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Besucheransturm im Olympischen Dorf

Elstal Besucheransturm im Olympischen Dorf

Vor 80 Jahren wurde das Olympische Dorf vor den Toren Berlins in der damaligen Gemarkung Döberitz eröffnet. Wegen der Olympischen Spiele in Rio und wegen des runden Geburtstages erlebt das Dorf einen Besucheransturm .

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Fasziniert sind die Besucher, die aus vielen Teilen Deutschlands kommen, besonders in der Schwimmhalle.

Quelle: Tanja M. Marotzke

Elstal. „Der Treff ist dort an der deutschen Eiche“, sagt Josefine Fichtelmann zu jedem, der bei ihr eine Karte für eine Führung kauft. Die junge Frau von der DKB-Stiftung hat an diesem Morgen am Einlass des Olympischen Dorfes in Elstal besonders viel zu tun. Mehr als 60 Leute haben sich gegen 11 Uhr eingefunden, einige Urlauber haben ihre kleinen Kinder mitgebracht, eine Familie sogar ihren Hund. „Das ist erlaubt, wenn er an der Leine geführt wird“, sagt Josefine Fichtelmann und ruft per Telefon Verstärkung. Sie ordert einen zweiten Führer, damit die Gruppe nicht zu groß wird.

Dann begrüßt Siegfried Schreiner seine heutigen Tagesgäste. Seit elf Jahren ist der Dallgower Rentner als Führer unterwegs. „Ich bin wirklich aus reinem Interesse am Olympischen Dorf zu dieser Aufgabe gekommen, habe viel gelesen und kenne hier inzwischen fast jeden Baustein“, erzählt der 73-Jährige. Dass er nicht übertrieben hat, zeigt sich im Laufe des dreistündigen Rundganges. Wer einen Spickzettel oder irgendwelche Hefte bei Siegfried Schreiner vermutet, sieht sich getäuscht. Der Mann hat alle Fakten und so manche Anekdote aus der Zeit der Olympischen Spiele von 1936 im Kopf.

Modell des Dorfes steht in der Turnhalle

Am Modell des Olympischen Dorfes, das in der Turnhalle in der Nähe des Einganges aufgebaut ist, erzählt er über die Gebäude, die Sportlerunterkünfte und das der gesamte Bau etwa 4 Millionen Reichsmark gekostet hat. „Wie die Nazis das finanziert haben, kann ich nicht genau sagen. Sie waren zunächst gegen die Spiele, weil sie keine Wettkämpfe mit anderen Nationen und vor allem mit Juden und Schwarzen wollten. Dann aber erkannten sie die Chance, die Spiele zu Propagandazwecken zu nutzen und haben deshalb keine Kosten gescheut.“ Das erste aus Stein gebaute Olympische Dorf mit 135 Eingeschossern und fünf Zweigeschossern war das Ergebnis.

Siegfried Schreiner  aus Dallgow (2vl) hat alle Fakten im Kopf

Siegfried Schreiner aus Dallgow (2.v.l.) hat alle Fakten im Kopf. Er führt seit elf Jahren die Gruppen durch das Dorf.

Quelle: Tanja M. Marotzke

Um Siegfried Schreiner gut verstehen zu können, müssen die 30 Leute sich immer dicht um den Mann versammeln, denn einen Audio-Guide gibt es in Elstal leider nicht. Ebenso schade ist, dass die Führungen derzeit nur in deutscher Sprache möglich sind, weil die einzig englische sprechende Führerin nicht mehr da ist und der Eigentümer des Areals – die DKB-Stiftung – erst Ersatz finden muss. Ob Verständigungsschwierigkeiten der Grund sind, dass drei Holländer nach einiger Zeit die Gruppe verlassen und allein auf Entdeckungsreise gehen, ist nicht klar. Sicher ist nur, dass alle Gebäude, bis auf das Jesse-Owens-Haus, für Individualbesucher nicht zugänglich sind.

