint auch Harry Bunzel. Der 63-Jährige ist in Lager geboren, hat in Bergerdamm sein Leben verbracht und wohnt auch wieder in seinem Geburtsort. Allein Lager hatte mal drei Gaststätten“, erinnert er sich. Im großen Saal des Dorfes fanden viele Veranstaltungen statt. Schon um 1900 soll es in Lager eine Trinkwasserleitung gegeben haben. Ein Lokschuppen der Kleinbahn stand dort früher auch.

Und wie in den anderen drei Orten von Bergerdamm gab es auch in Lager einen Konsum. Der befand sich im ehemaligen Gutshaus, zusammen mit der Schule und mehreren Wohnungen. Das Haus wird jetzt wieder von Privatleuten zum Leben erweckt. „Wir wollten schon immer so ein Haus haben und sind durch Zufall darauf gestoßen“, sagt Holger Haase. Auch die beschauliche Lage war mit entscheidend. Seit Jahren lebt die Familie auf der Baustelle. „Wir wollen es so herrichten, wie es früher mal war“, sagt der 53-Jährige. Jedoch sei es schwierig, an Originalunterlagen zu kommen. Im hinteren Teil hat er deshalb den Boden aufgegraben und war dort auf die alten Treppenfundamente gestoßen. Neben der Beschaulichkeit schätzt Holger Haase Bergerdamm-Lager noch aus einem anderen Grund: „Das Dorf entwickelt sich.“

Nicht mehr ganz so viel los ist am alten Badesee. Der entstand, als man in Bergerdamm die Rinderställe errichtet hatte und weißer Sand gebraucht wurde. „Zu DDR-Zeiten waren 150 bis 180 Leute keine Seltenheit. Sogar aus Nauen kamen sie dorthin“, weiß Torsten Strebel. Es gab damals sogar einen festen Imbiss auf der Liegewiese, der Eis, Brause und Bier verkauft hat. Heute ist es dort viel ruhiger, der See wächst am Ufer immer mehr zu.

Ein Jahr lang wollte Ilse Zeller eigentlich nur bleiben, als sie nach Hanffabrik kam. „Heute sind es 54 Jahre und das ist doch ganz schön“, sagt die 79-Jährige, die sich schmunzelnd als Ilse von Hanffabrik vorstellte. Allerdings bedauert sie es, dass es keinen Konsum mehr gibt, kein Poststelle und keinen Friseur. „Ilse ist so etwas wie unser Dorfmaskottchen, hat das Herz am rechten Fleck“, sagt Torsten Strebel. Und so war natürlich auch Ilse Zeller immer bei den Festen dabei, die seit 2013 im Dorf veranstaltet werden, hat dafür auch Kuchen gebacken. Seither fand das Einwohnerfest abwechselnd auf den Sportplätzen in Hanffabrik und Hertefeld statt. Am 13. August wird es wieder in Hertefeld sein.

Wie Ilse Zeller lebt auch Manuela Schmidt in Hanffabrik. Sie hat früher auf dem Fabrikgelände gearbeitet, als der Betrieb dort schon Plakotex hieß. „Das war recht günstig, wir hatten die Arbeit direkt vor der Tür“, meint sie. Schläuche, Planen oder Zelte entstanden in den Hallen – alles für die Armee. „Und wir hatten dort einen tollen Saal, wo wir immer schön gefeiert haben.“ Nach der Wende kam der Abriss der 1918 errichteten und 1992 stillgelegten Fabrik, 2005 wurde schließlich auch noch der Schornstein gesprengt.

Bergerdamm hat erst wieder seit der jüngsten Kommunalwahl einen Ortsbeirat. Torsten Strebel setzt sich seither gemeinsam mit Enrico und Erhard Halt für die Interessen des Dorfes ein. „Für wollen für das Dorf etwas machen, es positiv verändern“, sagt der Ortsvorsteher, dem der Ehrenamtsjob Spaß macht. Allerding würde er sich wünschen, dass sich auch die Zusammenarbeit seitens der Stadt Nauen verbessert. Er hofft unter anderem, dass es gelingt, den schlechten Zustand der Straßen zu verbessern. „Wir haben es angeschoben, dass ein Konzept erarbeitet wird“, sagt Strebel. Außerdem wollen alle gern wissen, ob bei der geplanten Solaranlage noch etwas passiert, nachdem schon vor längerer Zeit die stattlichen Bäume des Parkes in Hanffabrik gefällt worden waren. Ein im Dorf sehr umstrittenes Projekt.

Von Andreas Kaatz

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