Frauen waren in Berlin untergebracht

Aus Siegfried Schreiner sprudeln die Fakten über das Speisehaus der Nationen und die Schwimmhalle nur so heraus. Vorher weist er die Gäste noch auf die Reste des Wassergrabens neben dem Sportplatz hin, wo die Athleten für das 3000- Meter-Hindernis-Rennen trainieren konnten. Er berichtet über die bereits zu großen Teilen abgerissenen Sportlerunterkünfte. „Es gab 140 Häuser, nur noch 20 sind erhalten. Die sind aber nicht durch Kriegseinwirkungen beschädigt worden, sondern wurden von den nach 1945 hier stationierten Sowjetsoldaten zerstört.“ Die Frage eines Gastes, wo denn die deutschen Sportler gewohnt haben, kann der Dallgower sofort beantworten: „Im Dorf war nur Platz für Leute aus 41 Nationen. Die Deutschen kamen wie andere sieben Länder in den Kasernen in der gegenüber dem heutigen Eingang liegenden Siedlung unter.“ Wobei sowieso in Elstal nur männliche Sportler wohnten, die 328 Frauen wurden im Friesenhaus am Olympiastadion in Berlin untergebracht, der heutigen Geschäftsstelle von Hertha BSC.

Siegfried Schreiner führt durch das ehemalige Olympische Dorf

Siegfried Schreiner führt durch das ehemalige Olympische Dorf.

Quelle: Tanja M. Marotzke

Fasziniert sind die Besucher, die aus vielen Teilen Deutschlands kommen, besonders in der Schwimmhalle. Die DKB-Stiftung hat sie 2009/10 originalgetreu saniert. „Nur das Wasser fehlt“, ruft ein Gast . Sogar das originale Ziffernblatt der Hallenuhr ist erhalten.

Wo einst Marika Rökk tanzte

Im Speisehaus führt Siegfried Schreiner die Gruppe in den früheren Essensaal der Italiener. Der Tisch ist noch so eingedeckt, bis auf das Essen und Trinken, wie er 1936 aussah. „200 Köche und 300 Stewards sorgten hier damals für das Wohl der Sportler“, berichtet Schreiner. Und er erzählt auch, dass die Nazis den Bau des Speisehauses so anlegten, dass es nach den Spielen von 1936 sofort als Lazarett mit Operationssälen von der Wehrmacht genutzt werden konnte. „Der Krieg war geplant, das hat man auch an diesem Dorf ablesen können“, so der Dallgower.

Die Gruppe zieht vorbei an den olympischen Unterkünften

Die Gruppe zieht vorbei an den olympischen Unterkünften.

Quelle: Tanja M. Marotzke

Es folgt der Blick in den großen Saal des Hindenburghauses. „Dort stand einst Marika Rökk auf der Bühne“, sagt Schreiner. Bis zu 1000 Zuschauer fanden Platz, „obwohl es keinen zweiten Fluchtweg gab“. Die meisten Fotos machen die Gäste aber nicht von der Bühne, sondern von der gegenüber liegenden Wand, an der ein riesiger Lenin thront. „Den gab es dort 1936 aber noch nicht“, meint ein Gast lächelnd. Auch andere Überbleibsel der Soldaten und Offiziere der Roten Armee sind an den Wänden noch zu erkennen.

Nach knapp drei Stunden nähert sich die Gruppe dem Ausgang. Eine Berlinerin ist nach dem Rundgang völlig überrascht: „Ich war schon bei einer Führung im Olympiastadion. Dort gibt es nicht einen Hinweis darauf , dass nur 20 Kilometer weiter das Olympische Dorf existiert. Warum nicht?“

Diese Frage kann (oder will) Siegfried Schreiner nicht beantworten. Er freut sich nur über den Gästeansturm in Elstal und glaubt: „Das wird wohl an den Olympischen Spielen in Rio liegen.“

Von Jens Wegener

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